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WIEN / Staatsoper: LA TRAVIATA

15.03.2013 | Oper

 

WIEN / Staatsoper: 
LA TRAVIATA von Giuseppe Verdi
17. Aufführung in dieser Inszenierung
15. März 2013  

Wundersames, Wunderbares ist aus der Wiener Staatsoper zu berichten. Während draußen Temperaturen unter Null Grad herrschten und ein Teil des Opernpublikums zweifellos mit einer Erkältung kämpfte, fand Rolando Villazón seine Stimme wieder. Und zwar nicht irgendwie, sondern in so bemerkenswertem Ausmaß, dass er imstande war, einen vollgültigen Alfredo Germont zu singen, wenngleich die Expressivität des Ausdrucks im Vergleich zur Zelebration Verdi’scher Melodienschönheit im Vordergrund stand. Minimale Trübungen der Stimme gelegentlich, Spitzentöne, die klugerweise gar nicht erst versucht wurden, minderten diese Leistung nicht. Man käme nicht auf die Idee, dass dieser Tenor noch vor kurzem nicht mehr Herr seiner Mittel war. Wie das geschehen ist, wissen die Götter, aber wer Villazón liebt – und wer liebt ihn nicht? – , kann über diese Auferstehung nur glücklich sein. Wenn man angesichts seines letzten Wiener Nemorino dachte, er solle es doch bitte sein lassen und sich in Würde zurückziehen, wurde beschämt: Villazón hat gekämpft und zumindest an diesem Abend gezeigt, dass er gewinnen kann. Auch stimmlich.

Denn darüber hinaus hatte man es mit einer hoch beeindruckenden Darsteller-Leistung zu tun. Freilich, wenn dieser Alfredo anfangs dieser Violetta begegnet, umwirbt er sie zuerst mit jener ausufernden Körpersprache, die befürchten ließ, des Sängers Tendenz zum Clownesken würde sich unpassenderweise auch hier einschleichen, aber in kürzester Zeit fand hier nichts anderes statt als einfach ein bestrickendes Zusammenspiel der Hauptdarsteller. Gewiss, es war nun schon die dritte Aufführung dieser Serie, und Villazón und Marlis Petersen hatten Gelegenheit auszutesten, was in dieser (Nicht-)Inszenierung möglich ist. Aber vor allem haben zwei Sänger, die sich auf Augenhöhe begegneten, ein wahrlich virbrierendes Miteinander geboten. Man erinnert sich kaum, die Begegnung im dritten Akt so intensiv erlebt zu haben, Alfredos Enttäuschung und schier wahnsinnige Liebe, ihre Verzweiflung und ungebrochene Liebe, die die beiden über Abgründe zusammen treibt – faszinierend. Villazón war immer ein begabter Darsteller, der aber oft nicht wusste, wo er die Grenzen zieht. Diesmal hat er sich mit schlechtweg mitreißender Wirkung in das Schicksal seiner Gestalt geworfen und kein Theater, sondern für fühlende Zuschauer echte innere Bewegtheit erzeugt. Bedenkt man, dass die meisten von uns wohl keine Erinnerung an den Alfredo beschwert, der einst mit der Dessay die Premiere dieser Unglücksinszenierung gesungen hat, so wird man den Alfredo des Rolando Villazón, wenn man ihn an diesem Abend gehört hat, nicht so leicht vergessen.

Auch erstaunlich die Violetta der Marlis Petersen (deren Reimann-„Medea“ man immer mit Bewunderung in sich trägt). Denn zuletzt, im Theater an der Wien-„Hoffmann“, wirkte sie eher kalt und glatt, und tatsächlich entspricht ihre Stimme  nicht jenen Fetischisten, die virtuosen Verdi-Belcanto erwarten. Aber sie hat sich die Rolle großartig auf ihre Persönlichkeit zugeschnitten, auf eine exzessive Hektik, die sie souverän durch die erste Arie führte, während sie dann im Dialog mit Vater Germont schier unglaublicher Innigkeit fähig war und sich im dritten Akt auch in der körperlichen Auseinandersetzung faszinierend auf den Liebeskampf mit ihrem Villazón-Alfredo einließ. Auf einer leeren Bühne zu sterben, macht einer Sängerin in einem Wahnsinns-letzten-Akt zusätzlich das Leben schwer, aber wieder meisterte Marlis Petersen ihr Schicksal mit bemerkenswerter Differenziertheit (und man wird nicht so dumm sein, irgendeinen Schöngesang einzufordern oder einen schrillen Ton zu bemängeln). Eine Traviata der anderen Art, wie es schon die Dessay war (die von der Persönlichkeit natürlich als „arme Haut“ rührender wirkte), eine große Leistung, die vor allem im Zusammenspiel mit ihrem Partner diesen Glanz erhielt.

Fabio Capitanucci war schon bei der Premiere kein aufregender Germont, das ist kein Père Noble, wie ihn viele der großen Persönlichkeiten mit dröhnender Stimme auf die Bühne gestellt haben, sondern ein nicht sehr eindrucksvoller Herr im schäbigen Mantel, aber er singt die Rolle ordentlich. In der großen Arie (meines Erachtens die langweiligste, die Verdi je komponiert hat) legte er sogar ein paar Schluchzer ein…

Die Inszenierung hat viele Nachteile, einer davon ist, dass man keine Handlung, also auch keine Nebenfiguren wahrnimmt, folglich seien sie ausgespart. Was Paolo Carignani am Dirigentenpult betrifft, so hörte man, dass auch ein italienischer Maestro nicht immer verhindern kann, dass eine Aufführung quälende Sekunden lang zum Schwimmfest wird, aber im großen und ganzen war er den Protagonisten ein ebenso schwungvoller wie gefühlvoller, also exzellenter Begleiter.

Man könnte es damit bewenden lassen, um das Glück des Abends nicht zu trüben, aber man kann über diese Inszenierung, die man der Direktion wirklich zum Vorwurf machen muss, nicht hinweggehen. Dieses modernistische Null an Inspiration gibt nie Auskunft, was sich die Gestalter dabei gedacht haben (so sie sich etwas gedacht haben). Das kann man einen Sommer lang in Aix zeigen und dann wegschmeißen, fort mit Schaden. Aber in der Wiener Staatsoper solcherart jahrelang eine Nullnummern-Traviata anzubieten, wo etwa ein unschuldsvoller Neuling keine Ahnung davon bekommt, worum es da oben geht, das ist eine arge Fehlentscheidung. Es stehen nicht immer Marlis Petersen und Rolando Villazón auf der Bühne und spielen über alles hinweg – und liefern, vor allem im Vergleich zu den absolut leeren Gesten der „Aida“ am Tag zuvor, Oper, wie sie sein soll, als Musiktheater, das unter die Haut geht.

Renate Wagner

 

 

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