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WIEN / Staatsoper: LA TRAVIATA

30.01.2019 | KRITIKEN, Oper

 
Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper:
LA TRAVIATA von Giuseppe Verdi
60.
Aufführung in dieser Inszenierung
29.
Jänner 2019

Zwei der drei Hauptrollen neu besetzt, die Wiederkehr eines beliebten Tenors und der denkbar verlässlichste Dirigent am Pult: Die Rechnung ging auf, diese „Traviata“-Serie hat bestes Niveau, das Marco Armiliato am Dirigentenpult vorgab – Gestalter der Partitur, Sängerbegleiter und „Stimmung-Macher“ in hohem Grade, so dass das Publikum großzügig über die Inszenierung hinwegsah und stürmisch applaudierte, zwischendurch und nachher.

Die Russin Ekaterina Siurina sang ihre erste Wiener Violetta und beeindruckte mit einer Stimme, die so schlank und klar ist, wie man sie selten hört, auch die meiste Zeit bewundernswert „leicht“ geführt. Dass sich, wenn sie in der Höhe etwas forciert, ein leises Tremolo in die Gesanglinie schleicht, kann man auch als Dramatik interpretieren. Da sie so gar keine Höhenschwierigkeiten hatte, wundert man sich, dass sie in ihre Arie im ersten Akt nicht den triumphierenden hohen Schlußton einlegte, der zwar nicht in der Partitur steht, aber Violetta-Tradition ist. Nun, es ging auch ohne.

In dieser Inszenierung darstellerisch irgendwie zu beeindrucken, ist schon Eigeninitiative – Ekaterina Siurina spielte die Rolle gewissermaßen vom Blatt, tat immer das Richtige. Begeistert hat sie ganz am Ende: Das allerletzte Aufblühen, das Gefühl des Glücks, geheilt zu sein und in eine Zukunft zu gehen, bevor sie zusammen bricht, spielte sie so hinreißend, dass der Beifallssturm voll verdient war.

Auch neu, auch gut und interessant Ludovic Tézier als Giorigo Germont. Er ist einer der harten Väter – er stellt sich Violetta im zweiten Akt eisern entgegen, gnadenlos trocken und kalt (und manchmal ein bisschen heiser) in der Stimme, aber in voller Deckung mit dem Profil, das er der Rolle gibt: Kein Hauch von Belcanto, obwohl von Verdi so angelegt, vielmehr Verismo in Reinkultur.  Wenn dieser Germont im vierten Akt vom Bedauern darüber singt, was er Violetta angetan hat, ist es eine verbale Behauptung, dem eisigen Mann glaubt man es nicht. Das ist die Studie eines nicht zu erschütternden Bürgers, die wirklich beeindruckt. Tezier, der als Schauspieler nicht immer überzeugt hat, ist in dieser Rolle großartig.

Wieder da: Saimir Pirgu entwickelt sich rasant. Seine Stimme hat tatsächlich so sehr an Umfang gewonnen, dass man ihm all die Rollen zutraut, die er mittlerweile seinem Repertoire hinzugefügt hat. Die Stimme ist in allen Registern stark, hat Kraft für alle Ausbrüche (der Alfredo mag tatsächlich eine undankbare Partie sein, aber er muss an Dramatik einiges leisten) und schmettert mühelos alle nötigen Spitzentöne: Um Pirgu muss man sich keine Sorgen machen.

Dass er wie ein Liebhaber aussieht, wäre nur die halbe Leistung, wenn er ihn nicht mit so viel Engagement und Überzeugungskraft spielte: verliebt in diese Kurtisane, selig und glücklich mit ihr, vom Vater aus diesem Glück herausgerissen, getäuscht, unglücklich, verletzt, böse – und am Ende verzweifelt angesichts ihres Sterbens. Er ist immer stark präsent, spielt sich aus dem Hintergrund, in den Verdi ihn gestellt hat, bei jeder sich bietenden Gelegenheit erfolgreich nach vorne.

Die Nebenrollen finden in u.a. Zoryana Kushpler, Carlos Osuna, Sorin Coliban oder Clemens Unterreiner (die Armen stehen in dieser Inszenierung ja nur herum) achtbares Niveau.

Man soll nicht sagen: Verdi funktioniert immer. Auch eine „Traviata“ muss einmal gut interpretiert werden, um das Publikum zu begeistern.

Renate Wagner

 

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