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WIEN / Staatsoper: LA TRAVIATA

15.03.2015 | KRITIKEN, Oper

 

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Fotos: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: 
LA TRAVIATA von Giuseppe Verdi
35. Aufführung in dieser Inszenierung
15. März 2015   

Das Liebespaar und der Dirigent sorgten an diesem Abend für eine wahre „Power“-Traviata, wo es weniger um lyrische Tragik, als um große Gesten, gewaltige Töne und das ging, was man unter leidenschaftlicher „italienischer Oper“ versteht. Da schließlich viele Zugangsweisen zu einem Kunstwerk möglich sind, konnte man dieser schon einiges abgewinnen.

Wenn man Marina Rebeka nicht vor Jahren in dieser Rolle in der Volksoper (und zufällig als Einspringerin  in einer einsamen Aufführung vor eineinhalb Jahren in der Staatsoper) als Violetta gehört hat, war dies nun die erste Gelegenheit, sie in ihrer Paraderolle zu erleben, mit der sie nicht zufällig landauf landab in den großen Häusern der Welt zu hören ist. Sie hat sich diese Figur auf eine ganz persönliche Weise so zueigen gemacht, dass sie in jeder Inszenierung – auch jener in Wien, die einem von Mal zu Mal scheußlicher vorkommt – voll reüssieren kann.

Dass sie in jedem Detail weiß, was sie tut, was diese Frau empfindet, auch wenn sie bei Marina Rebeka alles andere als eine verblühende Kamelie, sondern eine kraftvolle Erscheinung ist, das erstaunt auch, wenn man die Rolle gut kennt. Dazu kommt ihr stimmlicher Zugang, der vielleicht nicht jedermanns Sache ist, aber sich überzeugend zum Ganzen fügt. Eigentlich erstaunlich, wenn man immer wieder hört, dass sie Piano ebenso beherrscht wie Mezzavoce, dass sie einfach jede Gelegenheit benützt, in Forte auszubrechen, was dann in den höchsten Höhen auch eine Menge Schärfe zu hören gibt. Aber über kurz oder lang steigt man in die Power-Violetta ein, zumal sie etwa die Koloraturen in der Arie des ersten Akts wirklich klar und souverän singt (die manche Kolleginnen gern verschmieren) und auch ihr „E flat“ draufsetzt, wenn auch nur kurz. Lyrische Innigkeit verströmt sie in eher kleinen Dosen (etwa im Duett mit Père Germont), springt, wie gesagt, immer auf die nächste Gelegenheit auf, volle Lautstärke zu bieten, wo sie mit Zurückhaltung vielleicht „schöner“ klingen könnte. Aber im Ganzen ist es eine so geschlossene, starke Leistung, dass das Publikum zurecht gepackt und auch begeistert war.

Stephen Costello war schon ihr Partner in der Met-Traviata (dort spielt man die Decker-Inszenierung, die wir mit der Netrebko bei den Salzburger Festspielen gesehen haben), und zwischen den beiden stimmt die „Chemie“ durchaus, und sei es nur, dass Costello (auch in der Kraftentfaltung) sein Äußerstes gibt, um mit der Partnerin mitzuhalten. Immerhin ein Kunststück, dass sein Tenor bei solcher Schonungslosigkeit in den meisten Fällen (nicht allen, aber die Ausnahmen sind zu vergessen) in der Höhe wirklich prachtvoll „aufgeht“, und im übrigen ist er in der Belcanto-Kantilene durchaus zuhause.

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Als Dritter im Bunde tritt mit Dmitri Hvorostovsky eine ganz große Persönlichkeit auf die Bühne, wenngleich man an diesem Abend den Eindruck hatte, er sei möglicherweise nicht im Vollbesitz seiner Kräfte (das Wetter? Auch wenn es nicht Null Grad hat?) – was überhaupt nichts ausmachte. Ein großer Künstler zeigt, wie man mit dem Material umgeht, wenn man – verzeihen schon, es so auszudrücken – mit den Kollegen nicht mitbrüllen kann. Der Rückzug auf das elegante Mezzavoce stimmt dann ganz mit einer Rolleninterpretation überein, die sich etwa völlig von jener Keenlysides (dessen aggressiver Ärger und peinlich berührte Distanz, die er Violetta im 2. Akt entgegenbringt) absetzt, wie man sie zuletzt gesehen hat: Der Père Germont von Dmitri Hvorostovsky lässt sich nach einigen strengen Tönen zu Beginn schnell von der Damenhaftigkeit und dem Edelmut Violetta überzeugen und begegnet ihr mit geradezu beschwörender Höflichkeit. Der „Père noble“ ist zurück, der auch (immer mit der so toll wirkenden weißen Haarpracht) nicht der gereizte Bürger, sondern der Grandseigneur ist.

Angesichts der Flora von Catherine Trottmann konnte man feststellen, dass sich das Arsenal der auffallend gut aussehenden Frauen der Ära Meyer um ein weiteres schönes Stück vermehrt hat, neben einer effektvollen, schlanken Bühnenerscheinung nahm man einen leicht metallisierten Mezzo wahr. Im übrigen sei wieder, à la Hofmannsthal, „das gewöhnliche Bagagi“ in den Nebenrollen vermerkt.

Marco Armiliato ruderte, wie üblich ohne Partitur, ganz im Sinn seiner Sänger am Pult der Philharmoniker, ein wunderbarer Begleiter, der etwa mit Hvorostovsky spürbar sensibler umging und das Liebespaar so hochpeitschte, wie es offenbar im Sinn der Titelheldin war. Eine Power-Traviata, wie gesagt, die man sich merken wird.

Renate Wagner   

 

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