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WIEN / Staatsoper: LA FILLE DU RÉGIMENT

28.04.2013 | Oper

 
Fotos: Wiener Staatsoper

WIEN / Staatsoper: 
LA FILLE DU RÉGIMENT von Gaetano Donizetti
Wiederaufnahme
10. Aufführung in dieser Inszenierung
28. April 2013  

Es gibt Opernabende (konkret etwa zuletzt die „Aida“), die als „Wiederaufnahmen“ figurieren und langweiliger sind als die abgelutschteste Repertoirevorstellung. Und dann gibt es Gegenbeispiele wie die Donizetti’sche „Fille du régiment“: Die blitzte und funkelte bei ihrer Wiederaufnahme wie neu, und die mit einer Ausnahme auch neuen Sänger wurden so perfekt in ihre Rollen eingepasst (Konzepte, die schließlich für andere geschaffen wurden!), dass man überhaupt nicht mit Vorgängern vergleichen will, weil das, was man jetzt zu sehen bekommt, schlechtweg gut, sehr gut, exzellent ist.

Man könnte meinen, der schlanke Mann, der sich ganz am Ende verbeugte, sei Regisseur Laurent Pelly selbst gewesen, der Hand an sein Werk gelegt hat. Wenn nicht (die Staatsoper hätte doch wohl verkündet, wenn die Proben von ihm selbst geleitet worden wären?), haben die hauseigenen Herrschaften hervorragende Arbeit geleistet.

Der Gerechtigkeit wegen muss man auch zu Beginn sagen, dass die Inszenierung mindestens die halbe Miete eines Abends ist – wenn nicht viel mehr. Pellys hoch ironische Umsetzung der „Comique“ von Donizetti (in der französischen Fassung ist die „Regimentstochter“ eben keine Buffa, sondern atmet den ganz anderen Charakter) ist ein Meisterstück, nicht nur in der ausdifferenzierten Personenführung, sondern auch beispielsweise in der Führung des Chors, und da (noch vor dem hinreißenden „geriatrischen“ Auftritt der Lemuren im letzten Bild) der Chor der Soldaten: Wann hat man die Herren je so individuell, so witzig, dabei als Kollektiv so überzeugend und überdies noch nach allen Gesetzen ironischer Stilisierung agierend gesehen? Da muss man wohl Jahrzehnte zurückgehen, bis zu den besten Schenk-Inszenierungen damals… Kurz, diese „Fille“ ist ein Goldstück rundum.

Tatsache ist, dass die Oper nach ihrer Premiere im April 2007 neunmal hintereinander gespielt wurde – und dann in der Staatsoper bis heute nicht mehr. Vermutlich, weil man meinte, dem damaligen Traumpaar nichts nachschicken zu können, was in den Augen des Publikums bestehen könnte. Nun, es gibt noch Überraschungen. Zumindest das Stehplatzpublikum hat sich jedoch von dieser Besetzung offenbar gar nichts erwartete, denn es erschien in äußerst geringer Zahl. Das sollte sich in den Folgevorstellungen ändern, wenn die Neugierde (die uns ja in allen Dingen des Lebens beseelen sollte) greift…

Marie, die Regimentstochter, ist bei Laurent Pelly bekanntlich nicht die schmucke Marketenderin mit  Tirolerhut (es gibt ein köstliches Foto von der so gestylten Joan Sutherland in der Rolle), sondern das rothaarige, bezopfte Naturkind, das schnippisch und glücklich mit seiner Soldatenfamilie (gleich ein ganzes Regiment) lebt und völlig zusammenbricht, als eine adlige Tante (die sich später als die Mama herausstellt) sie mitnimmt und zu einem Kunstgeschöpf verformen möchte: Pelly inszeniert Maries Widerstand zwar als höchstrangiges Virtuosenstück, lässt aber durchaus den Schmerz zum Tragen kommen, der in dieser Geschichte steckt. Und er fordert der Interpretin ungemein viel ab.

Aleksandra Kurzak bringt es. Die reizvolle Polin, die im Theater an der Wien als Donna Anna einst überfordert war, ist hier goldrichtig. Ein schlanker Sopran, der seine Koloraturen perlt, wenn auch eher im Dienst der Gestaltung denn als vor sich hergetragener Selbstzweck, treffsichere Spitzentöne (wenn auch manchmal ein wenig dünn), und eine Sängerin, die nicht nur als Darstellerin, sondern auch mit der Stimme gestalten kann – Koloratur kann bei Pelly zum tobenden Wutausbruch eingesetzt werden, die erzwungene „italienische“ Gesangsstunde so falsch gekräht und gekrächzt, dass es schon wieder ein Kunststück ist (und tatsächlich die Stimme so fordert, dass sie danach ein wenig nachlässt). Atemberaubend ist der Einsatz, den Aleksandra Kurzak als Marie bringt, ihre rührenden Seelenregungen, wenn es um „Papa“ Sulpice und den geliebten Tonio geht, die Ruppigkeit gegenüber der „Tante“, das atemberaubende Tempo, das sie vorlegt, die meisterliche Umsetzung von Pellys Stilisierung, ohne je das Menschliche zu verleugnen. Es ist eine runde, liebenswerte Leistung ohne Vorbehalt – so wird man ein Publikumsliebling.

 

John Tessier, von dem viele von uns – um die Wahrheit zu sagen – noch nie gehört hatten, für den man sich aber nun wahrlich interessiert, blickt auch schon auf eine mehr als zehnjährige Karriere zurück, wirkt aber immer noch pudeljung: Zu Beginn, wenn er in der Lederhose auftritt, das lange Blondhaar töricht mit Mittelscheitel herumschleudernd, erscheint er wie ein dümmlicher Junker Bleichenwang, der dann in Uniform schnell den richtigen „Liebhaber“-Zuschnitt gewinnt. Aber vor allem singt er, wie man es von einem Donizetti-Tenor erwartet – das helle Timbre, der harte Kern einer biegsamen, technisch gut geführten Stimme, die nur im Lyrischen noch etwas an Schmelz und Ausdruck zulegen soll und sicher wird – und die hohen Cs, aber ja, da sind sie, wie bestellt, er kann es wirklich hervorragend (dabei müsste er von rechts wegen die Nerven nach sich geschleift haben beim Hausdebut in einer Oper von der realen und übertragenen Größe der Wiener Staatsoper – und den gnadenlosen Erwartungen von Donzietti-Freunden, die diese Perlenreihe der C-Töne schon gehört haben). Nun weiß man es: Die Nachfolge im Florez-Fach ist keineswegs fraglich, was diesen jungen Sänger betrifft, ist sie gesichert.

Carlos Alvarez ist wieder da, wirklich wieder da, die Stimme klingt voll und schön (auch wenn der Sulpice ja keine so besonders große Rolle ist). Dass sich einer der elegantesten Herren der Opernbühne als Sergeant in einen dicklichen Glatzkopf verwandeln muss, schmerzt eine Damenwelt, die ihre Idole schön sehen will (wenn sie es denn sind wie Alvarez), aber er stellt natürlich eine so liebenwerte, herzliche, verschmitzte Figur auf die Bühne, dass man sich nicht sattsehen kann. Am Ende scheint er doch tatsächlich ernsthaft mit Maries Mutter zu flirten… Diese ist nun mit Aura Twarowska besetzt, die in Marcus Pelz einen urkomischen Haushofmeister hat.

 

Der Auftritt der Duchesse de Crakentorp ist ja nur eine Pointe, aber was für eine! Dass die Wiener Staatsoper für die Premiere damals Montserrat Caballé aufbot und es diesmal mit Kiri Te Kanawa genau so kostbar und teuer geben kann, macht den Opernfreund, der auf seine Wiener Staatsoper ja stolz sein möchte, zufrieden: Ja, auf genau diesem Niveau will man sich bewegen. Te Kanawa, die sich eigentlich 2009 von der Opernbühne zurückgezogen hat und glücklicherweise für diese spezielle Rolle (an der Met und Wien) kurz wiederkehrt, lässt keine Sekunde den Gedanken aufkommen, dass sie nächstes Jahr 70 wird – eine hinreißend schlanke Figur, ein Gesicht von der bekannten, gewohnten, ganz besonderen Schönheit, die sie stets auszeichnete. Sie genoss ihren großen Auftritt (immer wieder englische und deutsche Brocken in ihr Schulfranzösisch werfend), zelebrierte ihre Eleganz, blödelte mit aller Souveränität und ironisierte ihren Gesang, der sich nicht ganz so gut gehalten hat wie ihr Aussehen. Was soll’s? Sie singt ja nicht wirklich, zumindest nicht um des Singens willen, sie steht als das auf der Bühne, was sie einmal war: der überdimensionale Star. Es ehrte Aleksandra Kurzak, dass sie vor dem Vorhang in einem Knicks vor der großen Künstlerin versank – ein bisschen historisches Bewusstsein kann nicht schaden. Glücklicherweise brachte dies auch das Wiener Opernpublikum mit, das Dame Kiri mit Auftrittsapplaus begrüßte.

Guillermo Garcia Calvo, zu Beginn geradezu ruppig-martialisch unterwegs, legte im Lauf des Abends Elastizität zu und begleitete die Sänger sehr schön. Wie man weiß, funktioniert ein Opernabend – auch wenn alles sonst stimmt – ja nicht ohne guten Dirigenten. Und auch das klappte diesmal. Man konnte gar nicht anders, als nach der Aufführung Donizetti summend geradezu beschwingt aus der Staatsoper zu tänzeln…

Renate Wagner

 

 

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