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WIEN / Staatsoper: LA FANCIULLA DEL WEST

05.10.2013 | Allgemein, Oper

 

Fanciulla Szene

WIEN / Staatsoper:
LA FANCIULLA DEL WEST von Giacomo Puccini
Premiere: 5. Oktober 2013   

Alles ausverkauft, Sitzplätze, Stehplätze – die Fernsehübertragung, die ein großes Geschenk für alle Opernfreunde war, hat niemanden, der Karten ergattern konnte, davon abgehalten, live in die erste Staatsopern-Premiere dieser Saison zu kommen und einen stürmisch umjubelten Abend zu erleben. Er galt einem Werk, das nicht zu Puccinis meist gespielten gehört – zu Recht und zu Unrecht. Es gibt Gründe, dass „La fanciulla del West“ das Quartett von Puccinis „ewigen“ Opern nicht zum Quintett der Welterfolge erweitert. Und es gibt auch sehr viel für diese Oper zu sagen.

Dramaturgisch ist die „Fanciulla“ nicht durchwegs glücklich. Eine Oper, die lange auf ihre Heldin und noch länger auf den Tenor warten lässt und bis dahin nur „Volksszenen“ (um sie einmal  zu nennen) bietet, die im Grunde nicht wirklich übersichtlich ausfallen können, so sehr sich ein Regisseur auch bemüht, fesselt das Publikum nicht von Anfang an. Auch hat Puccini hier auf zielgerichtete Höhepunkte – die großen Arien, Duette, Chorszenen (im dritten Akt gibt es andeutungsweise eine solche) – verzichtet. Wenn der Tenor, bevor er gehenkt werden soll, doch noch in eine Arie ausbricht (schließlich sang Caruso die Uraufführung, das musste sein), so ist diese zwar eindrucksvoll, aber nicht mit dem zu vergleichen, was Rudolf, Cavaradossi und Kalaf hören lassen dürfen, und auch die Heldin kann sich keinen dezidierten Höhepunkt der Rolle abholen, den man dann in Opernkonzerten abliefert wie Arien der Tosca, Mimi oder Butterfly.

Fanciulla Minnie und die Maenner Fotos: Barbara Zeininger

Aber dafür ist Minnie eine der schönsten Frauenrollen, die Puccini je geschrieben hat, wenngleich es gut wäre, wenn man sie einmal wirklich jung besetzen könnte (schließlich sieht man auf der Bühne ihren allerersten Kuss und allerlei mädchenhafte Unsicherheit) – aber junge Sängerinnen können das eben nicht singen. Das ist eine Frau, die eine harte und dabei eigentlich verzagte, traurige Männergesellschaft in dem Goldgräbercamp zusammenhält, nicht als marketenderhafte Mutter der Kompagnie, sondern als Seelenfreundin für alle. Sie sagt es im letzten Akt, wenn sie dann die Schulden der Männer einfordert, die Dick Johnson weniger dafür aufhängen wollen, dass er ein Räuber ist, als dafür, dass er ihnen Minnie wegnimmt. Man muss dieser Frau glauben, dass sie um ihr Schicksal pokert und dass sie sich ihre Liebe buchstäblich vom Henkersstrick losschneidet – das ist doch etwas. Abgesehen davon, dass sie neben vielen lyrischen Passagen dann Ausbrüche à la Turandot hat: Das singt und spielt sich nicht so leicht. Aber wenn man eine doch fast ideale Besetzung hat wie nun in Wien…

Die von Puccini für die „Met“ geschriebene und folglich in Amerika, in einem Goldgräberlager in Kalifornien spielende Oper sieht heutzutage wohl nur noch in besagter Met auch wirklich nach „Wildem Westen“ aus, mit Minnie im flotten Cowgirl-Look (man betrachte die letzte DVD der Met-Aufführung mit Deborah Voigt, die durchaus ihren Reiz hat). Dazu kann man sich in Europa nicht entschließen, und Marco Arturo Marelli hat, wie immer sein eigener Ausstatter, da eine Zwischenlösung gefunden, die das Werk nicht so „alt“ aussehen lässt (also vielleicht als zeitgemäße Inszenierung durchgeht): Das Lager besteht aus Containern und Wellblech, wobei es sehr geschickt ist, im ersten Akt zwei „Stockwerke“ zu bauen, da man die zahlreichen Figuren besser streuen kann. Minnies Kneipe ist hier zwar eine bessere Würstelbude, aber doch das nötige Zentrum des ersten Akts. Minnies Wohnwagen im zweiten Akt sieht eigentlich in allen Inszenierungen mehr oder minder gleich aus (nur in Amsterdam gab’s da wirklich arge Schockfarben), und im dritten Akt hat Marelli die Bühne etwas leerer geräumt und einen Eisenbahnwaggon herbeigeschoben, damit Dick Johnson wirkungsvoller aufgehängt werden kann.

Im Rahmen dieser Optik (für die Kostüme – rustikal! – sorgte wie immer bei Marelli Dagmar Niefind) wird eigentlich sehr gutes Theater gemacht, mit ganz sorglicher Schauspielerführung, die besonders von den beiden begabten Hauptdarstellern höchst überzeugend umgesetzt wird. Nur das Ende… gewiss nicht einfach, dieses „Happyend und ab“ zu gestalten, in den Sonnenuntergang können die beiden in solcher Inszenierung ja nicht reiten, ein Auto wäre schwer auf die Bühne zu bringen, aber der Ballon in Farben des Regenbogens? Nichts an diesem Abend hat angedeutet, dass der Regisseur in irgendeine Irrealität abhebt, nur am Ende macht er Kindertheater, um zu zeigen, dass Oper keine realistische Kunstform sei? Nun, das Publikum hat sich nicht daran gestoßen, aber es bekam an diesem Abend schließlich genügend, woran es sich ergötzen konnte.

Fanciulla Kaufmann Stemme   Fanciulla Konieczny

Nina Stemme, die wundervoll durchglühte Isolde, muss hier im ersten Moment gegen die gewählte Optik spielen: die Jeans-Arbeitshose mit Latz, das Holzfällerhemd und vor allem die brennroten Locken, die eine Mischung aus Pumuckl und Pipi Langstrumpf aus ihr machen, gibt der Minnie gewissermaßen schrägen Charakter. Das Wunder der Stemme besteht darin, dass man in kürzester Zeit darauf vergisst und nur noch Minnie sieht – und hört. Mit diesem Wagner-Sopran, der biegsam und zart genug ist für die stillen Stellen, der natürlich die dramatischen Höhen pfeffern kann (wenn auch gelegentlich ein bisschen scharf). Aber vor allem der Gesamteindruck ist einfach goldrichtig: Man kann sich an dieser Frau gar nicht sattsehen und –hören.

Jonas Kaufmann sang an diesem Abend seinen ersten Dick Johnson. Er sieht (soo schlank, soo elegant) atemberaubend aus und ist ein wahrer Charmebolzen: Zusammen mit Minnie gehen da noch viele Damen in die Knie. Er spielt die Rolle bis ins Detail überlegt und durchdacht, immer sympathisch, immer präsent, wenn auch einen Schritt hinter Minnie – sie ist die Königin des Abends, er der Prinzgemahl. Mit seiner gaumigen dunklen Mittellage, über die sich die Spitzentöne schön und stark heben, ist er auch ein wahrlich kultivierter Sänger, und da es derer nicht so schrecklich viele gibt, genießt man es besonders.

Jack Rance ist einer der nachdrücklichen Puccini-Bösewichte, der immerhin Minnie glatt vergewaltigen würde, wenn er dazu käme. Tomasz Konieczny in schwarzem Leder, mit einer Polizeimütze, sieht aus wie ein gefährlicher Ostblock-Apparatschik, und wenn er nicht unter seinem Blondhaar nach Minnie schmachtet, ist er auch ziemlich unangenehm. Die Härte seiner Stimme korrespondiert in diesem Fall absolut mit dem Umriss der Figur. Dass er sich manchmal ein wenig anstrengen muss, liegt nicht an ihm, sondern an dem Dirigenten…

Im ersten Akt hat es Puccini geschafft (das ist eines der Virtuosenstücke dieser Oper), einen Chor quasi in lauter Einzelpersonen aufzuspalten. Als sich das gesamte Ensemble verbeugte, sah man erst, welche Mengen echter Protagonisten da aufgeboten werden musste, und die Wiener Staatsoper ist ein Haus, das sie hat. Norbert Ernst für Minnies „Kellner“, der ihre Kneipe führt und ein liebevoller Freund ist, Boaz Daniel als einer ihrer nachdrücklichsten Verehrer. Die anderen kann man nur auseinanderhalten, weil man sie eben kennt (zumindest die allermeisten)  – Clemens Unterreiner, Michael Roider, Hans Peter Kammerer, Peter Jelosits, Wolfram Igor Derntl, Carlos Osuna, Paolo Rumetz und  ein paar unserer zahlreichen Asiaten, Tae-Joong Yang, Il Hong, Jongmin Park sowie Alessio Arduini mit einem kurzen Solo-Auftritt als gut aussehender Bandit. Juliette Mars darf, in der Rolle sehr schwanger, die gute Seele verkörpern, die mit Minnie den Wohnwagen teilt.

Franz Welser-Möst hat sich nach eigener Aussage „La fanciulla del West“ gewünscht, weil sie so schwierig ist, eine echte Herausforderung für den Dirigenten, der nicht nur ein Riesenensemble zusammen halten muss (all diese Einsätze müssen ein wahrer Alptraum sein), sondern auch den hier ganz besonders differenzierten, in der Stimmung dauernd changierenden Klangteppich aufbereiten. Abgesehen von seinem alt bekannten Leiden, dass er gerne zu laut wird, ist ihm das mit den Künsten der Wiener Philharmoniker voll geglückt. Der Applaus artete zum rauschenden Fest für alle aus.

Renate Wagner

 

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