Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Staatsoper: LA CLEMENZA DI TITO

17.05.2012 | Allgemein, Oper

 
Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Staatsoper:
LA CLEMENZA DI TITO von W. A. Mozart
Premiere: 17. Mai 2012

So ganz versteht man es ja nicht: Auf dem Theaterzettel sah es einfach verführerisch aus. Garanca, Banse, Schade – kann man Mozart besser besetzen? Regie: Jürgen Flimm. Ein intelligenter Regisseur, kaum für Mutwillen bekannt. Was sollte da passieren? Und wieso ist das dann ein so lauwarmer, relativ uninteressanter Abend geworden? Welcher Teufel hat da in die Suppe gespuckt, dass eigentlich jemand hätte vor den Vorhang treten müssen und sagen: „Aus unerklärlichen Gründen erreichen die meisten Sänger heute Abend nicht ihre Bestform.“ Oper, das ewige Rätsel.

An „Titus“ lag es nicht, dem oft geschmähten Spätwerk. Mozart musste noch einmal eine Opera Seria schreiben, mehr noch: Es musste eine anbiedernde Huldigungsoper für einen neuen Kaiser sein, der sich offensichtlich nichts aus ihm machte und von dem er doch so viel erhoffte (es war Leopold II., welcher seinem Bruder Joseph II. folgte, der Mozart zwar „schreckliche viele Noten“ vorgeworfen, ihm aber doch eine Menge Wohlwollen entgegen gebracht hatte). Daher eine Opernhandlung, die in vielen Wendungen so albern ist, dass man sie kaum aushält, und von der man so gar nicht weiß, wie man mit ihr umgehen soll! Aber die Musik! Hat Mozart nichts genützt. Die alberne Kaiserin (die Mutter des späteren Kaiser Franz II. / I.) nannte es angeblich eine „porcheria tedesca“. Zumindest wir wissen, dass die deutsche Schweinerei ein Zauberwerk ist. Musikalisch.

Dass Dirigent Louis Langrée das nicht wirklich in den Griff bekommen hat, war der Wirkung der Staatsopern-Premiere zweifellos abträglich. Willkürliche Tempi, keinesfalls immer die Übereinstimmung zwischen Bühne und Orchestergraben und oft (man denke an die letzte Arie der Vitellia) ein eklatanter Mangel an Spannung vom Dirigenten her, der der Sängerin das Leben schwer machte. Das wahre Mozart-Premierenglück hat Dominque Meyer nicht.

Die beste, schönste und wichtigste Rolle des Stücks ist, wie man weiß, nicht der römische Kaiser Titus, sondern der unglückliche Sesto, der zwischen Liebe (zur böse-intriganten Vitellia) und Treue (zu seinem edlen Kaiser) zerrissen wird, schließlich auf diesen ein (missglücktes) Attentat verübt und daraufhin aus schlechtem Gewissen nur sterben will, allerdings von der titelgebenden Milde des Kaisers doch noch begnadigt wird. Man hat Elina Garanca schon vor sechs Jahren – damals war sie noch nicht ganz so berühmt wie heute – im Theater an der Wien in dieser Rolle gesehen und war hingerissen (das war aber auch eine Inszenierung damals!). Sie ist noch immer wunderbar, mit schöner, breiter, klingender Mittellage, nicht immer ganz lupenrein in der Höhe. Und sie gibt immer einen wunderschönen jungen Mann ab und spielt mit der Intelligenz der Sängerin, die weiß, dass zu viel genau so schlecht ist wie zu wenig. Kurz, ein idealer Sesto, ihre großen Arien waren Höhepunkte des Abends, bekamen auch verdient den meisten Applaus.

Was den Titus betrifft, so weiß jeder im Publikum, dass es Michael Schade viel besser kam, als er in dieser Aufführung hören ließ. Ist die Eiseskälte, die sich im Zuschauerraum breit machte (falsch eingestellte Klimaanlage?) auch auf die Bühne gekrochen? Jedenfalls wirkte Schade indisponiert, die Stimme klang flach, es gab angstvolle Momente, da man fürchtete, sie würde eingehen, die Leistung des Abends war von flackernder Unregelmäßigkeit, die große Arie im zweiten Teil aber dann zumindest einigermaßen gelungen. Da die Regie ihm die „Milde“ nicht recht glaubt, muss er die Zwiespältigkeit des Charakters mit bitterböser Miene (unter lächerlicher Schwarzhaarfrisur) demonstrieren.

 Garanca, Banse

Juliane Banse sang ihre erste Vitellia, und selbstverständlich will eine Sängerin sich weiterentwickeln, auch mit stimmlichen Herausforderungen eines anderen Rollenfachs, und wer sich Agathe und Evchen erobert hat, kann den dramatischen Mozart schon wagen. Aber es wäre schöner, wenn man die große Intrigantin stimmlich aus dem Vollen schöpfen könnte, statt hörbar am Rande der Möglichkeiten zu singen und für Ausbrüche weder Kraft noch Reserven zu haben. Oder war dies ein musikalisches Konzept, das man ihr auferlegte? Was die Darstellung betrifft, so sieht sie unter dem roten Lockenkopf mit bestrickender Figur in herrlichen Kleidern (Birgit Hutter) betörend aus, muss sich aber in Mimik und Gestik wie eine exzentrische Stummfilmdiva gebärden – die Dame zickt und sekkiert aus Sesto den Mord an Titus geradezu heraus. Die wahre negative Größe, die Mozart da gemalt hat, ist es nicht.

Mit dem Annio gewann Serena Malfi (mit einem Mezzo, der heller, leichter, aber auch schriller war als jener der Garanca) mit sympathischer Attitüde das Publikum, auch Chen Reiss in der doch nur kleinen Rolle der Servilia holte sich mit heller, angenehmer Stimme und freundlichem Wesen Bonuspunkte. Adam Plachetka „grollte“ den Publio stimmlich, er musste ihn ja auch als eine Art Schergen des Kaisers darstellen.

Womit man bei der Inszenierung wäre und Jürgen Flimm zugestehen muss, dass er doch ganz schön mutwillig sein kann. Nicht nur, dass er diesmal mit dem Bühnenbild von George Tsypin seinen oft gezeigten Sinn für Ästhetik völlig hinter sich gelassen hat: Die wackligen Wände, die aus allem Möglichen zusammen gestoppelt sind, wirken nur schäbig, sagen aber absolut nichts aus. Die Handlung soll in der „Gegenwart“ spielen – aber welcher? Es gibt Gewehre und Pistolen altmodischer Art, beim milden Titus werden plötzlich und unerklärlich Menschen mit vorgehaltenen Waffen über die Bühne getrieben, aber auch der mögliche Staatsterror bleibt vage. Was, wie, warum? Der Chor erscheint mit Notenständern, Noten darauf, singt solcherart. Wer ist Titus eigentlich zwischen einer Uniformjacke des 19. Jahrhunderts und Freizeitkleidung von heute? Diese Inszenierung schleppt massenhaft schöne junge Frauen auf die Bühne, auch exotische – selbst wenn das Berenice sein soll, die judäische Königin, mit welcher der historische Titus ein so leidenschaftliches Verhältnis hatte, was spielt das für Mozart eine Rolle? Nein, Jürgen Flimm deklariert sich nicht, er hat dem Werk nur einen unattraktiven Rahmen gegeben.

Dennoch war es nicht gerecht, dass sich beim Schlussapplaus die heftigen Buh-Rufe allein auf ihn und das Leading Team konzentrierten. Bei diesem „Titus“ lag schon einiges mehr im Argen.

Renate Wagner

 

 

Diese Seite drucken