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WIEN / Staatsoper: LA CENERENTOLA

27.01.2013 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
LA CENERENTOLA von Gioachino Rossini
Premiere: 26. Jänner 2013  

Natürlich könnte man Rossinis Aschenbrödel-Version „La Cenerentola“ auch dort spielen, wo sie  im Original angesiedelt ist, irgendwo im 18. Jahrhundert, wo es echte Fürsten, Kammerdiener und abgewrackte Adelige gab, aber erstens ist es ja schon bei Rossini nicht „echt“, sondern als Märchen gemeint – und zweitens wäre das natürlich schrecklich konventionell und keineswegs so „anders“ genug, wie man es heutzutage von einem Regisseur, der auf sich hält, verlangen kann.

Also versetzt Sven-Eric Bechtolf die Geschichte erstens in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts (die stickigste Epoche, die man sich denken kann) und zweitens in einen selbst erfundenen Zwergstaat irgendwo in Italien, wo dann die nötige Prinz / Aschenbrödel-Handlung doch stattfinden kann (man hätte natürlich auch einen heutigen Millionär und irgendeine Migrantin nehmen können, aber das wäre dann wohl zu weit gegangen). „San Sogno“ ist allerdings keinesfalls, wie der Titel assoziert, „traumhaft“, sondern ein Mittelding zwischen schäbig und schräg-chic, wie man es damals eben „trug“. Der Hofstaat besteht aus all den Typen, die man in einem kleinen Ort zusammen treiben kann, und das Wappen – ja, das Wappen: Da müssen doch alle herzlich gelacht haben, als ihnen einfiel, die italienische Flagge nicht mit Hammer und Sichel, sondern „Hummer“ (!) und Sichel zu schmücken. So bescheiden gibt man es mit dem Humor.

Das Publikum war jedenfalls willig – nach dem seltsamen Haus bei Don Magnifico kommt man bei Don Ramiro in keinen Palast, sondern in eine Garage: Links und rechts zwei Sportwagen, die in den Fifties vielleicht modern waren, heute wie wertvolle Oldies wirken. Szenenapplaus! Was will Ausstatter Rolf Glittenberg mehr.

Dass diese Phantasiewelt nun besonders sinnig oder besonders lustig bespielt würde, kann man nicht behaupten. Vielmehr scheint der Regisseur ernste Absichten auf ein Sozialdrama gehegt zu haben – so, wie Don Magnifico Anstalten macht, auf seine Küchengretel einzuprügeln, ist das jenseits des Märchenspaßes. Dumme Kleinigkeiten am Rande überzeugen ebenso wenig wie „Ideen“ – die große Ensembleszene besticht dadurch, dass sie im Dunkeln stattfindet und alle Beteiligten sich selbst mit der Taschenlampe ins Gesicht leuchten. Wenig Gelungenes, viel Verfehltes.

Vor allem rund um die Titelfigur, und so wurde auch die junge Tara Erraught bei ihrer Riesenchance – mit Mitte 20 eine Premiere in der Wiener Staatsoper – vom Regisseur verkauft. Eigentlich müsste die arme Geschundene ein Zaubergeschöpf sein, von dem man begreift, dass der Prinz sich auf den ersten Blick in sie verliebt. Hier schlechtweg entstellt (Marianne Glittenberg hatte zumindest für die bösen Schwestern ein paar wirkungsvollere Kostüme), darf sie im Kittelkleid sich mit der Bodenbürste durch die Haare fahren, offenbar weil sie keinen Kamm bekommt – das große tragische  Drama, das weder zur Musik noch zur Geschichte passt. Auch dann geschieht nichts, um das Entlein in einen überzeugenden Schwan zu verwandeln, und wenn eine Sängerin bis zu ihrer Schlussarie warten muss, um einigermaßen Effekt zu machen, ist eine Chance vertan. Das Publikum zeigte der jungen Dame im Hochzeitskleid beim Schlussapplaus, dass man sie ins Herz geschlossen hatte. Der Kritiker darf anmerken, dass man sich für die Stimme von Tara Erraught etwas mehr Fülle, Wärme und weniger verwaschene Koloraturen wünschte (letzteres vermutlich in Übereinkunft mit Dirigent oder Regisseur, um das Virtuosenstück zu vermeiden) – aber all das wird zweifellos noch kommen.

 

Überhaupt war dies von der Besetzung her kein ausgesprochener Glücksabend der Wiener Staatsoper. Wenn man für den Don Magnifico schon Urgestein wie Alessandro Corbelli engagiert, wo manchmal kaum noch Stimme da ist, erinnert man sich, dass man dergleichen selbst im Haus hat – und womöglich besser. Wenn man einen Rossini-Prinzen zu besetzen hat, nimmt man sich nicht einen jungen russischen Tenor, der in der Verkleidung als Chauffeur (die zeitgemäße Diener-Variante) aussieht wie ein Chauffeur und man versteht, dass die Magnifico-Töchter ihm nicht einmal einen halben Blick schenken. Er fällt nicht auf. Und wenn er singt, fehlt es bei Dmitry Korchak an Beweglichkeit ebenso wie an leichter Höhe, und wo das Lob für Belcanto-Rollen anderswo herkommen mochte, hörte man an diesem Abend nicht.

Ein Totalausfall war Hausdebutant Vito Priante als Dandini, nicht nur wegen einer trockenen, uninteressanten Stimme, sondern auch wegen Nicht-Präsenz. Ildebrando D`Arcangelo, der einen lebhaften Dandini hätte spielen und singen können, widmete seine Qualitäten nun dem Alidoro – aber man hat nicht das Gefühl, dass er schon ins „ältere Fach“ übergehen müsste.

Nicht nur die Herren der Schöpfung hielten sich an Cenerentolas böse Schwestern. Beider erster Auftritt erfolgte im BH (in jenen seltsamen Formen, wie er in den fünfziger Jahren üblich war und heute schon amüsant-nostalgisch wirkt), Valentina Nafornita glänzte außerdem im spitzenbesetzten Unterhöschen, das war Fleischbeschau vom Feinsten, vielleicht nicht den besten Geschmack eines tief spekulierenden Regisseurs offenbarend, aber, wie gesagt, ein Vergnügen für die Herren. Die Nafornita und ihr Schwesterchen Margarita Gritskova bekamen, wie erwähnt, einiges Hübsche zum Anziehen (à la Caterina Valente im Kino von anno dazumal) und sangen vorzüglich. Der Abend hätte auf besseren Beinen gestanden, könnte man das von allen ihren Kollegen auch sagen.

So gänzlich konnte Jesús López-Cobos Orchester, Chor (Leitung: Martin Schebesta) und Solisten nicht immer zusammen halten, aber angesichts der Schwierigkeiten, die Rossini bereitet, war dies des Abends geringstes Problem. Und außerdem – den Zuschauern hat’s gefallen. Zwar gab es schon ein paar Buh-Rufe für den Dirigenten und ein paar mehr dann für das Leading Team, aber letztendlich hat es für einen Premierenerfolg gereicht. Der Kritiker, der es in San Sogno wahrlich nicht traumhaft fand, ist selbst schuld?

Renate Wagner

 

 

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