18.12.2025: Wiener Staatsoper LA BOHÈME
Süßeste Geigenmelodien zum todtraurigen Abgesang
Franco Zeffirellis aus dem Jahr 1963 stammende Inszenierung der wohl rührseligsten aller Opernliebes- und -leidesgeschichten braucht in ihrem – in einem Menschenleben gedachten – (zumindest Damen-)Pensionsalter nicht mehr gelobt zu werden. Eine kongeniale zeitlose allgemeingültige Umsetzung des traurigen Liebens und Sterbens der unheilbar an Tuberkulose erkrankten Pariser Näherin Mimì, ohne Experimente, ohne (Pseudo-)Verkopfung, ohne Figurenverdoppelung, ohne Spielstättenveränderung in den Weltraum (wie jüngst in Paris). Es wird einfach eine herzzerreißende Geschichte, die das Publikum in ihrer emotionalen Geradlinigkeit nach wie vor in seinen Bann zieht, erzählt. So muss Oper.
Der Italiener Giacomo Sagripanti, in den letzten Jahren nicht nur in Wien höchst erfolgreich, führt das blendend disponierte und spielfreudige Orchester der Wiener Staatsoper durch alle Höhen und Tiefen der Puccini-Seligkeit. Da gibt es einzelne Passagen im Bläser- und Violinenspiel, die selten so herausgearbeitet und stringent erklangen, da ist es der fein zurückgenommene dritte Akt, in dem das Wissen um Mimìs baldiges Ende in seiner Düsterkeit die Szene beherrscht, da ist es das Zwiegespräch zwischen erster Geige und Violoncelli, das die süßest-traurigsten Momente im vierten Akt untermauert.
Alle Augen und Ohren waren aufmerksam auf Juan Diego Flórez, einen der wenigen wirklichen Weltstars im Operngeschehen, gerichtet, der sich dem Wiener Publikum nunmehr als Puccinis trauriger Poet vorstellte. Trotz seiner beinahe 53 Jahre verfügt der in Wien lebende Peruaner über ein juveniles Auftreten und Aussehen, um das ihn wohl viele seiner jüngeren Tenorkollegen beneiden würden. Von den ersten Phrasen in der Mansardenwohnung mit seinen Kumpanen über das liebevoll-zurückhaltende, dann aber doch drängende Kennenlernen seiner Mimì, über die wenigen fröhlichen Momente im 2. Akt bis hin zur Machtlosigkeit im 3. Akt und der Ausweglosigkeit am Ende durchlebt er jede Facette des Rudolfo mit einer beispiellosen Überzeugungskraft. In musikalischer Hinsicht gelingt „natürlich“ die große Arie mit einer famos geschmetterten „Speranza“ besonders, aber auch in den lyrischen Momenten des 3. und 4. Aktes ist er mit seiner beweglichen, zart und feinfühlig timbrierten Stimme ganz der Tenorweltstar, den das Publikum erwartet.
Die Australierin Nicole Car hat sich in den letzten Jahren zu Recht als Fixstern unter den großen Sopranistinnen etabliert. Ihre grundsätzlich schön und weich timbrierte Stimme, die sie in den richtigen Momenten „öffnen“ kann, die dann allerdings doch eine charakteristische, manchmal etwas herbere Note aufweist, eignet sich grundsätzlich hervorragend für die Interpretation der traurig liebenden Mimì. Nur selten ist ein Tremolo zu hören, die Arie im 3. Akt wird mit großer Innigkeit gestaltet. Vielleicht fehlt an der einen oder anderen Stelle ein wenig die Zerbrechlichkeit.
Sehr erfreulich die Begegnung mit dem moldawischen Bariton Andrey Zhilikhovsky, dessen angenehmer Bariton derzeit noch im Belcanto-Fach zu Hause zu sein scheint, aber als Marcello jedenfalls eine sehr gute Figur macht.
Ungewöhnlich „voluminös“ ist die (zumeist mit Soubretten oder leichten Koloratursopranistinnen besetzte) Musetta von Anna Bondarenko, deren Stimme eine vergleichsweise hohe Dramatik mit exponierten tiefen, metallisch klingenden Tönen aufweist. Ein ungewöhnlicher, aber nicht uninteressanter Zugang.
Rollendeckend der Rest der Mansarden-Community: Ivo Stanchev als Colline und Jusung Gabriel Park als Schaunard sind erfreulich klingende Wegbegleiter des tragischen Liebenspaares.
Tränen und Taschentücher am Ende. Opernherz, was willst du mehr?

