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WIEN / Staatsoper: LA BOHÈME

04.12.2012 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
LA BOHÈME von Giacomo Puccini
4. Dezember 2012  
395. Aufführung in dieser Inszenierung

Eine Aufführungsserie von „La Bohème“ mit Piotr Beczala in der Rolle des Rodolfo füllte die Stehplätze der Staatsoper wieder einmal gänzlich – auf der Galerie bis zum letzten „Käfig“. Schließlich hat sich der Pole im allgemeinen Auf und Ab der Tenöre, wo derzeit kein „Assoluto“ feststellbar ist, konsequent an die Spitze gearbeitet. Heute ist er der verlässliche Netrebko-Partner, und das garantiert schon den höheren Medienruhm. Beweisen müssen sich Sänger aber nicht auf den Zeitungsseiten, sondern auf der Bühne. Und der Tenor tat es.

Piotr Beczala hat zwar keinen genuinen „Italianità“-Tenor, dazu ist seine Stimme in der Substanz zu hart, aber was schönes Timbre, sichere bis glanzvolle Spitzentöne und voller gesanglicher Einsatz vermögen – er hat es geboten. Auch konnte man ihm diesmal, wie zuletzt noch bei seinem Edgardo in der „Lucia“, keinesfalls mehr vorwerfen, etwas steif auf der Bühne zu stehen: Da war die spürbare Absicht, sich nicht nur darstellerisch ganz zu beteiligen, sondern die Rolle auch zu erfüllen, vom unbeschwerten Bohèmien des Beginns über den begeistert Liebenden bis zum tragischen, leidenden Helden. Wer des Tenors wegen (der übrigens ein Schnauzbärtchen präsentierte!) in die Vorstellung gekommen war, konnte sie befriedigt verlassen.

Glücklicherweise gab es beim „Gesamtbild“ des Abends keine niveaumäßigen Abgründe, wie man sie kürzlich bei Donizetti kolportiert bekam – das war, im übrigen durchwegs mit Ensemblemitgliedern besetzt, ein runder, ordentlicher „Bohème“-Abend, wenn man ihn sich auch nicht mit goldenen Lettern in sein privates Opernbuch eintragen wird. Aber Anita Hartig beispielsweise ist eine sehr deckende  Mimi – eine angenehme Erscheinung, die perfekt zu der kleinen Näherin passt (und nie den großen Star aus ihr macht wie Prachtdamen à la Gheorghiu), mit einer schlanken Stimme, die gut geführt auch die nötige Innigkeit verbreitet, kurz, eine sehr gute Besetzung, sieht man von ein paar Höhenschärfen ab.

Valentina Nafornita, die auch anderswo von sich reden macht (etwa als Gilda in Mailand), sang ihre erste Wiener Musetta, von der man weiß, dass sie absolut keine einfache Partie ist: Im zweiten Akt bei allem Gezanke und Herumgetobe nicht allzu scharf zu werden, gelingt selten, aber die Sängerin setzte ihre Quietscher wenigstens mit Persönlichkeitsnachdruck und beherrschte die Szene. Wie viele Musettas war sie dann still und verhalten im 4. Akt eindrucksvoller.

Ebenfalls erstmals hörte man Alessio Arduini in Wien als Schaunard (die Rolle, die er im Sommer in Salzburg neben Netrebko und Beczala – bzw. dessen Ersatztenören – schon interpretiert hat). Man hörte einen bemerkenswert nachdrücklichen Bariton, der sich für größere Partien empfiehlt. (Mit seinem überlangen Schwarzhaar hätte man ihn gleich in den nächsten Mafia-Film stecken können oder zumindest überzeugend zu den „Tosca“-Schergen, so dämonisch sah er aus.)

Für Adrian Eröd ist der Marcello wieder eine Rolle, in der er seine verbürgte Spiellust und Laune austoben kann (allerdings hätte man ihm „Merker“-haft gleich ein paar Mal unüberhörbares Distonieren ankreiden können). Selten ist Dan Paul Dumitrescu als Colline besetzt – ein bisschen älterer Herr für den Bohemien, aber eine schön gesungene Mantel-Arie, nach der sich keine Hand rührte, was nicht nett war. Falls es Alfred Šramek irgendwann langweilig werden sollte, immer als Benoit und dann als Alcindoro auf der Bühne zu stehen (als ob der Hausherr und der gefoppte Freier ein- und dieselbe Person wären), lässt er es sich nicht anmerken – wer auf seine Lazzi wartet, bekommt sie auch.

Franz Welser-Möst, der mittlerweile ohne den „Generaldirektor“ auf dem Programmzettel steht (und das ist gut so, Titel hat man, man muss sich nicht noch draufsetzen), dirigiert immer wieder gern Repertoire-Puccini, obwohl man nicht sicher ist, dass er ihm ebenso gut liegt wie Wagner, Strauss oder Janacek. Ehrlich – bei diesem Tränendrüsen-Reißer könnte das Orchester ruhig ein bisschen mehr Gefühl zeigen ( „schmalzen“, wenn man so will) und es nicht allein mit kräftigem Ausmusizieren bewenden lassen. Erst im vierten Akt, wenn es dann ans Sterben geht, war auch der Dirigent geneigt, mehr musikalische Stimmungswerte zuzulassen.

Renate Wagner

 

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