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WIEN / Staatsoper: IL BARBIERE DI SIVIGLIA

19.05.2019 | KRITIKEN, Oper

 
Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper:
IL BARBIERE DI SIVIGLIA von Gioachino Rossini
429.Aufführung in dieser Inszenierung

18. Mai 2019

Ausverkauft bis auf den letzten Sitz- und Stehplatz – kein Wunder, es war ja auch etwas Besonderes zu feiern (abgesehen von den 150 Jahren, die wir unsere Staatsoper am Ring schon haben, die einst als k.u.k. Hofoper eröffnet wurde). Juan Diego Florez, der in Wien lebt und folglich hier mehr singt als sonst wo (mit seinen Opernauftritten ist er selektiv geworden), hat vor (fast) genau 20 Jahren, am 4. März 1999, am Haus debutiert. Als Graf Almaviva im „Barbiere“ (damals war Simon Keenlyside sein Figaro und Stefania Bonfadelli die Rosina). Diese Rolle hat er mittlerweile seit 2003 (zuletzt an der Seite von Carlos Alvarez als Figaro) hier nicht mehr gesungen. Und es gab ja die „Sorge“, wenn dergleichen eine ist, dass er mit seinem neuen Repertoire (vor allem Verdi, der Herzog, Alfredo, und den Franzosen) die Rossini-und Belcanto-Rollen ablegen würde, mit denen er berühmt und eine fixe Größe am Opernhimmel geworden ist.

Nun also – 20 Jahre danach, wieder der Almaviva, wieder einmal, anders als früher und genau so gut. Die Stimme hat durch Verdi zugelegt, sie ist nicht mehr so glatt und weiß wie früher, etwas voller, etwas wärmer und noch immer typisch Florez, mit den todsicheren, strahlenden Höhen, die er so gern frontal ins Publikum schmettert. Er hat sich auch – kleines Geschenk fürs Publikum und für sich selbst? – am Ende noch die sonst meist gestrichene Arie „Cessa, di più resistere…“ * eingelegt, in dem richtigen Gefühl, dass in dieser ausgewogenen Ensembleoper der Tenor gar nicht so viel zu singen hat, wie man von ihm hören will. Also, die eingefügte Draufgabe vor dem Finale, zum Entzücken des Publikums. Im übrigen war Florez auch darstellerisch voll ambitioniert – vor allem in der Verkleidung als Abbé-Musiklehrer (mit Brille und langen Locken) war ihm kein Geblödel fremd, er hüpfte geradezu durch den Rossini-Spaß. Man ist offenbar mit 46 so jung, wie man nur sein kann… Und ein Jubiläum (die Staatsoper hätte es ruhig auf den Programmzettel schreiben können) wollte ja gefeiert werden.

Er bekam in Margarita Gritskova eine ziemlich ideale Rosina. Nein, Carmen ist sie noch keine, aber das verliebte Teufelchen, das ihren Lindoro so sehr anschmachtet, liegt ihr ideal – übrigens auch in der Stimme: schöne Tiefe, souveräne Höhe und die Leichtigkeit für alle Verzierungen, die Rossini ihr abverlangt.

   
Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

Komischer Motor des Abends ist mehr denn je Paolo Rumetz als Dottore Bartolo, mit Selbstironie, graziös-tänzelnder Slapstick-Komik und punktgenauem Setzen der Pointen. Man kann über ihn Tränen lachen – und am Ende tut er einem doch leid…

Dazu kam Sorin Coliban als stimmlich schön tiefer, darstellerisch absichtlich plumper Basilio – und der Debutant des Abends: Der 33jährige Salzburger Rafael Fingerlos, der in Wien seinen ersten Rossini-Figaro sang. Wie? Nun – vorsichtig, und das ist ja auch logisch. Er muss die Rolle (für die seine Stimme fast zu hell ist) auf dieser Bühne schließlich erst austarieren, Erfahrung gewinnen, trittfest werden. Außerdem hat der Titelheld – außer seinem „Lalalalera“ zu Beginn – gar nicht so viel zu singen, er muss sich auch seine Präsenz erarbeiten. Er wird.

Am Dirigentenpult stand Evelino Pidò, der große Maestro, und wenn der Abend von Zeit zu Zeit musikalisch durchzuhängen schien, lag es an ihm. Mit Ausnahme der Stellen, wo das Prestissimo einfach nicht zu vermeiden ist, wirkte er stets um einen Tic langsamer, als man Rossini gerne hört (aber er kann das zweifellos aus der Partitur belegen). Immerhin, die Aufführung dauerte drei Stunden, und das ging nicht nur auf das Konto der zusätzlichen  Florez-Arie… Stürmischer Jubel, wenn der Applaus dann auch nicht so lange währte, wie man es erwartet hätte. Und Blumen gab es auch keine. Kein Verlaß mehr auf die Fans!

Renate Wagner

  • Die Information über „Cessa, di più resistere… „, die ich in vielen Jahren „Barbiere“ bewusst noch nie gehört habe, verdanke ich dem Hinweis der Merker-Leser im Forum. Vielen Dank.

 

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