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WIEN / Staatsoper: IL BARBIERE DI SIVIGLIA

08.01.2019 | KRITIKEN, Oper

 
Adam Plachetka  / Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper:
IL BARBIERE DI SIVIGLIA von Gioachino Rossini
426. Aufführung in dieser Inszenierung

7.  Jänner 2019
 

Die Staatsoper besetzte einen „Barbiere di Siviglia“ ganz aus dem Haus heraus, kein Quentchen Weltstar lockte (da muss man schon bis Mai auf Florez warten, der wieder einmal den Almaviva singen will) – aber dem „fast ausverkauft“ des Abends tat es keinen Abbruch. Rossini liebt man eben. Und die Rennert-Inszenierung mit ihrer ingeniösen Ausstattung ist schon einmal ein Garant dafür, dass das Publikum von außerhalb nicht in der Pause davonläuft (wie etwa in der Beton-„Rusalka“)…

Vielleicht darf man eine kleine Wiener Sentimentalität an den Anfang stellen. Wenn man nachdenkt, in wie vielen Rollen man Ildikó Raimondi nun schon seit Jahrzehnten in der Staatsoper gesehen hat, von Mozart bis Strauss und Strauß (ihre Rosalinde hat uns begleitet), von der Marzelline über die Musetta bis zur Alice Ford… sie war, nein ist, ein Fixpunkt des Hauses. Ist es Ensemblegeist, nun die Marcellina zu singen, eine kleine Rolle, die trotz ihrer Arie als klassische „Wurzen“ gilt? Es ist viel eher der Beweis, was eine Künstlerin aus Möglichkeiten machen kann – kurz, Ildikó Raimondi bewies an diesem Abend mit ihrer erster Haushälterin beim Dottore Bartolo, dass die Dame kein unwirscher Trampel sein muss, sondern ein Hingucker sein kann (so hübsch war noch keine „Putze“), so keck im Spiel und fröhlich im Gesang, dass eine unübersehbare Figur auf der Bühne stand, die Wichtiges zu diesem Abend beitrug. Wenn es heute heißt, 50 plus sei das neue 30, sehe man sich nur diese Raimondi an…

Der andere Rollendebutant des Abends war Adam Plachetka, der zwar beim „Dienstpersonal“ grundsätzlich besser aufgehoben ist als in den „Herrschafts“-Rollen, aber dennoch keinen idealen Figaro abgibt. Vor allem, weil er ein so schrecklich brutaler, unkultivierter Sänger ist. Bedenkt man, mit welcher Akkuratesse Rossini sprachlich und gesanglich interpretiert werden will, dann reicht es zwar, die große Arie einfach laut „hinauszubellen“, wenn man lauten Beifall will – aber glücklich wird man den Rossini-Freund damit nicht machen.

Das gelingt auch Pavel Kolgatin nicht. Der Almaviva ist in Wien – neben dem Tamino in der „Kinder-Zauberflöte“ – seine größte Rolle, und in Nebenrollen kann man ihn wohl auch besser einsetzen. Er mag zwar den schlanken Tenor für Rossini-Rollen haben – aber sein gequetschtes Timbre prädestiniert ihn nur für die parodistischen Stellen der Rolle. Dort, wo Belcanto fließen müsste, wird der Zuhörer nicht bedient.

Margarita Gritskova ist als Rosina die quirlige Schönheit, als die man sie kennt, lässt in der Mittellage und der Tiefe auch schöne dunkle Töne hören (während die Höhe oft scheppert), ist aber alles andere als wirklich Rossini-stilsicher, ebenso wenig wie Ryan Speedo Green als Basilio, der einfach vor sich hinorgelt, wo der Komponist doch präzise geführte Stimmen mit Kern verlangt.

Natürlich hat es Paolo Rumetz im Vergleich zu den Kollegen schon einmal leicht, weil er Italiener ist, also über keinerlei Schwierigkeiten stolpert, die Rossinis Prestissimo den Kollegen aus Ost und West auferlegt. Dazu hat er, während alle herumschwanken und irgendetwas spielen, ein Feeling für genaue Pointen und für so etwas wie verfremdete Slapstick-Komik. Näher als er war an diesem Abend, den Dirigent Michael Güttler flott am Laufen hielt, den Anforderungen des Komponisten keiner.


 Paolo Rumetz, Ryan Speedo Green   

Ich durfte inmitten einer „russischen Kolonie“ sitzen, die sich alle zweifellos freuten, Landsleute auf der Bühne zu sehen. Das Publikum, von Stilfragen nicht belastet, vom großen Rossini fraglos bestens unterhalten, spendete reichen Applaus.

Renate Wagner

 

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