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WIEN / Staatsoper: I VESPRI SICILIANI

15.09.2012 | Oper

WIEN / Staatsoper:
I VESPRI SICILIANI von Giuseppe Verdi
15. September 2012 

Vierzehneinhalb Jahre nach der Premiere taucht Verdis „Sizilianische Vesper“, selten genug gespielt, wieder einmal im Repertoire der Wiener Staatsoper auf – in jener ziemlich unseligen Wernicke-Inszenierung und –Ausstattung, die nur aus einer Treppe und jeder Menge von Ungeschicklichkeiten besteht: Friede seiner Asche dennoch. Es ist ja nicht nur die Szene, die dem Werk das Leben erschwert, es ist auch Verdis Abstinenz von seiner Fähigkeit, das Publikum mit gefälligen Melodien, die sich einprägen, aufhorchen zu lassen: Die mit ihren dreieinhalb Stunden sehr lange Oper hat beim genauen Hinhören viele kostbare Stellen, aber ein „Hit“ ist sie nicht. Daran konnte auch die derzeitige Serie nichts ändern – man wüsste gar nicht, wie man das Werk besetzen müsste, um es zu einem jener rauschenden Erfolge zu machen, die der Komponist sonst so leicht einfährt.

Nun, in der dritten Aufführung der Serie, hat der bisherige Tenor, nach vergeblichen Kämpfen vor allem mit der großen Arie (wie man hörte), das Handtuch geworfen. Gregory Kunde sprang für den Arrigo ein. Ihn kennt man vor allem als Rossini-Tenor, der die exponiertesten Höhen locker nimmt (zuletzt im Theater an der Wien in der „Donna del Lago“). Dagegen ist ja auch bei Verdi nichts zu sagen, wenn man über den entsprechenden Stimmumfang verfügt, und den stellte der Amerikaner, der trotz seiner späten 50 durchaus noch als (wenn auch etwas gestandener) junger Held glaubhaft wirkt, reichlich zur Verfügung. Tatsächlich ist er ein Big Spender, geradezu ein tenoraler Kraftmeier, und bei der Arie glückte alles, wenn man auch nicht auf technische und interpretatorische Feinarbeit bestehen darf. Aber dafür, dass diese Rolle so umfangreich und dabei nicht wirklich dankbar ist, warf Kunde einfach alles in die Waagschale, und das Publikum wusste es ihm zu danken.

Es ist eine Herren-Oper, und der finstere Verschwörer (der – bei Verdi gehen die Opern ja gerne sehr schlecht aus – am Ende für den Tod aller anderen Beteiligten sorgt) ist schon eine düstere Prachtrolle. Ferruccio Furlanetto, der mir noch nie so schlank (dünn) vorkam, spielt ihn mit Brille als fanatischen Buchhalter des Todes und ist mit ausdrucksstarkem Bass voll präsent – eine tolle Leistung.

Gabriele Viviani, zuletzt bei der schwächlichen Festwochen-„Traviata“ dabei, konnte sich nun präsentieren: Zwar hat sein Bariton einen leisen Anklang von Reibeisen-Timbre, aber er bringt die Verdi-Power und die Verdi-Kantilene. Tatsächlich wachte dieser Opernabend, der überaus schleppend begann, erst mit dem Duett von Bariton und Tenor auf, als die beiden Herren einander mit allem Schwung als Vater und Sohn erkannten (was dann die Handlung erschwert, wenn Arrigo Papas wegen nun nicht mehr unbedingt auf der Seite der Rebellen stehen kann, wo sich seine Geliebte positioniert…).

Die Herzogin Elena muss lange, nämlich bis ganz zum fünften Akt warten, um ihre effektvolle Koloratur-Arie zu präsentieren, und bis dahin hat sie nicht furchtbar viel zu vermelden. In dieser Rolle lernte man in Wien die 35jährige Angela Meade kennen, die in den USA bereits ziemlich hoch gehandelt wird, und das nicht zu Unrecht: Das ist eine schöne, jugendlich-dramatische Stimme ohne Höhenprobleme, mit Koloraturen und Ausdruck; wenn sie noch lernt, ihre Mittellage einzubinden (die ihr manchmal fast in Sprechgesang wegbricht), steht ihr ein großes Repertoire offen (von dem sie vieles, von Troubadour-Leonore bis Norma, jetzt schon singt). Wenn sie sich an diesem Abend nicht als großes Darstellertalent profilieren konnte, lag das gewiss an der Unglücksinszenierung, die sie meist in Schwarz (teilweise in regelrecht alt manchender Kittelkluft und Oma-Frisur) auf den Treppen herumstehen lässt – und das weiße Brautkleid tut ihr auch nicht viel besser. Was die große Karriere betrifft, so ist Angela Meade sicher nicht dumm und weiß, dass dazu heutzutage die Stimme allein nicht ausreicht. Als Renée Fleming noch ein Pummelchen war, war von einer Weltkarriere nicht die Rede, und ich wage zu behaupten, dass Anna Netrebko, hätte sie vor zehn Jahren so ausgesehen wie heute, nie den Aufstieg zur Assoluta unserer Opernwelt geschafft hätte: Der optische Glamour-Faktor gehörte für den medialen Aufbau dieser Position unabdingbar dazu. Vielleicht also werden wir Angela Meade in fünf Jahren wieder begegnen – superschlank, supergestylt und ein Superstar.

Die Nebenrollen sind in dieser Oper so strukturiert, dass sie kaum auffallen, zumindest in einer Inszenierung, die sich so undifferenziert über Treppen ergießt. Immerhin, der Chor als Corpus ist überpräsent und sehr gut. Gianandrea Noseda und das Staatsopernorchester (jetzt darf man ja wieder „Wiener Philharmoniker“ sagen!) schienen auch erst nach der ersten Pause aufzuwachen, dann steuerte auch der Orchesterraum einiges zur kontinuierlich steigenden Spannung bei.

Das Publikum schien bei den Solovorhängen Furlanetto am stärksten zu feiern, aber der hatte ja gegen die drei Newcomer den Hausvorteil. Bei Gregory Kunde bedankte man sich heftig, und auch Angela Meade bekam den verdienten Applaus für eine sehr schöne Stimme.

Renate Wagner

 

 

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