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WIEN/Staatsoper Gioachino Rossini LA CENERENTOLA

KEIN VOLLTREFFER, ABER AUCH KEIN EIGENTOR

28.11.2018 | KRITIKEN, Oper

Will ja doch schnell unter die Haube: Margarita GRITSKOVA als bebrilltes Aschenputtel Foto: M.Pöhn

WIEN / Staatsoper
LA CENERENTOLA von Gioachino Rossini
36. Aufführung in dieser Inszenierung
Am  27. November 2018

 

KEIN VOLLTREFFER, ABER AUCH KEIN EIGENTOR

Längst gehört diese Opera buffa zu den beliebtesten Werken des Schnell- und Vielschreibers Rossini. Dennoch war der Uraufführung von La Cenerentola 1817 in Rom zunächst kein Erfolg beschieden. Zu sehr bemäkelte das Publikum die Leistungen der Sängerinnen und Sänger, die an jenem Abend – zeitgenössischen Quellen zufolge – nicht sonderlich gut disponiert gewesen sein dürften. Auch heute noch zählen die perlenden, überreich verzierten und unablässig variierten Koloraturen zum Herausforderndsten, was der frühromantische Belcanto zu bieten hat. Die prickelnde Beschwingtheit beim Hören der blühenden Kantilenen und funkelnden Parlandi täuscht nur allzu leicht über die gesangstechnischen Finessen hinweg, die überall in dieser Partitur lauern. Kein Wunder also, dass die tollkühnen Koloraturen à la Rossini überhaupt als höchster Gradmesser gesanglicher Reife gelten.

Indisponiertheiten sind an diesem Abend zwar nicht zu vermelden, dennoch ist die musikalische Ausbeute insgesamt nur als durchwachsen zu bezeichnen. Beginnen wir mit den Pluspunkten. Erfreuliche Leistungen werden vor allem von zwei männlichen Rollenbesetzungen mit Kräften aus dem Haus erbracht. Sorin Coliban ist nicht nur gesanglich mit seinem ebenso warm timbrierten wie profunden Bass stets stark präsent, sondern auch darstellerisch die Figur, die das bunte und chaotisch-fröhliche Treiben auf der Bühne zusammenhält. Sein Alidoro ist – ähnlich wie Don Alfonso in Mozarts Cosi – der Mann, der die Fäden der Handlung in seinen Händen hat und diese weitgehend bestimmt. Beide sind Philosophen; doch während Alfonso ein Zyniker ist und mit seinem Beziehungs-Experiment die Treulosigkeit der Menschen und die Schlechtigkeit der Welt dokumentieren will, vertraut Alidoro auf das Gute in den Menschen und tut alles, um dem Guten letztendlich zum Sieg zu verhelfen. Eine beachtliche Bühnenpräsenz und komisches Talent beweist auch Orhan Yildiz als des Prinzen Diener Dandini, der mit seinem Herrn die Rollen tauschen darf und dies bei der Brautschau mit seinem Auftritt als eine Art Schmalspur-Schlagerstar – im weißen Anzug, schwarzem Hemd und Mikrofon in der Hand – auch in vollen Zügen auskostet. Beachtlich, in wie kurzer Zeit sich der aus der Türkei stammende Bariton zu einer wichtigen Stimme im Ensemble entwickelt hat und auch schauspielerisch zu einer wertvollen Stütze heranreift.

Weiterhin ist es eine Freude, den komödiantisch herrlich agierenden Paolo Rumetz auf der Bühne zu beobachten. Sein eitler Don Magnifico, der angesichts der Möglichkeit, dass der Prinz eine seiner beiden Töchter zur Frau nehmen könnte, eine Chance wittert, aus seiner beengten finanziellen Lage herauszukommen und zugleich Karriere wenigstens als Mundschenk bzw. Kellerverwalter zu machen, ist zwerchfellerschütternd modelliert. Beim genaueren Hinhören zeigt sich aber, dass der stimmliche Höhepunkt dieses Sängers schon deutlich überschritten ist, was er allerdings glänzend zu überspielen weiß. Bei einer Opera buffa geht das noch einigermaßen, wie er jüngst auch als Dulcamara in L´elisir d´amore gezeigt hat. Wenn es ernster wird – wie etwa als Rigoletto (ebenfalls vor nicht allzu langer Zeit an der Staatsoper) – lassen sich die Mängel kaum mehr kaschieren. Nicht ganz auf der Höhe erweist sich auch Antonino Siragusa als Prinz Don Ramiro, eine Partie, mit der er international schon einige Erfolge eingefahren hat. Die Mittellage klingt nicht sehr sympathisch timbriert (Geschmackssache), und mit den Spitzentönen hat er zu kämpfen. Wenn es aber um zügige, geschmeidig gesungene Koloraturen handelt, wie das etwa im Zeiten Akt gefordert ist, erahnt man, was zu seinem Ruf als Don Ramiro beigetragen haben mag. Prinzlich wirkt er in seinem Auftreten in dieser Aufführung allerdings nie. Dass er auch in Wien eine treue Fangemeinde hat, bezeugt immerhin ein heftiger Szenenapplaus, für den er mit Kusshand dankt.

Auch die drei Frauenrollen – Aschenbrödel Angelina und ihre beiden Schwestern– sind aus dem Ensemble besetzt. Das klappt bei den eifersüchtigen und bösen Schwestern Clorinde und Tisbe recht gut. Ileana Tonca und Miriam Albano spielen mit viel Freude die hochmütigen, launenhaften und etwas dümmlichen jungen Gänschen und sind vor allem choreographisch bestens eingesetzt. Wie sie im Sextett wie Hündchen kläffen, ist einfach herrlich.

Staatsoper gegen Hollywood, zumindest gegen Cinécittá: Margarita Gritskova gegen Audrey Hepburn gleichauf. Natürlich, mit der Brille von…     Foto:  (C) M.Pöhn

 

Die Mezzosopranistin Margarita Gritskova kann sehr viel, hat einen fein ausgewogene Stimme, ist gesangstechnisch gut aufgestellt und spielt auch entzückend. Einiges gelingt ihr als Angelina – der programmierte Mittelpunkt des Geschehens – gut, wie z.B. „Una volta c´era un re“ im ersten Akt, doch immer wieder, und nicht nur bei „Nacqui all´affano“…. „Non piu mesta“, der fulminaten Schlussarie, eine der bekanntesten Arien der Opernliteratur überhaupt, stößt sie – wie viele Kolleginnen – an ihre gesanglichen Grenzen. Die wenigen Ausnahmesängerinnen, denen diese Partie technisch keinerlei Probleme bereitete oder bereitet, sind freilich an den Fingern einer Hand abzuzählen. Das waren in der jüngsten Vergangenheit etwa eine Marilyn Horne, Teresa Berganza oder Agnes Baltsa, heute sind es Cecilia Bartoli und Joyce DiDonato. Margarita Gritskova gehört nicht dazu.

Die Inszenierung – im schrägen, aber durchaus geeigneten Bühnenbild von Rolf Glittenberg – zählt zu den besseren von Sven-Eric Bechtolf und glänzt mit einer gelungenen Personenführung, die auch den exzellenten Männerchor gehörig auf Trab hält. Für einen schwungvollen musikalischen Ablauf sorgt Jean-Christophe Spinosi am Dirigentenpult des gutgelaunt aufspielenden Staatsopernorchesters. Der Verantwortliche für die mitzulesende deutsche Übersetzung des Librettos muss ein Fußballfan – zumindest aber ein Spaßvogel – sein, liest man gegen Ende hin doch tatsächlich folgenden – hier frei zitierten – Satz: „Letzten Endes ist der Ball am Fuß gelandet, und der Meisterspieler hat ihn erfolgreich weiter befördert.“ Um im Jargon zu bleiben: Volltreffer war es keiner. Aber auch kein Eigentor!

Manfred A.Schmid
OnlineMERKER

 

 

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