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WIEN / Staatsoper: FATIMA, ODER VON DEN MUTIGEN KINDERN

23.12.2015 | KRITIKEN, Oper

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Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper: 
FATIMA, ODER VON DEN MUTIGEN KINDERN von Johanna Doderer
Uraufführung
Premiere: 23. Dezember 2015 

Jedes Kinderstück, also auch jede Kinderoper hat einen „moralischen“ Kern, will an einem Beispiel (in ein Gleichnis gehüllt) Kindern Situationen zeigen, die sie kennen, und dazu dann möglichst Verhaltensweisen, die fürs Leben praktikabel sind. Da bildet die von Johanna Doderer vertonte Geschichte von Fatima, die zeigen will, dass man mit Mut Tyrannei überwinden kann (ein Ziel aufs innigste zu wünschen), keine Ausnahme.

Allerdings ist das „Lehrstück“ ein bisschen trocken geraten. René Zisterer hat die Erzählung des syrisch-deutschen Autors Rafik Schami so lapidar auf die Bühne gebracht, dass die erste halbe Stunde fast nur Kinderelend bietet, wenn der arme Hassan hungrig aufbricht, um für die kranke Mutter und die Schwester zuhause etwas zu essen zu finden. Der „Schlossherr“, bei dem er sich verdingt, Inbegriff für selbstherrliche, ja sadistische Mächtige (wie man weiß, sitzen sie in jeder Chefetage…), quält ihn nach allen Regeln der Kunst, bis Hassan aufgibt und gebrochen nach Hause zurückkehrt. Denn der böse Mann vernichtet nicht nur Existenzen, der nimmt den Menschen auch (und das ist die große Parabel) ihre Träume und verurteilt sie damit quasi zu ewiger Freudlosigkeit…

Gott sei Dank, dass – fast zu spät, um  jene Laune zu schaffen, die eine Kinderoper ohne größeren Humoranteil ja doch braucht – dann Hassans Schwester Fatima auftaucht. Sie denkt sich einiges aus, um den Schlossherrn auszutricksen. So richtig komisch wirkt es allerdings nie, und wenn der Regisseur nicht am Ende eine wunderschöne Szene inszeniert hätte, wo die bunten Träume zu den grauen Traumlosen (beide dargestellt von Kindern) zurückkehren – wer weiß, ob der Premierenjubel letztlich so stürmisch ausgefallen wäre.

Die Inszenierung von Henry Mason, einem berühmten Logistiker, tut, was sie kann. Ausstatter Jan Meier hat eine in Stufen gegliederte Bühne geschaffen und die Möglichkeiten des großen Hauses derart genützt, dass man sich nicht fragt, warum ein an sich „kleines Stück“ (fünf Personen und ein Kinderchor) in einem vergleichsweise riesigen Opernhaus gezeigt wird. Dekorationselemente heben und senken sich, werden von einer lebhaften und dennoch quasi „unsichtbaren“ Schar klaglos her- und wieder weggeschafft und setzen auch szenische Pointen: Fatima stiehlt den Schlüssel zur verbotenen Türe, hinter der die gestohlenen Träume sind, während der Schlossherr in der Badewanne sitzt…

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Die fehlenden Lacher des Stücks versucht Mason auch mit den „Tieren“ zu holen, Kuh und Pferd, köstlich lebensgroß gebaut, von Puppenspielern geführt, für Pointen gut, damit man nicht nur das traurige Gleichnis sieht, sondern die Sache auch ein wenig spielerisch einherkommt. Übertrieben viel ist diesbezüglich bei diesem Libretto ohnedies nicht zu machen.

Vielleicht fiele der Beginn nicht so mühsam aus, wäre Hassan mit einem schlanken, alerten Jüngling besetzt, was Carlos Osuna (der so gar nicht als „Junge“ durchgeht) nicht bieten kann, wobei er diesmal auch stimmlich erstaunlich schwach erscheint (und das Orchester baut keinesfalls eine Mauer zwischen Interpreten und Publikum). Übrigens: Man versteht kein Wort, nicht von ihm und kaum auch von den anderen (am ehesten noch von der Titelheldin). Das ist besonders schlecht, weil sich Kinder ja nicht wie die Erwachsenen ins Mitlesen retten können – auch sollen sie ja auf die Bühne schauen.

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Der Abend wird erst zu dem, was er sein soll, wenn Fatima das Ruder übernimmt: Andrea Carroll sieht aus wie ein orientalisches Mädchen, ist eine Temperamentsbombe von hier und heute, pfiffig, fröhlich, mutig, entschlossen, und ihr klarer Sopran trägt auch mühelos. Sie ist der Glücksfall der Vorstellung, und es scheint auch, dass der Schlossherr des Sorin Coliban (der auch nicht so stimmmächtig klingt, wie man ihn sonst empfindet) richtig aufblüht, wenn er in ihr eine würdige Gegnerin hat. Wenig darf die kranke Mutter der Kinder (Monika Bohinec) vermelden, die längste Zeit eine stumme Rolle hat die unglückliche Frau als Dienerin des Bösen, bis sie am Schluß im hellblauen Kleid Stimme und Lebensfreude wieder gewinnt (Carole Wilson).

Die Musik von Johanna Doderer ist besonders schön und gut zu singen, dazu auf diskrete Art und Weise (sie hält sich zurück, wenn sie für Kinder schreibt, sagt sie) sehr ausdrucksstark im Modulieren einzelner Situationen und Übergänge. Manchmal könnte sie zweifellos „mehr“ auf die Tube drücken, sowohl in Effekten wie im Erzeugen von Komik, aber billig geben will sie es nicht. Dennoch – ein bisschen mehr wäre in diesem Fall mehr gewesen. Unter der Leitung von Benjamin Bayl klang das, was man hörte, jedenfalls teilweise sogar prachtvoll.

Wenn der Eindruck nicht täuscht, waren Balkon und Galerie bei der Premiere geschlossen (?), jedenfalls war das Haus auch unten nicht ganz voll. So sehr die Produktion die Möglichkeit, „große Oper“ zu machen, genützt hat, wäre Kinderoper vielleicht künftig doch im Theater in der Walfischgasse, das ja eigentlich für diesen Zweck angemietet wurde, besser aufgehoben. Womit man sich die Freude an  „Fatima“ nicht nehmen lassen soll.

Renate Wagner

 

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