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WIEN / Staatsoper: FALSTAFF

23.01.2019 | KRITIKEN, Oper

 
Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper:
FALSTAFF von Giuseppe Verdi
10.
Aufführung in dieser Inszenierung
23.
Jänner 2019

Zwei weltberühmte Baritone, die teilweise sogar dasselbe „Fach“ abdecken (vom Don Giovanni und Figaro-Grafen bis zum Marquis Posa und Germont) in zwei Wiener Rollendebuts – und das in einer Oper. Erstmals sang Carlos Álvarez in Wien den Falstaff, erstmals sang Simon Keenlyside hier den Ford, absoluter Besetzungsluxus für eine sonst „hauseigen“ bestückte Repertoirevorstellung.

Wenn überhaupt jemand, dann ist Carlos Álvarez der Typ des „Gran signore“ – dennoch war einem um seine komische Wirkung nicht bange. Noch Ioan Holender hat ihn als dicken Sulpice in der „Regimentstochter“ auf die Bühne geschickt, und er war schreiend komisch. Ganz so lustig ist sein Falstaff nicht ausgefallen – hat man ihm ausgerichtet, dass Regisseur David McVicar mit der Premierenbesetzung ausgemacht hat, dass Falstaff immerhin ein Ritter und Lord und folglich auch so zu spielen sei? Bloß – im Libretto und in der Musik steht es anders, da ist er ein eitler, selbstgefälliger, verschmitzter Teufel, dem man am besten gerecht wird, je mehr Selbstironie man mitbringt. Carlos Álvarez nimmt ihn jedenfalls eher elegant denn als Schlitzohr – aber es kann natürlich auch daran liegen, sich in einer für ihn neuen Inszenierung noch nicht so völlig zuhause zu fühlen. Nach ein paar Vorstellungen wird er schon lockerer und fröhlicher sein…?

Stimmlich ist es wunderbar, dass Carlos Álvarez seinen schönen Bariton weitgehend uneingeschränkt zur Verfügung hat, nur stellenweise liegt ihm die Rolle zu tief, in den triumphalen Höhen fühlt er sich wohler, die Stimme kann er strömen lassen. Natürlich liebt man ihn. Immer. Wie auch anders?

Simon Keenlyside will gar nicht geliebt werden, seine Charakterstudien werden immer biestiger und bissiger. Sicher, der Mr. Ford ist kein netter Herr, aber von Anfang an so ein neurotischer Brunnenvergifter? Dafür wird er aber auch nie (wie es dem geschätzten Vorgänger Tezier passiert ist) langweilig. In seiner Arie – während Falstaff sich in Schale wirft – sprüht er wahrlich Gift und Galle. Dass Keenlysides an sich so schön timbrierter Bariton (welch wunderbarer Mozart-Sänger, wie toll für die Modernen) für Verdi nicht geschaffen ist – das lässt er sich nicht einreden (oder sich den Verdi ausreden). Und der Ford ist ja nun auch (bis auf den einen „Arien-Ausbruch“) keine Rolle, die den Sänger überfordert. Keenlyside muss selten forcieren. Aber besondere stimmliche Geberlaune kann er sich nicht erlauben. Egal – man muss ihm nur im Detail zusehen, wie er sich durch die Rolle grantelt, und wird, wenn man etwas für große Schauspieler übrig hat, wieder einmal hingerissen sein. (Im Gegensatz zu Álvarez ist er nämlich wirklich komisch.)

Neu auch der Deutsche Michael Laurenz, seit dieser Spielzeit an der Staatsoper. Als Dr. Cajus machte er unüberhörbar auf sich aufmerksam. So nachdrücklich (stimmlich und darstellerisch) zankt nicht jeder.

Um gleich bei den Herren zu bleiben: Herwig Pecoraro als Bardolfo strahlt der Spitzbube nicht nur aus den Augen, sondern auch aus den Nasenlöchern – Ryan Speedo Green als Pistola versucht heftig, es ihm gleich zu tun.

Ja, und da hätten wir noch den hauseigenen Fenton – die Stimme von Jinxu Xiahou ist dafür fast schon zu „reif“, die schmalzt und schmilzt und glänzt schon darüber hinaus (klingt aber sehr schön!). Tatsächlich sollten er und Nannetta ja die gänzlich reinen, strahlenden Stimmen der Jugend beisteuern – Hila Fahima bezaubert da mehr optisch, so ganz sauber ist ihr Sopran nicht (mehr).

 
Foto: Wiener Staatsoper / Pöhn

Überhaupt die vier Damen: Also, lustige Weiber waren sie wirklich, sie kennen sich in den Rollen und der Inszenierung auch aus, an Laune lassen sie es nicht fehlen. Eher manchmal ein bisschen an Stimme: Die in der Höhe sichere Olga Bezsmertna lässt als Alice in der Mittellage aus, Margaret Plummer ist als Meg Page gelegentlich gar nicht zu hören (was ein bisschen zu wenig ist, auch wenn man mit der Wurzen-Rolle des Werks bedacht ist). Und Monika Bohinec, die als einspringende Kassandra so viel Prestige gewonnen hat, bietet zwar die Tiefe eines Alts – aber keinesfalls die ausgefeilte Technik, all die raffinierten Übergänge der Quickly zufriedenstellend zu singen. Aber lustig waren sie, alle vier. Und die gänzlich unaffektierte Inszenierung von David McVicar, die so viel Shakespeare’schen Geist atmet, hat sich wieder einmal als prächtiger Rahmen für eine „Falstaff“-Vorstellung erweisen.

James Conlon am Pult hat eine Repertoire-Vorstellung verwaltet, und das ist nicht wenig, wenn man bedenkt, wie unendlich schwierig diese „Falstaff“-Musik ist, wie viel Exaktheit und Elastizität sie fordert, wie wenig Möglichkeiten es gibt, sich (wie so oft bei Verdi) einfach in die Melodik zu werfen und das Publikum wegzutragen. Im Endeffekt macht man es gern mit der Lautstärke – je nachdrücklicher man diese anzündet, umso stärker fällt auch der Beifall aus (eine alte Weisheit). Aber es hat dem Publikum gefallen, ganz fraglos.

Renate Wagner

 

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