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WIEN / Staatsoper: FALSTAFF

08.12.2016 | KRITIKEN, Oper

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Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper: 
FALSTAFF von Giuseppe Verdi
7. Dezember 2016 
2. Aufführung in dieser Inszenierung

Wer je einen Hexenschuß erlitt, weiß, wie diese Schmerzen einen Menschen herunterbringen. Da helfen keine Spritzen und Medikamente. Damit kann man nicht auf der Bühne stehen, singen und auch noch in einen Waschkorb steigen… kurz, Ambrogio Maestri, der Premieren-Falstaff der Wiener Staatsoper, musste bereits die zweite Vorstellung absagen.

Paolo Rumetz, wieder einmal Cover, blieb es zumindest erspart – wie vor ziemlich exakt zwei Jahren –, in der Pause von daheim in die  Oper zu rasen, um die „Rigoletto“-Premiere zu retten. Diesmal konnte er quasi „in Ruhe“ (wenn auch innerhalb eines halben Tages) einspringen, nachdem er die Inszenierung als „Cover“ gründlich miterarbeitet hatte.

Mit Ausnahme des „Rigoletto“ hat Rumetz an der Wiener Staatsoper bisher nur jene Rollen singen dürfen, die er selbst nicht als sein Kernrepertoire betrachtet, nämlich die bassi buffi für Rossini und Donizetti. Für die großen Verdi-Rollen steht er immer nur als Cover bereit. Der „Falstaff“ war nun – ohne dass man Maestri anderes als gute, schnelle Besserung wünscht – nicht nur für ihn ein Glücksfall, sondern auch für das Publikum: Denn Rumetz gab dem „Falstaff“ den Falstaff wieder.

Die Einwände der Kritik gegen die Inszenierung von David McVicar bezogen sich nicht nur auf die konventionelle Ausstattung (die allerdings, je öfter man sie sieht, ihre Schönheiten im Detail hat), sondern auch auf eine gewisse Humorlosigkeit, die sich aus seiner Sicht des Sir John Falstaff ergab und die Ambrogio Maestri aus Überzeugung realisierte: Der dicke Ritter als ernsthafter Mann, pointenfrei, absolut nicht der Shakespeare’sche Spitzbub, sondern eine fast starr-tragische Gestalt. Paolo Rumetz folgte diesem Konzept nicht fundamentalistisch, sondern ließ seinem Humor freien Lauf, gab dem Dickwanst seine Eitelkeit und Frechheit zurück, ärgerte sich und freute sich, wo es die Handlung will, brach die Starre des Konzepts durch echte, natürliche, fröhliche Reaktionen auf. Und siehe da, mit diesem Falstaff, wie er im Stück und in der Musik steht, gewann der Abend gegenüber der Premiere Schwung und Spaß, und man sah in der Pause und nach der Vorstellung, die lange beklatscht wurde, nur fröhliche Gesichter.

Stimmlich verfügt Rumetz über einen tragfähigen, typisch italienischen Kavaliersbariton, der noch voller klingen wird, wenn die Reste der Verkühlung, die ihn vor einer Woche den Germont absagen ließ, auch vorbei sind. Das ist mehr als ein Einspringer, das ist ein Protagonist – von Dominique Meyer als „geschätztes Ensemblemitglied“ angekündigt, von Zubin Mehta mit vielfachem Schulterklopfen belohnt, sollten die dürren Zeiten von ausschließlich Bartolos und Taddeos, Dulcamaras und Magnificos und hie und da ein Mesner nun vorbei sein.

Wie viel ein „schwungvoller“ Partner ausmacht, sah man zum Beispiel am Ford des Ludovic Tézier, der nun seinen Schlagabtausch mit Falstaff und seine Arie um einiges nachdrücklicher und effektvoller exekutierte. Ist der Regisseur einmal abgereist und niemand kontrolliert mit strengem Blick nach, ob alle sich auch brav ans Konzept halten, dann lässt man darstellerisch schon einmal die Zügel schießen und gibt der Komödie, was der Komödie ist.

Was nach wie vor nicht zur Perfektion geriet, waren die irrwitzigen Ensembleszenen, die Verdi hier vorschreibt, und die musikalisch ebenso Exaktheit und Elastizität vermissen ließen wie den schönen Zusammenklang der Frauenstimmen (und die schwebenden Obertöne schafft diese Besetzung nicht). Und Dirigent Zubin Mehta, einer der letzten Altmeister und als solcher geschätzt und bewundert, blieb bei seinem fest zupackenden Verdi.

Und noch einmal zur Inszenierung. „Illustration statt Interpretation“ ist ein guter Titel für eine Rezension, die man lesen konnte, eine Feststellung, die auch etwas aussagt, aber machte eine „interessante“ Interpretation – die fünfziger Jahre, ein Altersheim, eine clowneske Umsetzung –  die Sache wirklich, ehrlich besser? Was hätten solche Gehirnakrobatik-Spielchen für das Publikum einem „Falstaff um Falstaffs willen“ voraus, bei dem man sich ehrlich unterhalten kann und der in langen Repertoire-Jahren dem Publikum immer das (gute) Gefühl vermitteln wird, Verdis Werk zu sehen. Denn auch andere Sänger werden sich das starre Konzept der Premiere zugunsten einer schwungvoll-wirkungsvollen Interpretation zurecht richten…

Renate Wagner

 

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