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WIEN / Staatsoper: EUGEN ONEGIN

08.03.2014 | Oper

 

WIEN / Staatsoper
EUGEN ONEGIN von Peter I. Tschaikowski
31. Aufführung in dieser Inszenierung
07. März 2014

Drei Wiener Rollendebuts in den zentralen Partien von Tschaikowski „Eugen Onegin“, aber kein Sturm auf Karten und Stehplatz wie vor knapp einem Jahr, als Anna Netrebko und Dmitri Hvorostovsky die Hauptrollen sangen. Auch der Mann, der früher die Opernmassen bewegte, füllt heute das Haus nicht mehr: Dennoch hat Rolando Villazón noch viele Fans, und sie waren an diesem Abend, nach seinem ersten Wiener Lenski, offensichtlich glücklich. Zum Teil sogar berechtigt.

Nach seinem Comeback hat Rolando Villazón, teilweise auf die schmerzliche Art, erkennen müssen, dass seine neue Karriere nicht weiter gehen kann wie die alte, dass er einfach nicht mehr über die stimmlichen Mittel verfügt, Verdi und Puccini strömen zu lassen, wenn er es auch noch manchmal – selten – versucht. Seine erwählte Alternative lautete Mozart – und Tschaikowskis Lenski. Eine Rolle, in der er sein ganzes darstellerisches Talent auf geradezu wunderbare Art und Weise entfalten kann. Nichts von seinen vergangenen, oft überbordenden Kasperliaden – der junge, schmale Mann mit Brille (letztere wirkt immer, wenn man einen intellektuellen Eindruck erwecken will), der da mit Onegin zur Larina und ihren Töchtern kommt, ist jede Sekunde glaubwürdig. Als Dichter, als Freund dieses seltsamen Fremden, den er mitbringt, und als Liebhaber von Olga. Lenski hat viel zu leiden – die fassungslose Eifersucht, als die Braut und der Freund ihn stehen lassen und sich schamlos miteinander vergnügen (wenn sie auch nur tanzen): Der Vertrauensbruch sitzt tief, er muss etwas tun, muss seine Verzweiflung bis auf die Spitze treiben. Vor dem Duell wird klar, wie wenig er es will und wie sehr es nur dummer, von ihm selbst nicht verstandener Trotz ist, der ihn in den Tod treibt – denn er schießt nicht, kann es nicht, er stirbt. Wäre Villazón „nur“ Schauspieler, man würde diese bis ins Detail ausdifferenzierte Leistung als kleines Meisterstück betrachten – auf der Opernbühne ist sie es natürlich auch.

Aber stimmlich hören wir nun schon seit Jahren – mit unterschiedlichen Ergebnissen – dem verzweifelten Kampf des Rolando Villazón zu, mit seinen nun schmalen Mitteln, mit einem Timbre, das dumpf geworden ist (wenngleich Fans immer noch von seiner Schönheit schwelgen – weil nicht sein kann, was nicht sein darf?), mit einem Kraftaufwand, den anzusehen und anzuhören schmerzt, seine Rollen zu singen. Am Ende ist man glücklich, wenn er ohne größeren Schaden das andere Ufer, das Ende seiner Partie erreicht hat. Das ist die Kehrseite, die auch dem Zuhörer (zumal, wenn er diesen Künstler bewundert) Mühe bereitet. Aber dennoch ist an diesem Abend keine überzeugendere Persönlichkeit auf der Bühne der Staatsoper gestanden. Diesen Lenski wird man nicht vergessen – wenn auch alle anderen Kollegen in dieser Inszenierung die Rolle souveräner und auch schöner gesungen haben.

Der polnische Bariton Mariusz Kwiecien, bisher seltener Gast an der Staatsoper, mittlerweile an der Met und in London zu Weltruhm gekommen, ist aus der Met-Aufführung mit der Netrebko, als DVD im Handel, bekannt, eine der dort üblichen historisierenden Aufführungen. In Wien bekommt man auf der leeren Bühne, im leeren Ideenraum von Falk Richters Inszenierung bekanntlich keinerlei Hilfe, da wäre es schon gut, wenn ein Sänger ein ausgefeiltes Konzept mitbrächte. Aber als Darsteller enttäuschte Kwiecien eher, tat in der herzzerreißenden Szene, da er Tatjana abweist, eigentlich nicht kund, was ihn bewegt. Von Villazón mitgerissen, gelangen die gemeinsamen Szenen von seelisch verletzter Auseinandersetzung bis zum tragischen Tod dann recht ergreifend. Im letzten Akt, wo Onegin regelrecht als „verlorene Seele“ erscheinen müsste, die sich durch Tatjana ein Leben erkämpfen, ertrotzen möchte, fanden er und seine Partnerin erst ganz am Ende zu mitreißender Verzweiflung.

Stimmlich allerdings war Mariusz Kwiecien ganz da, sieht man von ein paar kaum erwähnenswerten Schwankungen ab: ein zwar etwas harter, aber kraftvoller Bariton, der in dieser Rolle auch deshalb bestens aufgehoben ist, weil sie ja keine Sinnlichkeit des Timbres verlangt.

Dinara Alieva, die man in der Staatsoper erst als Donna Elvira gesehen (oder versäumt) hat, stellte sich als Tatjana vor, eine Rolle, für die sie, obzwar knapp Mitte 30, deshalb etwas reif wirkte, weil sie ein damenhafter Typ ist, der dann erst als Fürstin „stimmte“. Optisch hätte sie übrigens tatsächlich eine Schwester von Nadia Krasteva sein können (wobei die Krasteva die kraftvollere Ausprägung darstellte). Die Rolle passte ihr gut in ihren vollen, slawischen Sopran, der nicht, wie bei mancher ihrer „östlichen“ Kolleginnen, zu schrillen Höhen neigt. Dennoch – angesichts der genuin „gefühlten“, ehrlichen, ergreifenden, unter die Haut gehenden darstellerischen Leistung von Rolando Villazón hatte das Liebespaar (beide!) vergleichsweise nur die konventionellen Gesten der Opernroutine zu bieten, bis, wie gesagt, sie und Kwiecien sich am Ende gegenseitig hochschaukelten, so dass der stürmische Beifall doch noch kam.

Nadia Krasteva ist wieder einmal heimgekehrt und darf ihre üblichen (Neben-)Rollen singen. Die Olga hat sie sich ja schon bei der Premiere auf ihre Sexbomben-Persönlichkeit zurechtgelegt, wie richtig oder falsch das für die Figur sein mag. Und in einem Opernalltag, wo sich haufenweise Sängerinnen mit Sopran-Timbre „Mezzo“ nennen, bewundert man immer wieder erfreut eine echt dunkel glänzende Stimme. Ähnlich leuchtete der Baß von Ain Anger, der nicht viel mehr hat als eine echt schöne, hoch berühmte, aber leider temperamentlose Arie, die er als Gremin würdevoll singt – immerhin, mit dem Mann hat Tatjana nicht schlecht gegriffen.

Zoryana Kushpler, die als Larina und auch sonst immer so gute Figur macht, muss sich fragen, wie lange sie an dem großen Haus Nebenrollen singen will, bevor sie versumpert und die Chance einer „echten“ Karriere, zu der sie Aussehen und (auch dunkle!) Stimme mitbrächte, vertan ist. Aura Twarowska darf als getreue Filipjewna gelegentlich etwas brüchig klingen, ist aber in der Szene mit Tatjana sehr präsent. Mihail Dogotari sang die Nebenrollen, und auch Norbert Ernst erfüllte leider nicht den (offenbar vergeblichen) Wunsch, die herrliche Ariette des Triquet einmal vollkommen schön gesungen hören zu dürfen…

Patrick Lange hielt es am Philharmoniker-Pult vor allem mit der Dramatik, was zwar nicht immer elegant klang, aber das Geschehen (vielfach auch äußerst lautstark) effektvoll vorantrieb. Viel mehr als Villazón wird man sich von diesem Abend nicht merken, aber das ist doch auch etwas. Dieser wartete übrigens mit seinem Solovorhang auf den Schlussapplaus – und dann durfte er auch legitim wieder seine erwarteten Späßchen machen… Das Wiener Publikum hat sie auch verdient, so, wie es ihn gefeiert hat.

Renate Wagner

 

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