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WIEN / Staatsoper: EUGEN ONEGIN

15.04.2013 | Oper

WIEN / Staatsoper
EUGEN ONEGIN von Peter I. Tschaikowski
28. Aufführung in dieser Inszenierung
15. April 2013   

Es gibt Glücksfälle, etwa wenn die Wiener Staatsoper eine Aufführungsserie von Tschaikowskis „Eugen Onegin“ nicht nur in allen Hauptrollen mit „originalen Russen“ besetzen kann, sondern diese Herrschaften auch noch das Niveau – und notabene: die Namen – mitbringen, die man für ein Haus von Weltrang erwartet.

Der Ansturm bei der zweiten Vorstellung war entsprechend, auch bei der Übertragung am Karajan-Platz, so dicht gefüllt wie selten, auch Leute, die keinen der angebotenen Sitzplätze fanden, standen in Hunderschaften vor der Leinwand (der Schwund war weit geringer als sonst, wie ein Augenzeuge berichtet). Und sie alle genossen natürlich den Zaubernamen der heutigen Opernwelt, der nach wie vor Anna Netrebko lautet. (Und schlanker ist sie auch geworden, was in unserer optischen Welt nicht ohne Bedeutung ist – als Fürstin Gremin im letzten Bild war sie geradezu ein Bild an Schönheit und Eleganz. Wer ihr hingegen vor der Pause das weiße Kleid mit grünem Gürtel angezogen hat, gehört verjagt…).

Anna Netrebko erweitert in letzter Zeit ihr Repertoire, nachdem sie lange Zeit nur mit kleinen Schritten neue Rollen erobert hat. Nach vielen Jahren, die sie mit dem italienischen und französischen Repertoire verbracht hat (dazu immer wieder die Donna Anna), läutete die „Iolantha“ die Rückkehr in das heimatliche Fach ein. Das Ereignis des Jahres 2013 heißt Tatjana in „Eugen Onegin“. (Die Giovanna d’Arco von Verdi lernt sie für die Salzburger Festspiele dieses Sommers nur konzertant.) Nächstes Jahr sollen es dann Gounods Marguerite und, nicht ohne Risiko, die Lady Macbeth sein, an der Elsa arbeitet sie schon – aber überstürzt wird nichts. Sie macht wieder einmal alles richtig, vor allem, wenn sie in jeder Hinsicht im russischen Repertoire wunderbar aufgehoben ist.

Die Tatjana spielt sie selbst in der unsäglichen Inszenierung von Falk Richter, die eigentlich den Sängern kaum legitime Entfaltungsmöglichkeiten bietet, bestrickend: Dass es in dieser Inszenierung dauernd schneit und man sie anfangs in einem weit dekolletierten, blumigen Sommerkleid mit Stiefeln (!) auf die Bühne schickt, sei’s drum. Sie ist das ernste Mädchen mit Zopf, das von Onegin so fasziniert ist, ohne einen Hauch von Dummerchen auszustrahlen. Sie gestaltet die Briefszene nicht als romantische Schwärmerin, sondern als Leidende und Zweifelnde, und erreicht einen absoluten Höhepunkt, wenn sie still, den Kopf gesenkt, dasteht und die Demütigung erträgt, die er ihr zufügt: Das will dem Zuschauer schier das Herz verbrennen.

 

Großartig dann ihr Auftritt als Fürstin Gremin, nicht nur, wenn sie wie verloren, fast gespenstisch durch die Gesellschaft geistert (dass der Regisseur den Ball zu einer Art Begräbnis macht, ist nur ein Punkt in der Liste der schwachsinnigen Einfälle, die an diesem Abend sehr lang ist, die Turnerriege bekommt diesbezüglich gleich mehrere Punkte) – und vor allem, wenn sie Onegin dann so kühl abfertigt wie er einst sie, sodass sein plötzlicher wahnsinniger Ausbruch von „Liebe“ motiviert erscheint: Das erträgt er nicht, so zu behandelt werden, das muss er durch den Besitz dieser Frau wieder relativieren. Die Tatjana der Netrebko sagt nein, mag zwar ein paar Seelenschmerzen leiden, aber nein – das Thema Onegin ist für sie erledigt… Sie war immer eine wunderbare Schauspielerin, sie ist es auch in dieser Rolle.

Anna Netrebko muss bei der ersten Vorstellung der Serie in besserer Form gewesen sein als in der zweiten, den Kritiken nach zu schließen – die Kollegen erfinden ja die „schwere Süße“ ihrer Stimme nicht, den „warmen, wunderschönen“ Sopran, Qualitäten, die man kennt – und wenn selbst der „Standard“ sie „betörend“ nennt! Allerdings waren gerade die berühmte Wärme der Stimme, der bekannte Netrebko-Goldton an diesem zweiten Abend selten aufzufinden – als stünde eine Art Verkühlung zwischen ihr und ihrer Bestform. Eine fabelhafte Sängerin ist sie in jedem Fall, mit ihren strahlenden Jubeltönen in der Höhe, ihren immer souverän gemeisterten Piani, kurz, einer Technik, die einer geschulten Stimme auch ermöglicht, eine vollgültige, beeindruckende Leistung zu erbringen, wenn die Umstände nicht optimal sind. Dass die Tatjana derzeit „die“ Netrebko-Rolle ist, steht außer Zweifel, und das Publikum jubelte entsprechend und mit Recht, denn Einwände sind in diesem Fall marginal. Aber darüber hinweghören, dass man nicht die bestmögliche Netrebko erlebt hat, kann man auch nicht.

Dmitri Hvorostovsky ist für den Onegin, eine der unsympathischsten Titelrollen der Opernliteratur, sicher eine ideale Besetzung: der eitle Schnösel mit der weißen Löwenmähne, der vor lauter Affektiertheit nicht weiß, wie er sich verhalten soll, wenn er der kleinen „Landpomeranze“ Tatjana gegenübersteht, deren Qualitäten er gar nicht erkennen kann. Welch herablassende Attitüde, wenn er ihre so heiße Liebe dankend ablehnt. Welch gelangweilter Mutwillen, mit ihrer Schwester Olga herumzutändeln, weil er gerade nichts Besseres zu tun hat. Man muss allerdings zugestehen, dass er seinen Freund Lensky nicht gerne umbringt, aber wenn dieser darauf besteht… Selbst wenn er dann um Tatjana, die plötzlich Begehrenswerte, kämpft, tut er es nicht mit emotionaler Anteilnahme: Lange wird die Verzweiflung wohl nicht anhalten. Hvorostovskys Stimme ist nicht schön im belcantesken Sinn, aber markig, voll Charakter, für diese Rolle bestens geeignet, kurz eine starke, runde Leistung.

Am Beispiel von Dmitry Korchak kann man beweisen, dass in der Staatsoper nicht immer optimal besetzt wird. Welche Schnapsidee, ihn in der „Cenerentola“ als Rossini-Prinzen zu verheizen, wo er grottenfalsch am Platz war und schmählich als Nullnummer unterging –  wenn er hier einen wirklich dermaßen idealen Lensky abgibt: Da stimmt plötzlich alles, die Stimme, die in diesem Fach zuhause ist, gut geführt, klangschön, mit einer Anteilnahme eingesetzt, dass man gerührt und gebannt ist. Man kann gut und gerne sagen, dass er in dieser Inszenierung bisherige Vorgänger (Vargas, Brenciu, Breslik) geschlagen hat.   

Konstantin Gorny, fast neu an der Staatsoper (nur einmal in „Nabucco“ zu hören, wie man dem dankenswerten Spielplan-Archiv des Hauses entnimmt), ließ als Gremin einen trockenen, fast brüchigen Bass hören – da gibt es Italiener, die seine prachtvolle Arie (die vom Dirigenten geradezu zärtlich begleitet wurde) besser und schöner schmelzen lassen…

Alisa Kolosova, bisher in kleinen Rollen nicht aufgefallen, holte sich die Beachtung mit ihrer Darstellung von Tatjanas leichtlebiger Schwester Olga, die sie jedoch gar nicht oberflächlich gestaltete und mit sehr ansprechendem, vollem Mezzo sang. Vor allem ist sie im Gegensatz zu ihrer „sexy“ Rollenvorgängerin wirklich eine ganz normale, unbeschwerte junge Frau, die in ihrer Verwirrung nicht weiß, was sie tun soll, wenn ein ja offenbar so faszinierender Mann wie Onegin mit ihr flirtet. Da greift auch Zoryana Kushpler als elegante (und wohl noch viele Jahre lang viel zu junge) Mutter ein. Aura Twarowska schließlich schepperte die liebe, alte Kinderfrau, und Stipendiat Mihail Dogotari durfte gute Figur machen, als er das unglückselige Duell leitete. Bemerkenswert schließlich, wie geschickt Norbert Ernst mit dem Triquet umgeht – er unterschätzt sein Ariettchen nicht, sondern weiß um dessen Schwierigkeiten und überwindet sie trickreich.

Eindeutig ein Gewinn war auch Andris Nelsons am Dirigentenpult, ein wirklich umsichtiger Leiter des Geschehens, der beispielsweise nur in volles Fortissimo einstieg, wenn er keinen Sänger damit in Gefahr brachte. Es war ein sensibles, aber nicht sentimentales Dirigat (letzteres kann bei Tschaikowski schon einmal passieren), die Abrundung eines Opernabends, den man taxfrei zu einem besonderen erklären kann.

Renate Wagner

 

 

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