WIEN / Staatsoper:
EINE FLORENTINISCHE TRAGÖDIE von Alexander von Zemlinsky
HERZOG BLAUBARTS BURG von Béla Bartók
Premiere: 3. Oktober 2026

Die schöne Teilnahmslose
Sollte Bogdan Roscic tatsächlich einmal gesagt haben (Relata refero), Asmik Grigorian sei die größte Sängerin, die je auf der Bühne der Wiener Staatsoper gestanden ist, dann begreift man auch, dass er für sie Premieren sucht und macht. Sie hat zwar schon eine Menge ihrer großen Rollen hier gesungen, Butterfly und Turandot und Manon Lescaut, die Elisabetta, Jenufa und Tatjana, aber es hätte wohl noch einiges Populäre gegeben, das sie hätte zeigen können.
Doch man entschloß sich zu einem „besonderen“ Projekt, der Koppelung zweier Einakter des frühen 20. Jahrhunderts, die nur den Nachteil hatten, dass das Publikum a priori nicht darauf ansprang, also sogar die Premiere nicht eben voll war. Und für die Sängerin, für die das Ganze auf die Beine gestellt wurde, fiel das Ergebnis wohl auch nicht so „reichhaltig“ aus wie erhofft.
Denn in „Eine florentinische Tragödie“ von Alexander von Zemlinsky, während des Ersten Weltkriegs entstanden, hat die einzige Frauenrolle wenig zu vermelden. Die Geschichte, die im Original in der Renaissance in Florenz spielen sollte, wird vielmehr vom eifersüchtigen Ehemann dieser Bianca getragen, und selbst der (im Original) Rivale hat mehr zu singen als sie.
Also wartete man für den Star auf Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ aus dem Jahr 1911, wo dem Titelhelden mit Judith eine große, leidenschaftliche Frauenrolle gegenüber steht. Bloß – da machte der Regisseur der Sängerin einen Strich durch die Rechnung und verurteilte sie zu weitestgehender Temperamentlosigkeit.
Nun darf nicht jede Sängerin ihren Ehemann als Regisseur mitbringen, aber im Fall von Asmik Grigorian gibt es einen Präzedenzfall, der alles überstrahlt. Im Vorjahr hat Vasily Barkhatov im MusikTheater an der Wien Bellinis „Norma“ mit Asmit Grigorian inszeniert, und das Ergebnis war sensationell, das Beispiel einer brisanten Neudichtung eines alten Stoffes.
Diesmal ist die Um- und Neudeutung zweier Einakter, die Barkhatov auch inhaltlich zusammen gespannt hat, weniger überzeugend ausgefallen. Das schadet dem Zemlinsky weniger, denn er wird wohl weiterhin eine Rarität im Repertoire sein, falls er überhaupt hervorgeholt wird. Doch Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ ist ein moderner Klassiker, der alles, was auf der Bühne zu sehen sein sollte, im Text auch noch explizit beschreibt. Und wenn das nicht stattfindet – ja, dann mag zwar die Musik danach klingen, aber „Herzog Blaubarts Burg“ ist es nicht…
Es gibt ein gemeinsames Bühnenbild für beide Stücke, ein stimmungsstarkes großbürgerliches Wohnzimmer von anno dazumal, das Christian Schmidt eindrucksvoll hingebaut hat. Darin erlebt man nun eine sehr gelangweilte Ehefrau, einen vehement agierenden Gatte – und, nein, keinen Liebhaber der Dame. Er hat sich in einen Psychotherapeuten verwandelt, der mit einem Heft in der Hand das Paar, dem er offenbar aus der Krise helfen soll, beobachtet. Unnötig zu sagen, dass nicht mehr von dem Text (er beruht auf Oscar Wilde, wurde für Zemliinsky ins Deutsche übersetzt und ist einigermaßen verständlich) auch nur annähernd stimmt.
Denn Bianca, die Gattin des Kaufmanns Simone, hat nun einmal ein Verhältnis mit einem Prinzen der Stadt; wenn man sich duellieren will, findet man im Wohnzimmer nichts Rechtes (sind das Schürhaken anstelle von Schwertern?); und wenn die Gattin dem Liebhaber doch tatsächlich zuruft, er soll ihren Mann umbringen – dann wäre es doch sinnvoll, dass man es ihr zur Erhöhung der allgemeinen Spannung auch glauben könnte?
Immerhin ist Bianca, so steht es im Original, von ihrem mörderischen Gatten so erotisiert, dass sie mit ihm aufs Bett sinkt. Asmik Grigorian tut es mit schwarzem Mini-Slip und schwarzem Mini-BH und präsentiert eine exzellente Figur.
Nach der Pause geht es weiter – die Leiche vom ersten Stück liegt noch da, das Paar ist „nach dem Sex“, und es wäre natürlich sinnvoll gewesen, wenn Christopher Maltman, der so exzellente Mörder des ersten Stücks, nun auch als nächster (bzw. hier gleicher) Ehemann weiter gemacht hätte. Aber aus Gründen, die nur die Staatsoper weiß, ging die Rolle an Florian Boesch (mit versuchter Ähnlichkeit zum Vorgänger) über.
Wenn man sich nun als Zuschauer besorgt gefragt hat, wo nicht nur Blaubarts Burg ist, sondern auch die sieben Türen, die schließlich eine ganz entscheidende Rolle für die Handlung spielen – in dieser Aufführung braucht man sie nicht, sind sie Fiktion. Oder, wie die Staatsoper auf der Website erklärt, ein Rollenspiel des Ehepaares, das sich in Blaubart und seine Judith verwandelt. Dass hier keine tiefere Logik drinnen steckt, muss man nicht betonen, selbst wenn beiden Werken (graduell unterschiedlich) etwas düster Mysteriöses innewohnt.
Es sollte der Abend der Asmik Grigorian sein, und gewiß haben sie und ihr Mann das Konzept für ihre Doppelfigur, die eine einzige sein soll (in demselben Kleid, in derselben Unterwäsche), genau überlegt. Doch ihre Teilnahmslosigkeit, die sie von Stück eins in Stück zwei mitnimmt, ist schlechtweg nicht zu erklären. Mag sie der Psychotherapeut bei Zemlinsky nicht interessiert haben, aber Judith, die um ihr Glück mit Blaubart kämpft, wäre eine leidenschaftliche Frau, von der man nichts sieht. Natürlich singt sie die Rolle perfekt (über ihr Ungarisch kann ich natürlich kein Urteil abgeben), sie ist eine veritable Hochdramatische, aber um wirklich Effekt zu machen, hätte sie die Judith auch spielen müssen. Irgendwann reißt sie sich das Kleid, das sie periodisch an- und auszieht, vom Leib, aber das ist nötig, damit sie mit Blaubart im Bett landen kann… was im Original nicht vorgesehen ist Happyend für seine Ehe statt zweier veritabler Tragödien.
Noch einmal sei Christopher Maltman als vorzüglicher, impetuoser Ehemann erwähnt, ihm gehörte voll und ganz das erste Stück. Florian Boesch im zweiten steht ihm um nichts nach, Dmitry Golovnin ist von einem prinzlichen Liebhaber zu einem mikrigen Wissenschaftler geworden, singt aber sehr ordentlich. Und Asmik Grigorian, für die all das stattgefunden hat, konnte nicht einmal die Premiere füllen.
Alain Altinoglu stürzte sich in Zemlinsky Jugendstil-Wogen, die manchmal ein wenig nach Richard Strauss klingen, ohne über dessen Struktur zu verfügen. Das wird immer ein seltener Gast in der Oper sein. Bartok ist intensiver, opernhafter und, wenn man die Burg, die Türen, die dahinter liegenden Geheimnisse und die volle Tragödie spielt, auch ein Stück fürs Repertoire.
Es gab freundlichen, aber nicht übertrieben starken und langen Beifall, ein entschlossener Buh-Rufer verkündete von der Galerie sein Mißfallen mit dem Gewaltakt des Regisseurs, der als typische Kopfgeburt mehr Schwächen als Stärken hat.
Renate Wagner

