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WIEN / Staatsoper: DON GIOVANNI

15.03.2019 | KRITIKEN, Oper

 
Peter Mattei  / Alle Fotos: Wiener Staatsoper, Pöhn

WIEN / Staatsoper:
DON GIOVANNI von W. A. Mozart
55.Aufführung in dieser Inszenierung
14.
März 2019

Das war eine „Don Giovanni“-Serie, in der alle Sänger entsprachen (und wie selten ist es, dass es keinen „Ausfall“ gibt) – und wo ein an der Staatsoper debutierender Dirigent eindeutig Zeichen setzte. Man hat den aus Turin gebürtigen Antonello Manacorda zwar schon im Theater an der Wien gehört (2016 für Rossinis „Otello“) und, auf Umwegen über den Stream, 2016 mit „Béatrice et Bénédict“ aus Glyndebourne, aber so richtig wahrgenommen erst bei diesem „Don Giovanni“. Dieser hatte nämlich von der Ouvertüre an bis zur letzten Note einen durchgehenden „Drive“, wie ihn wenige Dirigenten schaffen – und am Ende schlägt sich die Nuance an Tempo, die er zugibt, auch in Minuten nieder: Mindestens fünf Minuten kürzer als sonst war die Vorstellung gut und gern. Dabei nicht gehetzt. Sondern nur von wunderbarem inneren Drängen getragen …

War der Dirigent an der obersten Spitze anzuordnen, muss man doch wieder zwischendurch kurz über die Inszenierung meckern: Vor allem die Beleuchtung, die den Zuschauer meist im Halbdunkeln tappen lässt, ist katastrophal. Und alles andere, wie oft festgestellt, besonders schlecht. Da musste eine Besetzung schon sehr gut sein wie diese, um darüber hinwegzuspielen und zu –singen.

Der Schwede Peter Mattei ist jener Sänger, der gemeinsam mit den Kollegen Mariusz Kwiecień und Christopher Maltman die ersten Opernhäuser der Welt mit den „Kavaliers-Partien“ (von Giovanni bis Onegin) bedient. In Wien ein seltener Gast, ist jede Begegnung ein Gewinn. Man hört selten eine so ausgeglichene, in allen Lagen gleichwertig gut klingende Stimme, die weich und elegant, aber absolut nicht konturlos ist. Das „Ständchen“ sang er konkurrenzlos schön und bekam Szenenapplaus, was bei diesem Stück selten ist. Dabei ist Mattei ein glänzender Darsteller der Rolle: Die längste Zeit von zynischer Gleichgültigkeit, als ob ihm sein Leben schon fad wäre, legt er angesichts der widrigen Umstände an harscher Aktion zu. Seinen Tod spürt er früher kommen als andere, spielt die Anzeichen eines Herzinfarkts, als der Komtur auf ihn zukommt, reißt sich zu seinem alten, bösen Selbst hoch – und stirbt. Das war eine durch und durch eindrucksvolle Leistung.

Adam Plachetka hat uns als Giovanni nie ganz glücklich gemacht, es fehlt ihm einfach die „Statur“ dafür (die Mattei so überzeugend mitbringt) – dass er nun, nachdem er (wieder) vom Grafen zum Figaro, auch vom Giovanni zum Leporello umgestiegen ist, erweist sich als Gewinn. Der dienende Stand liegt ihm besser, da kann er sich genuin entfalten. Sein unter den Launen Giovannis zappelnder Leporello fällt nicht der Gefahr der Rolle anheim, völlig unauffällig zu werden, wenn der Sänger es an Nachdruck fehlen lässt. Plachetka ist nicht diskret (soll er auch nicht sein), bietet witzige Präsenz, und diesmal setzt er seine Stimme auch nicht so rücksichtslos grob ein, wie man es von ihm schon gehört hat. Kurz gesagt, hier ist er richtig.

  
Véronique Gens / Olga Peretyatko

Olga Peretyatko, die als Lucia gerade im „Merker“ von den Lesern so gnadenlos-brutal zerzaust wurde, ist eine mutige Frau und zeigt, was niemand hier ihr zutrauen möchte: die Donna Anna. Nun ist sie tatsächlich noch eine lyrische Sängerin, allerdings mit Technik und Kraft, und solcherart meistert sie die Rolle, wenn sie auch nicht in die Hochdramatik mancher Kolleginnen ausbricht. Schlank und schön ist sie der komplette Gegensatz zu der auch schlanken, aber herrlich eine alte Jungfer verkörpernden Véronique Gens als Elvira. Wahrscheinlich mögen viele Sängerinnen die Rolle nicht, weil die Dame so lächerlich-lästig immer wieder auftaucht – aber wenn man, wie Madame Gens, daraus ein Rollenkonzept macht, ist es ein Vergnügen, ihr dabei zuzusehen. Stimmlich ist sie (ähnlich wie ein wenig auch die Peretyatko) das, was im Mozart-Jargon eine „Madame Silberklang“ genannt werden mag, was ein reizvolles Timbre sein kann – sich aber bei Anstrengung dann weniger gut auswirkt.

Ganz bezaubernd war Daniela Fally, die erstmals die Zerlina sang. Man hätte nach ihrer Sonnambula annehmen können, dass sie ihr Repertoire nun in andere Richtung erweitert, aber offenbar will sie noch bei Mozart und Strauss bleiben. Ihre Bühnenpräsenz ist bekannt, sie kommt ihr auch bei Zerlina (ebenfalls eine Rolle, die leicht untergeht, wenn die Protagonistin nicht stark ist) voll zugute. Dabei spielt sie – mit locker eingesetztem, leichtem Sopran – weniger das kokette als das liebe Bauernmäderl, das von Giovanni weniger verführt als genötigt wird.

Jinxu Xiahou hatte mit Sicherheit mehr Stimme zu bieten als der prominente Kollege, den er ersetzte, er sang den Ottavio kraftvoll, mit einem Leuchten künftiger heldischer Kraft, wenn man auch – hoffnungsloser Dinosaurier mit Erinnerungen und Maßstäben, die anderen nichts bedeuten, aber etwa Peter Schreier heißen – gerade „Dalla sua pace“ gerne mit mehr von der ausgefeilten Raffinesse der großen Mozart-Tenöre gehört hätte.

Als Darsteller ungemein schlaksig (er schien nur aus wehenden Armen und Beinen zu bestehen), stellte der Masetto des Peter Kellner durch schönen Baß und genug rabiate Laune sicher, dass man ihn nicht übersah. Dan Paul Dumitrescu ist immer ein würdiger Commendatore, aus dem Grab hätte er ein bisschen mehr donnern dürfen, aber man soll halt nicht alles auf einmal begehren.

Die Vorstellung war ausverkauft, das Publikum begeistert, und ausgerechnet das wird nicht gestreamt, würde man doch damit einige Ehre einlegen…

Renate Wagner

 

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