Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Staatsoper: DON CARLO

17.06.2012 | Oper

 Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Staatsoper: 
DON CARLO von Giuseppe Verdi
Premiere 16. Juni 2012  

Vorausgeschickt werden muss, dass es viel, sehr viel, ungewöhnlich viel Beifall gab. Nach jedem Fallen des Vorhangs wurde geradezu demonstrativ heftig (oft auch schon mit Bravo-Rufen) applaudiert, am Ende steigerte sich die Zustimmung zu Hitzegraden, alle wurden einbezogen, nicht der kleinste Einwand von Seiten des Publikums gegen das Leading Team. Die zweite Saison von Dominique Meyer schloss mit einem strahlenden Erfolg. Der Kritiker kann sich seine Arbeit ersparen, denn es war offenbar alles wundervoll.

Auch wenn man nun als miesepetriger Spaßverderber da steht: Nein, es war absolut nicht wunderbar. Das begann schon mit der neuen Inszenierung, die zuerst im Mittelpunkt der Betrachtung stehen muss, denn sie ist so uninteressant, uninspiriert, nicht vorhanden, dass man die alte Pizzi-Inszenierung ohne weiteres hätte belassen können. Die hatte wenigstens Stil und das Flair ihrer Epoche.

Die Idee von Regisseur Daniele Abbado (so es eine war) bestand darin, das Werk um dreihundert Jahre zu schieben – vom 16. ins 19. Jahrhundert. Dass man im 19. Jahrhundert keine Ketzer mehr verbrannte, nicht von Inquisitoren und auch nicht mehr von der katholischen Kirche beherrscht wurde (und darum geht es doch eigentlich), störte den Interpreten offenbar nicht. Da stehen sie, die Herren in irgendwelchen Uniformen, die Damen in stillosen langen Kleidern (Kostüme: Carla Teti), und zum Autodafé wird eine miese königliche Familie mit einem Haufen Angehöriger per Podest auf die Bühne geschoben.

Das Bühnenbild (Graziano Gregori) besteht aus Wänden in grau, oben, unten, hinten, ziemlich beweglich, ohne weiteren Effekt zu machen. Die Hinterwand öffnet sich gelegentlich (beim Autodafé glitzert sie dann in Gold), aber meist kommen nur sinnlose Auftritte – und sie schließt sich wieder. Vielleicht soll das Klaustrophobische königlichen Lebens durch diese Wände-Spielerei vermittelt werden, aber tatsächlich befindet man sich die ganze Zeit in einer langweilig düsteren Welt, die nicht einmal (wie etwa die ebenfalls abstrakte „Ring“-Maschine von Lepage in New York) irgendetwas von Bühnenverstand ahnen lässt. Soll man froh sein, dass es meist so dunkel ist, als hätte sich Daniele Abbado auf Karajans „schwarze Scheinwerfer“ besonnen?

Tatsächlich, zu sehen gibt es bei ihm wenig bis gar nichts. Die Autodafé-Szene mit hereinströmendem Volk, Prozession der „Ketzer“ und schließlich der an sich so spannenden Vater – Sohn Konfrontation, wo es der Sohn wagt, den Herrscher-Vater herauszufordern – das hätte jeder dritte Schenk-Assistent besser und interessanter auf die Bühne gebracht. Was Dominique Meyer da für den „Don Carlo“ seiner Ära herstellen ließ, ist die leere, tote Hülse einer nicht vorhandenen Inszenierung in einem hässlichen Bühnenbild, wo in den nächsten Jahren vermutlich viele und hoffentlich große Besetzungen durchmarschieren werden… Da weiß man wirklich nicht, was einem lieber ist – ein Nemirova-„Macbeth“ oder das?

 

Wo beginnt man mit den Sängern an einem Abend, der auch keinerlei Akzente setzt, welches Schicksal am meisten interessieren soll? Ramón Vargas gab sein Rollendebut als Titelheld, und er ist, wie man weiß, ein guter und verlässlicher Sänger, der seinen Part (von Zeit zu Zeit mit etwas hörbarem Nachdruck) akustisch erfüllte. Man kennt die Interpretationen von Villazon oder Kaufmann und weiß folglich, wie viel zusätzliches Interesse der Titelheld gewinnt, wenn er auch eine glaubhafte Figur als unglücklicher jungen Mann abgibt.

Als König Philipp war René Pape zu hören, ein Künstler, der immer starr wirkt, auch seine Stimme ist es, die stark und aggressiv, aber gewissermaßen ohne Resonanz einherkommt. Auch in seiner großen Arie gewinnt er nicht wirklich tragisches Profil, so dass er Mitgefühl erzeugen würde, er bleibt gewissermaßen ein „Bösewicht“. So wie unser „Hagen“ Eric Halfvarson als Großinquisitor – vor ihm als Erscheinung kann man Angst haben, vor seinem Gesang weniger. Wie schön, dass Dan Paul Dumitrescu als „il Carlo Quinto!“ hier nicht mit Gießkanne herumwetzen muss wie bei Konwitschny, dafür darf er am Ende sogar eine Krone zücken, quasi als Beweis dafür, dass er seinen Enkel mitnehmen und retten darf… Carlos Osuna besorgte die männlichen Nebenrollen des Abends.

Simon Keenlyside hat den Posa oft gesungen, sicher nie in einem Gewand, das aus Hemd und braunem, langem Wams besteht (ach, Du armer Malteserritter!), mit dem er aussieht wie (suchen Sie es sich aus) Robin Hood oder Wilhelm Tell oder der brave Landmann von nebenan – Marquis Posa weiß offenbar nicht, wie man sich am Königshof anzieht. Wollte er mit solch schlichtem Outfit (das Spanische Hofzeremoniell gab es noch im 19. Jahrhundert, er wäre damit nicht bei der Tür hereingekommen) irgendwelchen Protest artikulieren, wäre das unter dem Intelligenzlevel, den man ihm zuschreiben möchte… Keenlyside ist nach irgendwelchen Krankheiten (die er in einem Interview vor der Premiere andeutete) mehr als genesen, die Stimme ist fabelhaft, mit ihrem rauen Timbre interessant und schön zugleich, er hat die Kraft, die Höhe, und er beherrscht die Rolle bis ins kleinste Detail. Er ist auch, das fällt auf, der einzige auf der Bühne, der sich nicht wie ein Opernsänger gebärdet, sondern wie ein wirklicher Schauspieler, der mit vielen mimischen und gestischen Details die Befindlichkeit seiner Figur klar macht. Er hatte es, von dem blödsinnigen Kostüm gehandicapt, mit der Rolle nicht so leicht wie sonst, aber er siegte auf ganzer Linie.

Man hätte gewettet oder sogar geschworen, dass wir in der Rollendebutantin Krassimira Stoyanova die ideale Elisabeth finden würden, aber ganz so war es dann doch nicht. Seltsamerweise hatte sie mit mehreren Höhenpassagen doch Schwierigkeiten, und ihre große Arie (Prüfstein der Elisabeth, auf den sie lange warten muss, nämlich bis knapp eine halbe Stunde vor dem Ende) sang sie dramatischer und damit schärfer, als es wirkungsvoll ist. Die Regie hat auch wenig dazu getan, ihr die Gloriole tragischer Poesie zu geben, die diese Rolle oft so anziehend macht.

 

Wir hatten in Wien, das muss einmal gesagt sein, jahre-, jahrzehntelang die tollsten Ebolis, die Simionato, die Cossotto, die Ludwig, die Bumbry, die Baltsa – aber nun ist das schon seit längster Zeit abgerissen. Keine Interpretin weit und breit, die sexy, intrigant und hoch dramatisch (von Bombenstimme ganz zu schweigen) ihren Platz behaupten und alle Blicke auf sich ziehen würde. Luciana D`Intino bietet Stimmbrocken in allen Höhenlagen (in der Mitte kommt auch gelegentlich Sprechgesang dazu), und es war überraschend, dass „O don fatale“ zumindest einigermaßen über die Bühne ging (gejubelt wurde an diesem Abend, wie schon erwähnt, sowieso immer, es kam dem Publikum da auf Gradunterschiede des Gelingens überhaupt nicht an).

Ileana Tonca als Page küsste den Hofdamen die Hand und musste sie dazu bringen, sich auf den Boden zu setzen, Valentina Nafornità gab eine schöne Stimme vom Himmel zu einem kläglichen Autodafé.

Gespielt wird, man braucht es nicht zu betonen, die italienische Fassung des Werks, die vieraktige „Mailänder“, von der Franz Welser-Möst so schwärmt. Er ist derzeit auf seinem Vielseitigkeits-Trip, was man ihm nicht verdenken kann, denn variatio delectat, wie man weiß. Wollte man seine „Don Carlo“-Interpretation in kurzen Worten charakterisieren, so könnte man sagen: schnell und laut. Tatsächlich ist er mit einem Affenzahn durch das erste Bild gefegt, dass einem ganz bang wurde, dann fing er sich ein wenig, und wo da schwingende Breite nötig ist (bei Philipps Seelenqualen, Posas Tod, dem Vorspiel zu Elisabeths Arie, durch das der Regisseur völlig sinnlos Statisten marschieren lässt, ohne dass man weiß, was die in Yuste zu suchen haben), bot er sie ja doch. Laut – ja, ganz besonders, übermäßig oft, aber Effekte stellt man damit natürlich auf, und das steigert bekanntlich noch dazu den Beifall. Für die Sänger war es weniger angenehm, manch einer fand sich immer wieder zugedeckt, und es ist klar, dass Welser-Möst sich mehr um das Orchester als um Chor (Leitung: Thomas Lang) und Solisten kümmert. Dass er Sänger auf Händen trägt, wird man von ihm wahrscheinlich nie behaupten…

Kurz, ganz so wunderbar, wie der enthusiastische Beifall glauben machen wollte, war es nicht. Zumindest für jene, die schon ein paar „Don Carlosse“ zum Vergleich am Buckel und im Gedächtnis haben. Da ist übrigens das Programmheft unbezahlbar: Der Mittelteil bietet (mit Fayer-Fotos, zumindest hauptsächlich mit diesen) einen wahren Nostalgie-Trip der „Unvergesslichen“ von Bastianini bis Freni… Tempi passati.

Und was die Gegenwart und diese Inszenierung betrifft: Nein, wir verlangen nicht Ecken und Kanten um jeden Preis, an denen sich die Werke blutig schlagen. Aber Konturen und Akzente – das wäre wohl die Mindestanforderung an eine Neuinszenierung.

Renate Wagner

 

 

Diese Seite drucken