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WIEN / Staatsoper: DON CARLO

Ein Schneider! Ein Schneider! Meck! Meck! Meck!

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WIEN / Staatsoper: 
DON CARLO von Giuseppe verdi
10.September 2026
12. Aufführung in dieser Inszenierung

 Ein Schneider!
Ein Schneider!
Meck! Meck! Meck!

Die Wiener Staatsoper spielt „Don Carlo“ von Giuseppe Verdi. Angeblich. Orchester, Dirigent, Sänger standen parat. Der Rahmen, in dem sie ihre Leistungen abliefern mussten, war erbärmlich. Aber davon später.

Titelheld Don Carlos (bleiben wir bei seinem spanischen Namen) kommt zwar in sechs von sieben Szenen der Oper vor, geht aber (arienlos) dennoch oft unter, zerrieben zwischen den Persönlichkeiten von König Philipp und dem Marquis Posa. So etwas passiert Vittorio Grigolo natürlich nicht, dafür sind Stimme und Persönlichkeit zu groß, der Mann ist nicht auszutricksen. Aber es liegt natürlich daran, dass er sich selbst immer hundertprozentig einbringt, und das Ergebnis ist eine Präsenz des Titelhelden, wie sie zurückhaltendere Kollegen nie erreichen.

Ihm zur Seite der Einzige, der es in Bezug auf Stimmvolumen (um nicht zu sagen: Stimmprotzerei, beide Herren neigen dazu) mit ihm aufnehmen kann: Étienne Dupuis, der Franko-Kanadier, der – wie Tezier – für sich reklamieren kann, auch im italienischen Fach voll kompetent zu sein. Die Stimme hat einen harten Kern und ein raues Timbre, aber das sind für einen Bariton durchaus gute Eigenschaften.

Mit Interesse sah man dem ersten Wiener Philipp von Günther Groissböck entgegen (man hat ihn schon 2023 in Klosterneuburg in dieser Rolle gesehen, aber Freilichtaufführungen hinterlassen kein verlässliches Bild). Dass sich Groissböcks Stimme verändert hat, ist seit einiger Zeit festzustellen, was bedeutet, dass er sich von seiner früheren Kernkompetenz, nämlich Richard Wagner, in neue Richtungen umorientieren sollte. Der Verdi’sche König ist da eine richtige Wahl, er singt ihn klug, anteilnehmend und versucht sogar, so weit es in dieser Inszenierung möglich ist, über den ganzen szenischen Blödsinn hinaus eine Figur zu zeichnen.

Die Elisabeth ist eine sehr schwierige Rolle, und Elena Stikhina hat die richtige Stimme dafür, leicht und blühend (statt schrill) in der Höhe. Eve-Maud Hubeaux, für einen Mezzo mit ziemlich hellem Timbre und einem Metallkern in der Stimme, macht es mit Impetus – so, wie sie über die Bühne fegt, wie sie ihre Arien hinschleudert, ist es auch ein Persönlichkeitssieg.

Ain Anger (der Großinquisitor offenbar als Ober-Schneider im Inszenierungsrummel) ist als echter Baß stimmlich noch eine gute Nuance dunkler als der Baßbariton Groissböck, das Duett hat Duell-Charakter. Auch wenn er gar kein Mönch und schon gar kein Karl V. sein darf, ist Dan Paul Dumitrescu in dieser Rolle ideal. Am Pult Pier Giorgio Morandi, nicht immer ganz sauber im Kontakt mit der Bühne, grundsätzlich auf Lautstärke und Dramatik gepolt.

Eine Besetzung also, mit der man den „Don Carlos“ durchaus spielen kann. Aber die Inszenierung? Als ich sie zum ersten Mal sah, mit unendlicher Wut im Bauch, habe ich mir geschworen, da nie mehr hinein zu gehen. Hätte ich mich nur daran gehalten! Aber Oper ist eine Sucht, Besetzungen locken, und „Don Carlos“ ist unter den wunderschönen Opern noch immer die fast wunderschönste in ihrem Fach.

Also muss man dreieinhalb Stunden mit der Zumutung leben, die die Inszenierung von Kirill Serebrennikov darstellt – übrigens sein persönliches Gesamtkunstwerk, auch Bühne und Kostüme stammen von ihm, jeder Blödsinn ist also ihm direkt und umweglos anzulasten.

Ich werde sicherlich nicht versuchen, zu interpretieren, was im „Institut für Kostümkunde“ vor sich geht und warum. Das Herumgeschleppe von Kleidung und das gelegentliche Anmessen historischer Kostüme (warum nur?) schickt mir Wagners „Ein Schneider, ein Schneider, meck, meck, meck“ in den Kopf, ohne dass es mehr Sinn machen würde als das, was man auf der Bühne sieht.

Opfer sind dabei nicht nur die Zuseher, sondern natürlich auch die Künstler, die ihre Figuren nicht finden, Willküraktionen ausführen müssen und dazu Verdi singen, der zu nichts passt. Die Geschichte, die erzählt werden soll, verliert hier alles, ihren Wert, ihre Würde, ihr Wesen. Muss man sich das als Opernbesucher wirklich gefallen lassen?

Verdammt noch mal, steckt Euch Eure Ideen wer weiß wohin und hupft doch endlich alle in den Gatsch, Ihr Regisseure und Direktoren, Ihr böswilligen Zerstörer unserer Opern- und Theaterwelten!

Renate Wagner

 

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