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WIEN / Staatsoper: DIE WEIDEN

09.12.2018 | KRITIKEN, Oper

 

 

 

 

 

 

 

 

       Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper:
DIE WEIDEN von Johannes Maria Staud und Durs Grünbein
Auftragswerk der Wiener Staatsoper / Uraufführung
Premiere: 8. Dezember 2018

Der „Standard“ hat uns wissen lassen, dass wir es mit einem „Opernaufreger“ zu tun haben – nachdem alles, buchstäblich alles geschehen ist, um „Die Weiden“ a priori zu einem solchen zu machen. Nun, nach dem ganzen Übermaß und Overkill der Staud-Wortspenden endlich das, worum es geht. Das Werk.

Wobei zum Voraus-Lob der Uraufführung immer der Vorwurf eingearbeitet war, warum erst jetzt, im neunten Jahr der Direktion Dominique Meyer, kurz vor Torschluß? Daran ist nichts mehr zu ändern, also zur Sache – hier gilt’s der Kunst. (Hier gilt’s der Kunst??? SACHS. Lieb‘ Evchen, machst mir blauen Dunst? EVA. Nicht ich, Ihr seid’s, Ihr macht mir Flausen!)

Oper ist zwar Musiktheater, aber Musik zuerst, prima la musica, reden wir angesichts der Uraufführung von „Die Weiden“ an der Wiener Staatsoper zuerst von dieser – und gleich mit Kopfsprung in die Reaktion des Publikums, wie man sie in der Pause hörte. Zwischen Erleichterung („Gar nicht so schlimm“) und Enttäuschung („Das soll modern sein?“) hat Johannes Maria Staud eine wirklich gefällige Mixtur dessen geboten, was man anhören kann, ohne – wie bei Rihm, Reimann, Eötvös und anderen – gleich einmal angstvoll den Kopf einzuziehen.

Tatsächlich ist die Musik über weite Stellen der absolut beste Teil des Abends, besonders in den Orchesterzwischenspielen, in denen Staud Spätromantik mit einer Prise Moderne pikant gemischt und Elektronisches für Geräusche und lautmalerische Effekte eingesetzt hat (Live-Elektronische Realisation: Michael Acker, SWR Experimentalstudio). Das ist ein bisschen Filmmusik, aber auch oftmals überaus stimmungsstark, und man könnte sich vorstellen, dass der Komponist diese Teile einmal zu einer „Weiden“-Suite zusammen fasst und im Konzertsaal hören lässt. Im übrigen nutzt er Gefälligkeits-Rhythmen, wobei ihm anfangs die doch so pathetisch-belehrende „Legende von den Karpfenmenschen“ mit wiegender, leicht jüdisch ziselierter Melodik entschieden zu leichtfüßig geriet. Bei flotten Hochzeitstänzen – keine Angst vor Unterhaltungsrhythmen – darf dann zwischendurch auch Wagner anklingen: Das wird zwar als gewissermaßen als Negativbeispiel für Musik zitiert, ist aber besser als alles andere, was man an diesem Abend hört… Dennoch, was man hört, war bei Ingo Metzmacher natürlich in den allerbesten Händen.

Für Dramatik hat Staud ein Händchen: Die Musik zum Sterben von Kitty und Edgar ist wirklich packend – das Ende des Werks, in dem noch endlos belehrend und knüppeldicke direkt moralisiert wird, hat dann requiemartige Choralelemente und ist der Antiklimax schlechthin. Was will uns der Autor da wiederum sagen. was ist seine Conclusio?

Dieser Autor ist Durs Grünbein, und die Geschichte wie auch ihre Ausführung sind der absolute Schwachpunkt des Abends. Eine Flußfahrt soll das Motiv sein, Joseph Conrad hat es vorgeführt, dass man den Fluß entlang (bei ihm war es der Kongo) ins „Herz der Finsternis“ geraten kann – aber so hoch darf die fatale Trivialgeschichte, die hier geboten wird, wirklich nicht greifen. Grundlegend soll das Schicksal der jungen Jüdin Lea erzählt werden, die zuerst im Luxusheim ihrer Eltern in New York gezeigt wird. Sie hat sich in London in Peter, einen scheinbar tollen Mann, verliebt und will nun mit ihm per Boot, den Fluß hinan (hier wird er Dorma genannt), zu „seinen Leuten“ fahren, ins alte Bauernland. Tatsächlich ist es eine Welt der faschistischen Agitatoren, in die Lea gerät, mit Erinnerungen an verdrängte Verbrechen an Juden, mit Flüchtlingen, die gejagt werden, mit Leuten, die sich in „Karpfen“ verwandeln – das Symbol für die böse, abweisende Masse…

Nun hat man es halb mit einer Geschichte scheinbarer Echtmenschen zu tun, halb mit einem durchwegs symbolschweren Gleichnis, und da führt für Durs Grünbein kein Weg hindurch. Abgesehen davon, dass das Geschehen dramaturgisch sprunghaft verläuft, sind die Figuren nicht wirklich zu packen, auch weil ihnen so viel Geschraubtes, Geschwollenes in den Mund gelegt wird (durchwebt mit eindrucksvollem Alltagston à la „Ein Arschloch bist du“).

Abgesehen davon, dass man von dem Text so gut wie nichts verstehen würde, wenn man nicht dauernd am Display mitlesen würde…  es sind auch die wackligen, fast durchaus schwachen Dialoge, die dem Komponisten Staud am wenigsten gelungen sind. Als hätte seine Musik hier nichts gefunden, woran sie sich anhalten kann. Kurz, die „Weiden“ scheitern an der Geschichte, die keine ist, sondern nur die Folie für antifaschistische Propaganda und eine Anklage, die ins Leere verpufft, weil man sie gar nicht verstehen kann.

Regisseurin Andrea Moses und Bühnenbildner Jan Pappelbaum waren um die Aufgabe nicht zu beneiden, dieses verbogene Stück einigermaßen auf die Bühne zu bringen. Ohne lange Videopassagen, für die Arian Andiel Flusslandschaften gefilmt hat und die einen düster-poetischen Hintergrund für Stauds gekonnte Orchesterspiele bieten, hätten sie das ohnedies nicht geschafft. Im übrigen wird auf der Drehbühne, die sich im äußeren Ring auch hebt und senkt, versucht, das eine oder andere realistisch zu vermitteln: Das gelingt am besten beim ersten Bild, bei Leas Eltern. Dass der Hochhäuser-Hintergrund New York sein muss, beweist schon das Chrysler-Building (seitdem es die Twin Towers als Erkennungs-Signal nicht mehr gibt), davor sitzen die noblen jüdischen Eltern und reden leider Blödsinn, als sie die Tochter verabschieden.

Lea und Peter am Strom spielt sich in einigen Bildern „in der Luft“ ab – da wird das rote Kanu vom Schnürboden herunter gelassen und die beiden schweben geradezu in den Lüften. Haben sie Boden unter den Füßen, wird die Landschaft auch mit Hilfe von Video-Sequenzen imaginiert. Die Umbauten zu „Massenszenen“ oder auch in einsame Betonbauten und Gräbern am Fluß, zum Familientisch bei Peter oder in geradezu irreale Welten (wo man dann zu herabsenkenden Schildern Zuflucht nimmt, die szenische Bemerkungen enthalten!!!), sind oft kompliziert und mühselig: Das Libretto hat es sich leicht gemacht (Euch macht ihr’s leicht, mir macht ihr’s schwer) – nicht nur mit Überschwemmung und letaler Naturkatastrophe, auch wenn Peter  gegen Ende plötzlich gefesselt erscheint und kein Mensch auch nur die geringste Ahnung hat, warum…

Andrea Moses konnte da nur einigermaßen den Ablauf retten, sie hat in die Hochzeitsszene von Kitty und Edgar Burschenschafter in voller Montur geschickt, damit man’s ja kapiert, und die Karpfenmasken, die Chor und einzelne Protagonisten aufsetzen, sind überdeutlich. Aber mit der Psychologie der Figuren war kaum zurecht zu kommen, weil es keine gibt, auch wenn einzelne Darsteller offensichtlich versuchten, von sich aus eine Gestalt zu kreieren.

Rachel Frenkel (sie wurde wegen Stimmbandentzündung entschuldigt, aber man nahm keine Beeinträchtigung wahr) hat es am leichtesten – Lea ist die Sympathieträgerin, die gerade durchs Geschehen wandert, alle Schlechtigkeiten um sich herum wahrnimmt, ohne allzu sehr Erschütterung zu zeigen, und deren Schlußmonolog man absolut nicht begreift. Tomasz Konieczny gibt dem Peter, der ja auch vom Stück her kaum Profil hat, als Kraftprotz – dass er wie Alberich klingt, daran ist nichts zu ändern, das ist nun einmal seine charakteristische Stimme.

Das zweite Paar lässt Andrea Carroll, im aufwendigen weißen Hochzeitskleid (Kostüme: Kathrin Plath) viel zu lange wie im Veitstanz herumspringen, sie könnte schon früher um einiges normaler werden. Ihr heller, hoher Sopran wird von den Anforderungen des Komponisten so wenig überfordert wie Thomas Ebenstein als ihr Mann Edgar, dem man schon anmerkt, dass er kein Sympathieträger sein soll. Die Dreiecks-Sex-Geschichte zwischen Kitty, Edgar und Peter wird überhaupt nicht klar, so schnell schickt die Regisseurin die drei davor von der Bühne…

Zwei Sprechrollen, Sylvie Rohrer sehr differenziert als Fernsehreporterin, die von ihrer Aufgabe wie paralysiert wirkt, vom  Tod vierer junger Leute im Fluß zu berichten. Dass Udo Samel mit dem faschistoiden Schaumschläger Krachmeyer nicht durchdringt, weil er akustisch kaum über die Rampe kommt, erstaunt. Da bringt Wolfgang Bankl mit dem Oberförster erst, dem Demagogen dann, schon mehr klar Beängstigendes auf die Bühne.

Der Rest sind Nebenrollen, zweimal Herbert Lippert, einmal als Leas Vater, einmal als Angler, dessen Funktion gar nicht klar wird, dazu Monika Bohinec als Leas Mutter. Donna Ellen spielt Peters Mutter, und bei Alexandru Moisiuc als Peters Vater möchte man die Kostümbildnerin fragen, wieso ein Mann bei einem doch „offiziellen“ Familiendinner in der Hausjacke am Tisch sitzt… Katrina Galka und Jeni Houser kreischen in höchsten Tönen skurrile Zwillingsschwestern, Selina Ströbele ist der Geist einer Wasserleiche, die auch nicht klar macht, ob sie sich wegen eines unehelichen Kindes oder wegen Rassenschande ertränkt hat. Aber mit Klarheit oder auch Stringenz oder gar dramatischem G’spür kann Durs Grünbein eben nicht dienen.

Am Ende war dann von einem „Opernaufreger“ natürlich nicht die Rede, und es gab den Wiegel-Wogel-Erfolg, Beifall für alle Beteiligten, ein paar Buh-Rufe für Staud und Grünbein, die sich Hand in Hand („wie die Komtessen“ würde es bei Hofmannsthal heißen) verbeugten und sich offenbar über den Widerspruch freuten.

Sagen wir es doch ehrlich: Niemand ist an diesem Abend ein Risiko eingegangen. Jedes Ergebnis war gleich wünschenswert – ob Buh-Rufe (womit man zu Opfern und Märtyrern wird), ob Beifall, es konnte nichts wirklich schiefgehen. So sieht Zivilcourage in der Demokratie aus, die funktioniert. Schauen wir nach Frankreich, wo sie aus den Fugen gerät, und sagen wir uns dankbar: Unsere Sorgen möchten wir haben.

Renate Wagner

 

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