
WIEN / Staatsoper:
DIE WALKÜRE von Richard Wagner
36.und vorletzte Aufführung in dieser Inszenierung
25:Mai 2026
Wagner, Wirbel, Wonne und Weh
Wagner ist laut. Von der „Flucht-Musik“, die in den ersten Akt der „Walküre“ führt, über „Wälse“- und „Notung“-Schreie bis zum „Walkürenritt“ (der noch nie besser „bebildert“ wurde als durch angreifende amerikanische Kampfhubschrauber in dem Film „Apocalypse Now“). Dazu braucht man als Dirigent Temperament, dazu muss man sich bekennen, und Pablo Heras-Casado tat es überzeugend beim zweiten „Ring“-Abend. Er wusste im übrigen auch, dass er Sänger hatte, die mit dem Orchester mithalten konnten, hat sich also nie zurück genommen. Der „Sog“ der Wagner-Klänge riß das Publikum den ganzen Abend mit. Dabei ist diese Musik so hoch intelligent illustrierend, so reich an allen nur möglichen Nuancen, dass sie immer wieder umschwappt. Aber der Dirigent kam nie aus dem Konzept oder dem Takt, der Wagner-„Wirbel“ war perfekt.
Eder Abend verzeichnete drei Rollendebuts, auf die man sehr neugierig war, vor allem auf Michael Spyres als Siegmund, diesmal mit der richtigen Stimme in der richtigen Rolle unterwegs. Die breite Mittellage und die fabelhafte Höhe mit schier unerschöpflichen Kraftreserven (nur beim finalen „Wälsungenblut“ des ersten Aktes hatte man sekundenlang Sorge, ob er den Hof mit Müh und Not erreichen würde, und er tat es). Siegmund ist eine Power-Rolle, alle Ausdrucksnuancen verfangen nicht, wenn die Kraft fehlt – und hier war sie da.
Desgleichen bei seiner Sieglinde, Simone Schneider, die überraschend lyrisch begonnen hatte, aber dann in Dramatik geradezu explodierte und sich für die nächste Rollenstufe (Brünnhilde) anmeldete. Ein Power-Paar, wie man es sich nur wünschen konnte, und dass Spyres kleine Querelen mit dem Text hatte, mindert den Eindruck seiner Leistung nicht.
Eigentlich erstaunlich, dass Volle und Nylund, heute in der Spitzenliga ihrer Rollen, diesmal erst ihre Wien-Debuts gaben – und wie! Dass Michael Volle wieder seinen Wotan als älteren und resignierten Mann zeichnete, passte perfekt zu ihm – der Arme kann ja wirklich nicht, wie er will, muss sich von seiner Frau unterbuttern lassen, muss seinen liebsten Sohn selbst töten (weil Brünnhilde sich weigert), muss schließlich seine Lieblingstochter aus seinem Leben entfernen und bestrafen, obwohl er es wirklich nicht will. Aber bei Volle legt sich die Resignation nie auf die Stimme, die ist von einer bemerkenswerterFülle und Kraft… oder auch nicht, wenn er es anders will. So beginnt er seinen Monolog mit fast geflüstertem Parlando, das sich erst langsam mit der Dramatik der Ereignisse steigert, bis er den zornentbrannten Göttervater hervorkehrt. Der er auch im dritten Akt sein will, aber in der schönsten Vater-Tochter-Szene, die Wagner je geschrieben hat, besiegt Brünnhildes Liebe Wotan so weit, dass er sie wenigstens auf Siegfried warten lässt…
Und eine so wunderschöne, schlanke, durch und durch nur positive Vibrations versendende Brünnhilde wie Camilla Nylund sieht man auch nicht alle Tage. Bewundernswert, wie sie sich ihren früher doch eher lyrisch-dramatischen Sopran zu den hochdramatischen Hojotoho-Rufen zurecht gearbeitet hat, ohne durch das neue Stahl in der Stimme die Modulationsfähigkeit zu verlieren. Und die Ausdrucksfähigkeit ist auch berührend. Man kann sich nur auf die folgenden Abende freuen.
Kleine Einwände bei den Nebenrollen: Die Maskenbildner haben Günther Groissböck sehr erfolgreich in den „Finsterling“ Hunding verwandelt. Stimmlich schien er allerdings in reduzierterer Form, als man ihn in Erinnerung hat, und das bei einer Rolle, die ihre Bösartigkeit auch durch Lautstärke ausstellt.
Szilvia Vörösm, sehr hell, sehr spitz als Fricka, ist noch nicht so weit, Wotan wirklich souverän kontra geben zu können. Die acht Damen Walküren schrien sich die Seele aus dem Leib, aber das ist ja so vorgesehen. Im übrigen: alles in hohem Maße paletti, auch das gehört zu den Wagner-Wonnen.
Zum Wagner-Weh zählt die Inszenierung, aber die will man vorsichtshalber gar nicht mehr so sehr zerrupfen. Vielleicht werden wir angesichts von Ersan Mondtag einmal sagen: „Wie gut, dass dem Bechtolf nichts eingefallen ist.“ Na, ganz stimmt das nicht. Vergessen wir die ideenlose, minimalistisch nüchterne Ausstattung (und für diesen Feuerzauber müsste sich Loge genieren), aber einen Blödsinn muss man doch anmerken. Dass der Regisseur im dritten Akt die Rösser der Walküren als weiße Gips- oder Kunststoff-Pferde auf die Bühne stellt, okey, soll sein. Aber warum können Regisseure nicht den Text der Werke lesen, die sie inszenieren? Sagt Wotan nicht expressis verbis, dass nur Helden in Walhall einziehen dürfen, notabene solche von den Walküren abgeholt werden (wie Brünnhilde es vergeblich mit Siegmund versucht)? Was sollen dann die zappelnden Männchen im Gegenwartsanzug, die vor den Walküren davonlaufen, sich zitternd am Boden wälzen, von ihnen getreten und verspottet werden? Wenn überhaupt, haben die Damen erschlagene Helden auf ihren Sätteln… Gewiß, die alberne „Männerjagd“ gab es auch schon in anderen Inszenierungen, aber sie wird dadurch nicht besser. Aber wer wird sich von (dummen) Inszenierungs-Details einen Wagner-Abend vergällen lassen?
Das Publikum war nach allen Akten vor Begeisterung „aus dem Häuschen“ und hatte angesichts der Solisitenleistungen auch allen Grund dazu.
Renate Wagner

