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WIEN/ Staatsoper: DIE KAMELIENDAME …sie stirbt in Schönheit . Ballettpremiere

Wiener Staatsoper: „Die Kameliendame“  ….  sie stirbt in Schönheit . Ballettpremiere am 24. März 2024

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Vom Wiener Publikum gewünscht: Handlungsballette. Eine große Ballettkompanie wie deren Tänzer benötigen Stücke, in welchen sie in Erzählungen Charaktere zeigen, ihre Persönlichkeiten entwickeln können. An solchen Abenden hat es in den letzten Jahren mit den angesetzten Novität im Staatsballett schwer gemangelt. Willkommen ist dies nun mit John Neumeiers übernommener Fassung von „Die Kameliendame“ aus dem Jahr 1978. Neumeier, seit den frühen 70erJahren über ein halbes Jahrhundert lang als Chef der ungemein kreative Kopf der Hamburger Ballettkompanie, nun bereits ein 85jähriger und auf Rückzug, ist für das Wiener Opernballett als Gastchoreograph stets ein Glücksbringer gewesen. Wiederholt wurden seine Choreographien in Wien einstudiert, haben mit ihren interessant aufbereiteten Psycho-Storys und feinen tänzerischen Details zu den Höhepunkten im Repertoire gezählt.

„Die Kameliendame“ ist in der dreiaktigen, weit ausholenden und aufbauschenden choreographischen Deutung von Alexandre Dumas d.J. Roman-Klassiker sicher nicht Neumeiers spannendste Schöpfung. Auch hier ist er ein intelligent auslotender Deuter. Interessant ist die dramatische Konstruktion als Rückschau mit den Parallelen zum Schicksal der Manon Lescaut – jedoch zeigen sich diese Überblendungen nicht gerade klar verständlich. Die Dramatik von Dumas’  Erzählung wird sensibel und elegant, sehr elegant ausgespielt. Weniger modern, in historisches Gefilde führend, neoklassischem Ballett verpflichtet. Aber auch: In die Länge gezogen mit wohl zuvielen Repetitionen in den Ball- und  Gesellschaftsszenen, einer gelassen promenierenden Society, im Ausloteten inbrünstiger Gebärdensprache wie in nebensächlichen Details. Immer wieder haben die Tänzer auch am Boden ihre Bravour zu zeigen. Vor allem aber …. so schön und empfindsam Frédéric Chopins Musik anzuhören ist, eine wirklich richtig mitreißende Ballettmusik bietet dieses als nobles Pasticcio aus Preludes, Polonaisen, Walzern oder Auszügen aus Chopins Klavierkonzerten zusammengesetztes stimmungsvoll Klangbad doch wieder nicht. Genussvoll ist jedenfalls dem Spiel der Pianisten Michal Bialk und Igor Zapravdin zuzuhören wie auch dem Musizieren unter dem fein begleitenden Dirigenten Markus Lehtinen.  

Ein ansprechendes Neumeier-Gemälde der Pariser Halbwelt anno 1848 bietet das Wiener Staatsballett. Als erste Besetzung: Ketevan Papava, vorzüglichste Charakterdarstellerin im Haus, versteht als Kurtisane Marguerite Gautier in diesem Seelendrama mit der ihr gegebenen Intensität den Nerv zu treffen. Timor Afshar, neu ins Ensemble geholt, bleibt als Armand Duval ein fein besaiteter doch eher blässlicher Liebhaber. So ganz finden die beiden nicht zusammen. Eno Peci muss einen statutarischen, würdevoll wandelnden Vater von Armand mimen. Im großen Aufgebot: Ioanna Avraam, Hyo-Jung Kang, Adi Hanan, Masayu Kimoto …. rundum alles o.k. In dezent Romantik andeutenden Bühnenbildern von Jürgen Rose ist dem Ensemble viel freie Fläche für ihre Tanzartistik gegeben. Ein Abend, in dem Elegance den Vortritt vor Spannung hat – Neumeiers Kameliendame stirbt in Schönheit.

 

Meinhard Rüdenauer

 

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