WIEN/ Staatsoper: DIE FLEDERMAUS
31.12. Wiener Staatsoper DIE FLEDERMAUS
Drei Bayern in Wien

Jonas Kaufmann, Diana Damrau. Foto: Youtube
Eine glanzvolle Starbesetzung wartete auf das Wiener Opernpublikum am Silvesterabend: Der wohl erfolgreichste Tenor der letzten Jahrzehnte und eine weltweit gefragte Koloratursopranistin waren als die Eisensteins angekündigt. Seit vielen Jahren sind Jonas Kaufmann und Diana Damrau auch gemeinsam auf dem Konzertpodium, zumeist in Gesellschaft der unvergleichlichen Helmut Deutsch, zu erleben. Die Direktion kaufte die beiden Bayern im Doppelpack und engagierte als Dirigenten den hierzulande vor allem als Dirigenten des Bruckner Orchesters Linz zu Ehren gekommenen Münchner Markus Poschner gleich dazu. So gab es am letzten Abend des Jahres eine Bayerische Fledermaus, die allerdings – so viel sei vorweg genommen – sehr viel Wiener Charme versprühte.
Poschner startete bei seinem Staatsoperndebut etwas zögerlich, die Ouvertüre war noch Stückwerk, der erste Akt uneinheitlich, dann allerdings konnten er und mit ihm das blendend disponierte Staatsopernorchester alle Stärken ausspielen. Der zweite Akt steigerte sich Nummer für Nummer zu einem wahren Strauss-Feuerwerk, nicht ohne den retardierenden Momenten und nachdenklicheren Passagen des „Duidu“ einen besonderen Platz einzuräumen. Hier gilt das Lob auch für den hervorragenden Staatsopernchor, der sich bei der Prinzenparty ganz in seinem Element weiß. Die Feierstimmung, das Alles-vergessen-können-im-Rausch-der-Sinne, die kleinen Bösartigkeiten, die Ausgelassenheit, der Schmäh, das Verstecken und Verstellen, all das, was dieses geniale Stück über die Wiener Seele aussagt, war da. Ein Kompliment an den Debütanten!
Nun zu den Darstellern:
Die beste Leistung des Abends bot Jörg Schneider als Alfred: Ein Tenor wie aus dem Bilderbuch. Kein Klischee, das er auslässt: Die zur Schau getragene Eitelkeit, das Selbstbewusstsein, der Charme, das Selbstironische – alles war da: Garniert mit einer hervorragenden Stimmführung, die jede auch noch so kleine vorgetragene Passage (Von den bereits altbekannten Lohengrin-Zitaten bis zu – diesmal neu – Händel), den jeweiligen Anforderungen entsprechend kongenial zum Klingen bringt.
Adrian Eröd als Falke ist wahrscheinlich der bestmögliche, hintergründigste Strippenzieher der Wiener Welt, der alle drei Akte keine Zweifel aufkommen lässt, wer der dominus litis ist, und dabei ebenso Spaß wie wahrscheinlich noch mehr Genugtuung empfindet. Wie er im ersten Akt noch in scheinbarer Kumpelei mit Eisenstein (inklusive Handstand am Fauteuil) diesen zur Sause überredet, um dort dann den Prinzen immer auf dem Laufenden haltend sich noch einmal demütigen lassend im dritten Akt das üble Spiel um seinen vermeintlichen Freund aufzudecken und ihn vollends zu düpieren, ein Lehrstück für jeden präsentiert, der das Wienerische in all seiner Bösartigkeit kennenlernen möchte, ist unüberbietbar.
Ilia Staple stellte sich bereits anlässlich der letztjährigen Fledermaus dem Wiener Publikum als Adele vor und ist seither deutlich gereift: Die Koloraturen gelingen tadellos, insgesamt fehlt es der Stimme noch etwas an Substanz und Körper. Ihre Darstellung ist vielleicht etwas zu ambitioniert.
Dieses Stichwort trifft auch für den Tenorstar des Abends zu: Jonas Kaufmann, der bis dato diese Rolle nur in Dresden vor einigen Jahren auszugsweise gesungen hat, gab somit sein echtes Eisenstein-Debut, eine Rolle, die bekanntermaßen zwischen Tenor- und Baritonsängern oszilliert. So ist sie natürlich ideal für einen Tenor mit baritonalem Klang, wie ihn Kaufmann darstellt: Sein Wienerisch ist tadellos, sein Gesang großteils sehr schön, warm und wohlklingend, wenn auch – gemessen an ihm selbst – phasenweise etwas glanzloser als erwartet, er punktet allerdings mit kraftvollen hohen Tönen, sein Spiel ist – da sind wir bei der Über-Ambition – in manchen Passagen etwas outriert.
Dies mag in gewisser Weise auch für seine Rosalinde gelten, die mit großer, manchmal etwas übertriebener Geste seine betrügerisch-betrogene Gattin gibt. Diana Damraus Stimme ist nach wie vor in den hohen Lagen sehr sicher (man mag über den etwas kurz gehaltenen Schlusston beim ohnehin unsingbaren Csárdás getrost hinwegsehen), in der Mittellage und der Tiefe fehlt es ihr allerdings an Körper – dieses Defizit zeigte sich auch bei ihrem bislang letzten Wiener Auftritt als Bolena. Alles in allem verfügt sie allerdings über eine sprühende, energiegeladene Ausstrahlung, und es macht Freude, ihr bei Flirt, Maskerade und Tanz (Dancingstar-Bestnoten für sie und Kaufmann für ihre Darbietungen im 2. Akt!) zuzusehen.
Jochen Schmeckenbecher ist ein durchaus erfreulicher Frank, Daria Sushkova als Orlofsky eher unauffällig.
Bleibt noch der allseits sehr gelobte und höchst erfolgreiche Michael Niaravani, der heuer zum zweiten Mal den Frosch gab. Tatsächlich sind manche seiner Scherze sehr amüsant (über die Heirat von Stocker mit Meloni zur Wiedereinlangung Triests), andere etwas absehbarer (über die Zelle, die am 2.1. frei wird, weil Grasser die Fußfessel bekommt), auch sein Gang in der Orchestergraben macht Spaß, die Witzchen über die große Weltpolitik hätte er allerdings für diesen Abend insbesondere unter Berücksichtigung der Übertragung im staatlichen Fernsehen besser sein lassen können. So zeichneten sich seine hier nicht näher ausgeführten Ergüsse über Putin eher durch Geschmacklosigkeit als durch besondere Originalität aus. Es bleibt letztlich ein etwas zwiegespaltener Eindruck von seiner Darbietung.
Ein temperamentvoller, amüsanter Abend, der mit und ohne Champagner, der ja bekanntlich an allem schuld ist, nicht perfekt, aber vielleicht genau deswegen umso schöner war.
Sabine Längle

