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Wien / Staatsoper: DER ROSENKAVALIER

23.04.2014 | Oper

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Fally, Schwanewilms, Bankl, Eiche (Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn)

WIEN / Staatsoper: 
DER ROSENKAVALIER von Richard Strauss
355. Aufführung in dieser Inszenierung
23. April 2014

Wenn Richard Strauss tatsächlich, wie vermutet wird, im Vorspiel zum „Rosenkavalier“ äußerst plastisch den Liebesakt zwischen Octavian und der Marschallin „klangmalt“, dann sollte die Dame in der letzten Staatsopern-Vorstellung dieser Oper hoch zufrieden gewesen sein. Franz Welser-Möst, dessen „Parsifal“-Dirigat total unterschiedlich beurteilt wurde, ließ bei seinem ersten „Rosenkavalier“ an der Staatsoper keine Zweifel aufkommen, wie temperamentvoll (ganz ohne die geringsten Generalpausen), übersprudelnd, klangschwelgerisch, aber keinesfalls esoterisch „silbern“ er diese Musik sieht und hört und auch realisiert hat – im Vorspiel gab es geradezu leidenschaftlich fiebrige Ergüsse… Zwar zeigte Welser-Möst auch Gefühl für die Besinnlichkeit, aber seine Stärke lag in der Realisierung der herrlichen Komödie, und die Wiener Philharmoniker (wenn nicht gerade Bläser einmal ihren Einsatz verbliesen) waren voll bei der seligen Klangzauberei dabei. Zumindest in dieser Oper war Strauss, der Urbayer, ein Wiener…

Außer dem Dirigenten, der mit Abstand der interessanteste Debutant des Abends war, gab es noch einige andere, voran Anne Schwanewilms als Feldmarschallin. Hält man sie stimmlich nicht für die geborene Wozzeck-Marie oder Kaiserin, so liegt die Marschallin ihrer schlanken, klaren Stimme viel näher, da gab es viele delikat angesetzte hohe Töne und Phrasen. Im Ganzen allerdings hat Anne Schwanewilms keinesfalls die, wie man so schön sagt, „blühende Kantilene“ des Strauss-Gesangs erfüllt, sie neigt mehr zum impressionistischen Hauchen, was dann enorme „Löcher“ in der (kaum zusammenhängend vorhandenen) Gesangslinie erzeugt. Dass sie weitgehend text-unverständlich war, ist bei einer Künstlerin, die in ihrer Muttersprache singt, wirklich nicht nötig. Ihre Darstellung macht nicht klar, wie tragisch sie den Abschied von Octavian wirklich nimmt, zumal sie im letzten Akt auch ziemlich – verärgert wirkt. Kein edler Verzicht, den die schöne Dame da leistet. Eher anzunehmen, dass sie sich bald den nächsten Liebhaber nimmt…

Es scheint, dass die Sänger, an denen der Heerrufer vorbei gegangen sind, mit Rollendebuts getröstet werden: Nach dem Musiklehrer des Clemens Unterreiner erlebt man nun den – ebenfalls viel zu jungen! – Faninal des Markus Eiche, was auch in diesem Fall den Vorzug hat, dass des Sängers stimmlich beste Jahre und der kleine Umfang der Rolle zu sattem Ausspielen des Materials führten. Nichts dagegen zu sagen, aber zusätzlich mehr darstellerischer Differenzierung zwischen Devotion dem alten Adel gegenüber und neuem Selbstbewusstsein auf den selbst errungenen Stand wäre wünschenswert (und wird wohl kommen). Und was aus dem „ordinären Beisel!“ herauszuholen ist – das wissen alle, die Erich Kunz im Ohr haben.

(Als ich übrigens Wolfgang Bankl heftig dafür tadeln wollte, aus dem „alten Tokaier“ einen „leichten“ gemacht zu haben, belehrte mich mein Freund Peter Holasek, dass sich vorher schon Eiche / Faninal diesbezüglich „versungen“ hätte und Bankl / Ochs diese Fehlformulierung nur aufgenommen habe… Relata refero, ich hab es nur bei Bankl wahrgenommen, wobei ein leichter Tokaier zu einem jungen Mädel natürlich keine Pointe gibt. Peter Holasek schlägt für nächstens die Variante eines „schweren Tokaier“ für ein „leichtes Mädel“ vor… Oder, es sind ja nicht alle Sophies so filigran wie Frau Fally, auch andersrum? Da gäbe es sicherlich noch enorme kreative Entwicklungsmöglichkeiten!)

Weitere Debutanten waren Regine Hangler (woher des Wegs?), die es schaffte, die wenigen Phrasen der Leitmetzerin so durchdringend zu singen, dass es einem die Schuhe auszog. Bryony Dwyer als neue Modistin fiel weiter nicht auf, hingegen merkte bzw. hörte man mit Missvergnügen, wie uneinheitlich und unbewältigt Ulrike Helzel die Annina sang.

Sophie Koch als Oktavian

Sophie Koch Foto: Michael Pöhn

Sophie Koch war wieder der Octavian, einen Tag nach ihrem Komponisten, und da ist es kein Wunder, wenn die Stimme ein wenig „geschunden“ klang. Sie hat für diese Rolle sehr viel Ruhm geerntet (wird sie auch im Sommer bei den Salzburger Festspielen wieder singen), aber in der Wiener Inszenierung fehlt ihr so manches – weder wird im zweiten Akt die plötzliche Verliebtheit in Sophie wirklich stark klar, noch ist sie im dritten Akt ein wirklich überzeugend komisches Mariandl. Am schönsten entfaltet sich der „Bub“ Octavian zu Beginn, nach der Liebesnacht, wenn es ihm gewissermaßen in Kopf und Herzen schwirrt und er versucht, zu begreifen, was da Wunderbares mit ihm geschehen ist. Das ist berührend.

Daniela Fally, im Grunde nur eine „Einspringerin“ an diesem Abend, war mit Abstand die überzeugendste Dame auf der Bühne – sie brachte alles: die liebenswerte, auch sehr komische Naivität von Sophie, den Widerstand gegen Ochs (und am Ende kann sie ganz schön zanken), die Verwirrung der Gefühle im dritten Akt, die in das himmelstürmende  Glück münden. Das war schön gespielt und mit Silbersopran, der alle Höhen leicht und richtig ansetzte, auch tadellos gesungen.

Wenn man sich wunderte, warum Wolfgang Bankl, der buchstäblich jahrelang der „Klingsor vom Dienst“ war, aus dem „Parsifal“ genommen wurde, so fand sich die Antwort hier: Er ist eine gute, wienerische Besetzung für den Ochs, auch weil er (man verzeihe, wenn das unfreundlich klingt), nicht mehr jung und ganz schön korpulent (im Sinn des Richard Mayr’schen Rollenmodells), auch optisch den idealen Umriss für diesen eklig polternden Kerl bietet, der bei ihm keinerlei Charme und Schmäh mitbekommt. Dafür eine Menge intakter Stimme, der nur – und das ist natürlich sehr schade – die tiefste Tiefe fehlt, und die braucht der Ochs für exponierte Stellen, die Richard Strauss ihm so bösartig aufs Auge (bzw. in die die Stimme) gedrückt hat. Immerhin – gut, dass man nicht einen Fremdsprachler holen muss, sondern hier, wo es wirklich sinnvoll ist, ins Wiener Reservoire greifen kann.

Wenn Alfred Šramek an einem Abend (Sparmaßnahme?) den „Notari“ (mit komischer Feder in der Perücke) und den Polizeikommissar spielt, fragt man sich, ob er nicht – auch wäre er mehr oder minder im glaubhafteren Alter als alle anderen – einen komischen Faninal in der Kunz-Tradition abgegeben hätte. Norbert Ernst zählt zu einer Legion von Sängern, die als „Sänger“ auf die Bühne geschoben werden, und natürlich „kann“ er die Rolle singen (versucht sogar, Schluchzer einzulegen), aber sie ist weder für einen Charaktertenor noch für einen Spieltenor, sondern eigentlich für eine Art Pavarotti gedacht. Und auch wenn man diesen leider nicht ausgraben kann, sollte man doch zumindest in der richtigen Richtung des vollkommenen italienischen Klanges suchen…

Richtigen Klang gab es aber an dem Abend genug, und allen Einwänden zum Trotz war es gutes Repertoire. So richtig als Festvorstellung für den Jubilar Strauss würde man es allerdings nicht nehmen.

Renate Wagner   

 

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