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WIEN/ Staatsoper: DER NUSSKNACKER – Ballettpremiere

08.10.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

„DER NUSSKNACKER“ – Pr.  7.10.

Edel und mit ein bisschen Feinstaub

 
Foto: Barbara Zeininger

Der erfolgreiche Neustart ist wohl vorprogrammiert gewesen. Und der Erfolg hat sich auch an dem mit großem Beifall aufgenommen Premierenabend von „Der Nussknacker“ eingestellt. Neustart: Peter I. Tschaikowskis Ballettklassiker zählt seit vier Jahrzehnten zum fixen Repertoire des Ballettensembles der Wiener Staatsoper. Am längsten gehalten hatte sich die allererste Einstudierung, 1973, von Juri Grigorowitsch. Die beiden Vorgänger als Ballettchefs dund  derzeitigen Leiters Manuel Legris hatten dann den Ehrgeiz, ihr eigenen Choreografien zu präsentieren. Und sind dabei ausgeglitten. Somit ist,
gerechnet innerhalb der letzten 12 Jahre, Nussknacker Nr. 3 in der  Staatsoper zu sehen. Dabei handelt sich aber nicht um eine neue schöpferische Kreation, sondern um den Aufguss einer Version von Rudolf Nurejew, welche er in den 60er Jahren als 29jähriger für das Königliche Schwedische Ballett und hierauf für Londons Royal Ballet erarbeitet hatte.

 Ein mehrfach legitimes Unternehmen: Nurejew ist mit der Staatsoper aufs engste verbunden gewesen. Nurejews frühere Klassiker-Einstudierungen in Wien hatten sich durch absolute tänzerische Qualitäten ausgezeichnet. Und Manuel Legris schließlich ist während Nurejews Jahre als Leiter des Pariser Opernballetts von diesem besonders gefördert worden. Legitim ist also nun, den von Nurejew damals vor Jahren einstudierten „Nussknacker“ auch in Wien zu zeigen. Im Vergleich mit den verschiedensten zahlreichen anderen „Nussknacker“–Versionen durch die Jahrzehnte: Nobel anzusehen, ausladend entworfen und reich an technischen Anforderungen, reich an Aktionen (die Eleven der Ballettschule sind im vollen Einsatz), doch trotzdem nicht gerade sehr zielsicher in den Ensembleszenen auf die angepeilten Effekte hinsteuernd und so manche Episode wird auch nicht von besonders originellen Einfällen getragen.

 Zurück auf die Bühne der Staatsoper und zum Wiener Publikum: Ein Erfolg für das Staatsballett ist zu verbuchen. Der Besuch kann sich lohnen. Interessant wird nun im Wechsel der verschiedenen Besetzungen zu verfolgen sein, welche der vielen sehr, sehr guten Tänzer im großen Ensemble ihre
Persönlichkeit  ausspielen können, wer das Glück hat, sich in den Positionskämpfen durchzusetzen. Die Solisten und das Corps de ballet haben sich am Premierenabend durchaus bravourös geschlagen. Vorläufig aber wohl noch ohne befreiende Gelöstheit. Der rechte Charme-Schub blieb aus. Liudmilla Konovalova bestach als Clara mit ihrer perfekten, strengen und so sauberen Technik. In der von Nurejew für seine eigenen Fähigkeiten zurecht gezimmerten Doppelrolle als Drosselmeyer und Prinz  kann Vladimir Shishov mit elegantem Auftreten gefallen, weniger auf Charisma setzen. Im großen Aufgebot: Emilia Baranowicz und Davide Dato als die kecken und spielfreudigen Kinder Luisa und Fritz; Alena Klochkova und Prisca Zeisel als Schneeflocken-Leaderinnen in deren stimmungsvollem Walzer; dazu feine Darbietungen im Divertissement der schwungvollen Charaktertänze.

 Alles in Ordnung. Klar, dass auch Nurejews Einstudierung auf den vielen tradierten Sequenzen der Uraufführung 1892 in St. Petersburg (Libretto Marius Petipa, Choreografie Lew Iwanow) beruht. Zu Tschaikowskis so klangschönem und wunderbar berührendem Melodienreigen ist wohl nichts Neues zu
sagen (von Dirigent Paul Connelly mehr kalkulierend als berauschend serviert). Die luxuriöse Ausstattung (super Kostüme, ein bisschen mit Feinstaub überzogenes Interieur) schuf Nicholas Georgiadis damals für Nurejew. Somit ist insgesamt der Premierenabend zu einem wohl geordneten „Nussknacker“–Neubeginn für die kommenden Jahre geworden. 

Meinhard Rüdenauer

 

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