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WIEN/Staatsoper DAS RHEINGOLD von Richard Wagner

Da ist fast alles Gold - und glänzt recht hell

09.01.2019 | KRITIKEN, Oper

Wotan – Tomasz KONIECZNY- beruhigt Fricka – Sophie KOCH – wegen der fehlenden Finanzen für den Burgbau (Foto: M.Pöhn/Wr.Staatsoper)


WIEN / Staatsoper
DAS RHEINGOLD  von Richard Wagner

19.
Aufführung in dieser Inszenierung   
8.Jänner 2019

Da ist fast alles Gold – und glänzt recht hell


Ein Luxuszug der Deutschen Reichsbahn namens „Rheingold“ verkehrte von 1928 bis 1939 zwischen Hoek van Holland und Basel. Einmal quer durch halb Europa an einem Tag war damals eine Sensation. Nach Kriegsende wurde diese Verbindung 1960 wiedereröffnet, 1987 war dann endgültig Schluss: Die Technik hatte das Prunkstück einer vergangenen Epoche längst überholt. – So etwas kann mit Kunstwerken nicht passieren. Meisterwerke aus vergangenen Epochen haben Bestand und überdauern Moden und Zeitgeschmack.

Das Großartige an Wagners Ring ist ja,“ war dazu im März 2018 in der Tageszeitung Die Welt zu lesen, „dass diese archetypische Geschichte um Macht und Geld, Verträge und Betrug immer besser passt, je moderner die Zeiten werden. Sie ist so groß und musikalisch so umwerfend, dass sie sich längst als unkaputtbar erwiesen hat“. Vom befremdlichen Wort „unkaputtbar“ einmal abgesehen, ist diese Feststellung durchaus zutreffend. Auch die abwegigsten Regieeinfälle prallen letztlich an Wagners Gesamtkunstwerken ab. Ob man jetzt Alberich oder zur Abwechslung einmal Göttervater Wotan in den Rhein pinkeln lässt, das tut jedenfalls kaum was zur Sache und ist letztlich nicht der Rede wert.

Diese und ähnliche Eskapaden des so genannten „Regietheaters“ bleiben der Ring-Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf, die derzeit wieder an der Staatsoper zu sehen ist, ohnehin erspart. Ganz im Gegenteil: Hier wird die Geschichte um Macht, Geld und Liebe recht stringent erzählt.

Dass Clemens Unterreiner im Ring-Auftakt Das Rheingold als Donnergott ein niedliches Hämmerchen hin und herschwenkt, um ein gewaltiges Donnergrollen zu entfachen, obwohl man damit kaum einen Nagel zum Aufhängen eines Bildes in die Wand schlagen könnte, wirkt eher putzig als befremdlich. Wichtiger ist, dass Unterreiners Bariton beträchtlich größer dimensioniert ist als das Werkzeug, das er in der Hand hält und so die Anforderungen wagnerischer Ring-Ausmaße weitgehend erfüllt. Sein Auftritt ist ebenso stimmig und stimmungsvoll wie der seiner Götterkollegen.

Jörg Schneider singt elegant und wohltönend den Froh, Norbert Ernst, ebenfalls Tenor, besticht als Loge zudem mit höchst quirligem Spiel sowie mit hohem körperlichem Einsatz. Er, der „mit der Wahrheit lügt,“, wie es in der 2. Szene heißt, und Herwig Pecoraro sind typische Beispiele dafür, dass in neueren Produktionen zunehmend mehr Augenmerk auf die komischen Aspekte in Wagners Opern gelegt wird, die es ja – und nicht nur in den Meistersingern – haufenweise zu konstatieren gibt. Pecoraro führt damit offensichtlich einen Ansatz weiter, den Heinz Zednik als Mime vor schon bald einigen Jahrzehnten eingeführt hat.

Vor einigen Jahren noch als Alberich eingesetzt, ist Tomasz Konieczny inzwischen zu einem imponierenden Göttervater herangereift. Sein charakteristisch geprägter Bassbariton – mit gaumigem Stimmansatz und dunkel gefärbten Vokalen – ist längst ein unverwechselbares Markenzeichen geworden. Der Wotan Koniecznys ist um Würde bemüht, lässt aber durchblicken, dass er den Verlockungen des Goldes nicht widerstehen kann, was – allen Warnungen zum Trotz (besonders intensiv und eindrucksvoll der mahnende Auftritt von Monika Bohinec als Erda) – zwangsläufig zur finalen Katastrophe in der Götterdämmerung führen wird. Seine Göttergattin Fricka wird von der erfrischend selbstbewussten Sophie Koch verkörpert. Diese gemeinsame Szene des hohen Götterpaares offenbart die Brüche und Diskrepanzen in ihrer Ehe. Während Fricka strikte Moralvorstellungen und daher für situationselastisches Agieren wenig Verständnis hat, ist Wotan, der sich beim Häuselbauen für die Sippe – Stichwort Walhall – übernommen hat, auf kreative Lösungen zur Behebung seiner Geldprobleme angewiesen. Nicht unlustig zu sehen, dass auch die Götter an Problemen laborieren, die uns Menschen nicht fremd sind.

Der stets zaudernde und wankelmütige Wotan bekommt durch den resoluten Alberich Jochen Schmeckenbechers einen starken und machtversessenen Gegenspieler, der seinen stärksten Auftritt hat, als er den Ring, der ihm von Wotan unter Mithilfe des charakterlich wendigen Loge entrissen wird, aufgebracht und nachhaltig verflucht. Er hat für das Erringen der Macht mit seinem Verzicht auf Liebe einen hohen Preis bezahlt und wird alles daran setzen, das erlittene Unrecht zu sühnen. Anna Gabler gibt eine verunsicherte und daher aufgeregt singende Freia, die im Gefeilsche um die Rückzahlung der Schulden an das Bauunternehmen Gebrüder Riese als Pfand herhalten muss. Fasolt und Fafner, die beiden Baumeister, sind durch Jongmin Park und Sorin Coliban mit zwei eindrucksvoll orgelnden, schwarzen Bässen besetzt.

Bleibt noch das Trio der Rheintöchter, das in dieser Inszenierung optisch nicht besonders gut in Szene gesetzt ist. Die Anmut ihres Gesangs ist beeinträchtigt durch das Grau des textilen Hin- und Hergewoges, ihre choreographierten Bewegungen erinnern eher an ein verzweifeltes Händeringen als an das allmähliche Anschwellen des Stromes. Auch die gesangliche Homogenität lässt zu wünschen übrig. Ileana Tonca und Stephanie Houtzel machen ihre Sache recht gut, Bonigwe Nakani kann nicht ganz mithalten.

Das Orchestervorspiel mit seinen berückenden, geheimnisvollen 136 Takten in Es-Dur-Dreiklanggewoge lässt an diesem Abend leider auch den gewohnten Zauber vermissen. Es dauert, bis man unter der Stabführung von Axel Kober halbwegs Tritt gefasst hat. Daran mag – neben dem üblichen Fehlen einer Orchesterprobe – auch die anfängliche Unruhe im Publikum mit schuld sein. Die zarten Töne der Kontrabässe und Fagotte, in den ersten Takten an der Grenze zur Hörbarkeit musiziert, wie vom Meister gewünscht, gehen in Gemurmel und Hustereien unter, die irisierenden Obertöne dringen bis zum Einsatz der Hörner kaum durch. Dann aber hat der Dirigent, der auch die folgenden drei Teile leiten wird, die Partitur und das musikalische Geschehen zunehmend besser im Griff; nur an wenigen Stellen wird es etwas zu laut.

Insgesamt aber markiert dieser Abend einen mehr als vielversprechenden Beginn. Der Beifall war ungewöhnlich heftig. Statt der inzwischen üblichen fünf Minuten dauerte er fast eine Viertelstunde an. Man kann also auf das, was kommt – Walküre, Siegfried und Götterdämmerung – gespannt sein und sich darauf freuen. Dass beim Auftakt  von insgesamt vierzehn Sängerinnen und Sängern in ausnahmslos wichtigen Partien – bis auf Konieczny, Sophie Koch und Schmeckenbecher – alle anderen Hausbesetzungen sind, zeigt erfreulicherweise, dass es um das Ensemble der Wiener Staatsoper qualitätsmäßig doch nicht so schlecht bestellt sein sollte, wie des Öfteren behauptet, wirft aber auch die Frage auf, warum Direktor Meyer diesmal nur einen einzigen Durchlauf des Ring auf den Spielplan gesetzt hat. Da wäre je eine Wiederholung wohl ohne allzu großen Aufwand möglich gewesen.

Manfred A. Schmid
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