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WIEN/ Staatsoper: DAS RHEINGOLD

11.01.2016 | KRITIKEN, Oper

Richard Wagner: »DAS RHEINGOLD«

11. Jänner 2015
15. Aufführung in der Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf


Jochen Schmeckenbecher, Zoryana Kushler. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Vor fast auf den Tag genau zehn Jahren trat Adam Fischer zu seinem letzten Zyklus des Ring des Nibelungen an der Staatsoper an das Dirigentenpult. Opernfreunde entsinnen sich freilich noch seines Einspringens für einzelne Abende im April 2011 und im Juni 2014. Die Erwartungen waren also hoch.

Allein: Seltsam distanziert und mit langsamen Tempi huben schon die ersten der 136 Es-Dur-Takte der Einleitung an, und ebenso senkte sich der Vorhang über dem finalen Des-Dur-Akkord. Dazwischen lagen zweieinhalb Stunden Bemühen um Spannung und abgestimmte Dynamik; aber gestern abend wollte der Funke nicht zünden.

Von den Rheintöchtern gab Andrea Carroll als Woglinde eine weitere Probe ihres Talents. Sie sang so wortdeutlich, dass es keiner Untertitel bedurfte. Ihr folgten mit einigen Abstrichen Rachel Frenkel als Wellgunde und Zoryana Kushpler als Flosshilde, welche an die Leistungen ihrer letzten Vorstellungen an der Staatsoper anschlossen. Der stimmlich wie darstellerisch überzeugende Alberich Jochen Schmeckenbechers hatte leichtes Spiel, sich in den Besitz des Rheingolds zu bringen: Die Partie des Nachtalben liegt ihm viel besser als etwa der Don Pizzaro.

Auch im Hause Wotan stand nicht alles zum besten: Zwar gab Tomasz Konieczny den Göttervater mit der Erfahrung etlicher Ring-Zyklen und großer Wortdeutlichkeit; allein, seine Art der Stimmgebung, interessantes Stilmittel für die Partie des Alberich, bleibt für die Darstellung des Wotan gewöhnungsbedürftig. Doch Tomasz Konieczny garantiert eine gute Gestaltung, und soviele Adressen besserer Wotans finden sich nicht in den Zettelkästen der Besetzungsbüros.

Die Fricka der Michaela Schuster mag mit ihren Einwänden gegen den Vertrag ihres Mannes im Recht sein sie weiß dies auch darstellerisch zu vermitteln in bezug auf die stimmliche Gestaltung blieben leider einige Wünsche offen. Ähnliches gilt es von Caroline Wenbornes Freia zu berichten, die ihr lange nicht so gut in der Kehle liegt wie die Gutrune.

Dafür war die Partie des Fasolt bei Ain Anger bestens aufgehoben: Er bot die eindrucksvollste Leistung des Abends, erfreute durch seinen Gesang ebenso wie mit seiner Wortdeutlichkeit und zeigte unverhohlen seine Zuneigung zu Freia. So hören sich gelungene Rollen-Debuts an. Sorin Coliban stand erstmals als Fafner auf der Staatsopernbühne, mit wahrnehmbarem Unterschied in der stimmlichen Gestaltung im Vergleich zu seinem Kompagnon. Ausgezeichnet gelang beispielsweise jene Szene, in der Loge  die beiden Eisenstangen der Riesen berührte und diese ob der sofort spürbaren Hitze losließen. Es sind jene Details, die szenische Arbeit verraten und einem wissenden Publikum Freude bereiten.

Täuschte es, oder nahm sich auch Norbert Ernst in der Gestaltung des Loge diesmal mehr zurück als bei früheren Aufführungen? Er wirkte ebenfalls gedämpft in Gesang und Spiel, doch wortdeutlich und mit jenem Zwinkern in der Stimme, welches Wotan in Nibelheim erst den erwünschten Sieg über den Nachtalben zu sichern weiß.

Oft wird Mimes Anteil an Wotans und Loges Erfolg unterschätzt. Doch ohne der Mitteilsamkeit des von Alberich unterdrückten Bruders übernähme jener wohl die Weltherrschaft, und das Publikum ersparte sich weitere zwölf Stunden Aufführungsdauer. Herwig Pecoraro weiß um die Macht des Wortes in der Kehle eines Spieltenors und liefert in einer anregenden Szene die wertvollen Informationen.

Anna Larsson sang als Erda Wotan mit zitternder, unfokussierter Stimme ins Gewissen, vom Ring abzulassen, ehe solide gesungene Beschwörungen von Donner (Boaz Daniel) und Froh (Jason Bridges) den Einzug der Lichtalben nach Walhall ermöglichten.

Fein gearbeitet in den Details und den dynamischen Schattierungen, hörte sich das alles gestern doch eigentümlich zurückhaltend und starr an und gar nicht so eindringlich, mitreißend und überwältigend, wie man es aus früheren Aufführungen des Rheingold in Erinnerung hatte. Sollte die Ursache dafür in der Übertragung via Live Stream zu suchen sein? Wir alle wissen, es gibt sie, diese Anlässe, in welchen man ganz besonders gut sein und sich die bestmögliche Leistung gerade deshalb nicht einstellen will. Verhielte es sich hier so, es wäre schade.

Thomas Prochazka
MerkerOnline
11. Jänner 2016

 

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