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WIEN / Staatsoper: CAVALLERIA RUSTICANA / PAGLIACCI

12.03.2019 | KRITIKEN, Oper


Elīna Garanča, Yonghoon Lee  Alle Fotps: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper:
CAVALLERIA RUSTICANA von Pietro Mascagni
PAGLIACCI von Ruggero Leoncavallo
104 bzw. 106 Aufführung in dieser Inszenierung
11.
März 2019

Das “Ausverkauft”-Schild prangte an der Sitzplatz- wie an der Stehplatzkassa (ausnahmsweise waren die Angebote der Kartenverkäufer vor dem Haus also für diese etwas wert). Und im Zuschauerraum herrschte die gewisse prickelnde Erwartung, die gar nicht unbedingt nur bei Premieren die Regel ist (wenn überhaupt), das Repertoire kennt diese Stimmung auch. Und sie hängt immer mit speziellen Sängern zusammen – denn die sind es, um derentwillen ein Opernpublikum kommt.

Dabei hatte die Wiener Staatsoper keines der berühmten Virtuosenstücke zu bieten, das zuletzt Jonas Kaufmann in Salzburg, Marcelo Alvarez und Roberto Alagna an der Met und Aleksandrs Antonenko in London geboten haben: nämlich den Turridu in “Cavalleria Rusticana” und den Canio in “Pagliacci” an einem Abend zu singen. Diesmal ging es nur in zweiter Linie um die Herren – an einem Doppel-Abend, wo alle, absolut alle Sängerinnen und Sänger in Wien ihre Rollendebuts abgaben.

Es ging dem Wiener Publikum um Elīna Garanča, und man wurde wahrlich nicht enttäuscht. Wenn man bedenkt, dass ihr vor 16 Jahren, im Jänner 2003, Ioan Holender mit der Lola in der “Cavalleria” ihre erste Chance in Wien gab – und wie weit hat sie es in dieser gar nicht so langen Zeit gebracht! Vom hübschen leichten Mezzo nun zur ganz großen Tragödin mit der immer noch schlanken, aber potenten und nie überfordert klingenden Stimme.

Und eine überzeugende Darstellerin ist sie auch. Da muss nur das “Cavalleria”-Vorspiel erklingen, da hetzt sie über die Bühne, duckt sich, um ihren Geliebten Turridu mit der Rivalin (eben jener Lola) zu beobachten, wird von ihrer Eifersucht gebeutelt, zeigt sich gleicherweise als Außenseiterin von den Dorfbewohnern ausgegrenzt – alles nur stummes Spiel: Sie hat noch keinen Ton gesungen, und schon hat diese schlanke, schöne Frau mit dem rötlichen Haar ihre ganze Figur körpersprachlich auf die Bühne gebracht.

Und dann singt sie – und erfüllt die Santuzza mit einer leidenschaftlichen Energie, die man noch an keiner ihrer Figuren (nicht an der Pariser Eboli, nicht an der Dalila) wahrgenommen zu haben meint. In all den Nuancen zwischen Bitten, Hoffnung und Demütigung, zwischen dem Zorn, in dem sie den Geliebten verrät, und der Starre, als niemand seinen Tod aufhalten kann, weiß die Elīna Garanča jede Sekunde, was sie tut, und kann es vermitteln, ohne billiges Theater zu machen.

Unsere großen Santuzzas in Wien seit Simionato, Cossotto, Bumbry, Baltsa waren dunkle Mezzos, aber die Partie liegt verhältnismäßig hoch, auch die Rysanek hat darin brilliert. Und man weiß, dass die Stärke der Elīna Garanča (die glücklicherweise mittlerweile dunkler klingt als früher) eher in der Mittellage und der Höhe als in der Tiefe zu orten ist, wo die Stimme eher flach wird. Kurz, die Rolle liegt ihr auch ideal in der Kehle – und der Gesamteindruck ist schlechtweg fasziniernd, dabei nie kraftprotzend auftretend. Schlank in jeder Hinsicht.

Ihr Turridu war der Südkoreaner Yonghoon Lee, der an den ersten Häusern das erste Fach singt, weil der Bedarf an Heldentenören groß ist und er strahlende Spitzentöne von erster Qualität noch und noch herausschmettern kann. Er ist auch durchaus imstande, diese Rolle interessant zu spielen – ein mutwilliger junger Mann, der in einer Mischung aus Unbedachtheit und Willkür seine Mitwelt herausfordert, bis er die Gesetze seiner Gesellschaft so weit verletzt, dass er seinen Tod herbeiführt – in den er wissend, aber nicht sentimental geht… Was zwischen Yonghoon Lee und der wahren Weltspitze liegt, ist die unüberwindliche Tatsache, dass er über kein Qualitätstimbre verfügt, ja, mit seinem leicht nasalen Klang gar nicht sonderlich angenehm anzuhören ist…

Paolo Rumetz gab den Alfio, ein Mann von Würde, der durch den Betrug der Gattin zur Rache aufgehetzt wird, aber nicht in einen Tobenden mutiert, sondern in aller äußeren Ruhe unverkennbar todgefährlich wirkt. Da Rumetz als Baßbariton über alle Höhen und Tiefen der Rolle verfügt, ist er eine sehr gute Besetzung, wenn er den Alfio auch nicht brüllt (wie es etwa der unvergessene Aldo Protti tat, vor dem man sich wirklich fürchten konnte…)

Auch Zoryana Kushpler war einst eine Lola, sie hätte an anderen Häusern eine Santuzza sein können, und wenn sie nun bei der Mamma Lucia gelandet ist, sind wohl viele Chancen an ihr vorbei gegangen, zumal ihre Stimme tatsächlich schon die Brüchigkeit einer alten Frau hat – oder ist das große stilistiche Meisterschaft, sie so klingen zu lassen?

Von frechster Frische hingegen war die Lola der Svetlina Stoyanova, die es dann aber mit der Angst zu tun bekommt, als Turridu sie vor der ganzen Dorfgemeinde blamiert…

Großer Beifall schon für den ersten Teil des Abend (der Triumph der Elīna Garanča), aber das Publikum goutierte auch den “Bajazzo” stürmisch.


Fabio Sartori, Marina Rebeka

Auch hier stand die Dame im Mittelpunkt. Zwar war anzunehmen, und es bewahrheitete sich auch, dass die Stimme von Marina Rebeka schon etwas zu dramatisch für die Nedda ist, die Leichtigkeit, das “Stridono lassù” wie zartes Vogelgezwitscher in die Lüfte steigen zu lassen, hat sie nicht, aber sie gestaltete schon diese Arie so dramatisch, wie sie die Figur anlegte, mehr kämpferisch als lyrisch und auf diese ihre persönliche Art sehr überzeugend. Von dieser attraktiven und so präsenten Nedda konnte man den Blick nicht wenden.

Fabio Sartori ist, wie sein koreanischer Kollege im ersten Teil des Abends, gleichfalls mit hochdramatischen Tenorpartien unterwegs, und auch bei ihm wird keine Höhe zur Zitterpartie, Kraft und Nachdruck hat er. Was ihn von der A-Klasse trennt, ist vielleicht eine gewisse darstellerische Blässe (mit großen Canios, die so richtig auf die Tragödie drückten, kann er sich nicht messen) – und die Tatsache, dass nicht jeder wie einst Pavarotti so überzeugend über  einige (bzw. zu viele) Kilo hinwegsingen kann, dass man sie übersieht… In dem schön singenden Jörg Schneider als Beppo schien er an diesem Abend einen Bruder zu haben (wäre ja schließlich nicht unmöglich…). Igor Onishchenko war als Silvio gut anzuhören, als Darsteller ist er noch von anfängerhafter Steifheit.

Ja, und dann stand ja auch noch das Rollendebut von George Petean als Tonio an. Der Prolog (ein offenbar großteil unerfahrenes Publikum klatschte mitten hinein) gelang ausgezeichnet, und danach machte er sich den Spaß, den üblen Kerl zu einer richtigen Charakterstudie eines hässlichen Menschen auszufeilen… Große Begeisterung auch hier.

Es sind zwei Choropern, und die Herrschaften machten ihre Sache (die ja in der “Cavalleria” auch exakte Gestaltung verlangt) gut. Am Pult stand Graeme Jenkins und dirigierte verlässlich Repertoire.

Womit nur noch auf eines hinzuweisen ist: Es ist evident, wie brillant diese Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle ist, der die beiden Stücke in dasselbe süditalienische Dorf (viel Stein, aber auch abstrahierende Momente wie die Mini-Häuser im Hintergrund) gestellt hat, nur aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. In diesem Ambiente können sich die Sänger, von Regie-Ideen ungestört, ungehindert und optimal entfalten. Diese Aufführung ist ein Juwel, und die nächste Direktion wird gut daran tun, an dieser Inszenierung besser nicht zu rühren!

Renate Wagner

 

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