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WIEN/ Staatsoper: CARDILLAC

05.04.2012 | KRITIKEN, Oper

WIEN/ STAATSOPER: CARDILLAC am 4.4.2012

 Es fällt auf, dass in den letzten zehn Jahren es gerade Produktionen von Opern des 20. Jahrhunderts waren, die als besonders gelungen gelten. Dazu gesellt sich auch dieses Werk  von Paul Hindemith, das an der Wiener Staatsoper in der Erstfassung gespielt wird. Sven-Eric Bechtolf, der unter der neuen Staatsopernführung so etwas wie der Hauptregisseur ist, griff gemeinsam mit  Rolf und Marianne Glittenberg auf die Ästhetik des deutschen Stummfilms der 1920er-Jahre zurück. Bühne und Kostüme sind vor allem schwarz-weiß gehalten, mit versprengten Einwürfen von Rot und Gold. Was schon bei der Premierenserie sehr beeindruckte waren die auf jede einzelne Figur abgestimmten individuellen Bewegungen – als besonders gelungen Beispiele seinen hier der Kavalier und besonders die Tochter genannt. Bechtolf hat quasi die einzelnen Figuren „ent-individualisiert“ und in ein starres Schema gepresst, was durchaus legitim ist, den mit Ausnahme des Cardillac hat niemand einen individuellen Namen, es werden de facto nur „Funktionen“ wie „Die Tochter, Der Offizier, Der Goldhändler“ im Libretto genannt. Das Konzept geht auf – auch, wenn im Vergleich zur Premierenbesetzung drei neue Sänger aufgeboten waren.

Zuallererst möchte ich aber das Staatsopernorchester unter der Leitung von Franz Welser-Möst nennen, das auch nach Ende der knapp 90-minütigen Aufführung vom Publikum am meisten akklamiert wurde. Welser-Möst kommt dieses Werk sehr entgegen, er hat die Partitur mit den Musikern genauestens erarbeitet und es war ein Genuss, die anregende Musik von Hindemith in solch fähigen Händen zu wissen. Eine große Rolle in dem Stück spielt auch der Chor der Wiener Staatsoper, der unter der Leitung von Thomas Lang präzise und äußerst engagiert agierte.

 Markus Marquardt war der „neue“ Cardillac. Er war in dieser Rolle zufriedenstellend, obwohl er an und ab hörbare Höhenprobleme hatte und manchmal stark tremolierte. Auch das wahnsinnig-dämonische Element der Rolle war bei ihm nicht so ausgeprägt, wie es zu wünschen war. Einschränkungen wären auch bei Tomasz Konieczny als Goldhändler anzumerken – neben einem leichten Akzent passte auch die knarrige Stimme, die mir eigentlich zum ersten Mal so aufgefallen ist, nicht zur Rolle. Was für einen Alberich in Ordnung ist, funktioniert in dieser Oper nicht.

 Alexandru Moisiuc  war als Führer der Prévoté fehlerlos und stimmlich bei weitem besser drauf als noch vor einiger Zeit im Tannhäuser. Die Rolle ist aber zu klein, als dass er besondere Akzente setzen konnte.

 Der erste Akt wird von den Figuren des Kavaliers und der Dame beherrscht. Olga Bezsmertna, eine junge Ukrainerin, die neu im Ensemble ist, zeigte sich nicht mehr als solide, mit leichtem Tremolieren. Schade, dass die ursprünglich vorgesehene Ildikó Raimondi nicht zur Verfügung stand. Postiv überrascht war ich von Matthias Klink, der die nicht immer einfache Partie des Kavaliers ohne Probleme sang und auch darstellerisch zu den Höhepunkten des Abends zählt. Nicht jede Rolle, die er zur Zeit verkörpert, passt zu seinen sängerischen Möglichkeiten, aber an diesem Abend war er auf jeden Fall ein Pluspunkt!

 Herbert Lippert hat als Offizier an der Staatsoper seine wichtigste und beste Rolle gefunden. Schon bei der Premiere wurde er umjubelt und auch an diesem Abend war der Publikumszuspruch groß. Auch exponierte Töne traf er punktgenau, doch mit fortlaufender Länge des Abends merkte man, dass es ihm mehr und mehr Anstrengungen kostete, sein an und für sich gutes Niveau zu halten.

 Am meisten beeindruckte mich Juliane Banse, die nicht nur ihre Bewegungschoreographie perfekt beherrschte, sondern auch stimmlich absolut überzeugte. Es wird interessant sein, wie sie Rollen auslegt, die nicht in ein derart striktes Bewegungs- (und auch wahrscheinlich stimmliches) Korsett gepresst sind wie die der Tochter.

 Der Applaus des Abonnentenpublikums (die Vorstellung war gut verkauft, doch auf der Ganzseite Galerie und Balkon klafften doch ziemlich deutliche Lücken) war herzlich, aber doch recht kurz, was der Gesamtqualität der Aufführung nicht Genüge tat. Es bleibt zu hoffen, diese Produktion auch in zukünftigen Spielzeiten wieder zu sehen und zu hören.

 Kurt Vlach

 

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