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WIEN/ Staatsoper: CAPRICCIO

28.06.2013 | KRITIKEN, Oper

WIEN/ Staatsoper: Capriccio – Meisterwerk und krönender Abschluss des Opernschaffens von Richard Strauss. Vorstellung am 27.6.2013

 Ob Capriccio wirklich – wie Strauss selbst es einstufte – seine „beste“ Oper ist, kann in dieser Absolutheit mit über 70jährigem Abstand zwar nicht unwidersprochen bleiben, das vielschichtigste Werk ist es aber allemal: Die Darstellung der unterschiedlichen Stilrichtungen, der feine Spott und der vordergründige Humor als Gegensatz zur tief empfundenen Trauer über den Untergang der Deutschen Kunst (bitte nicht mit Trauer über den Untergang des Deutschen Reichs gleichzusetzen – ganz im Gegenteil), die im Vorspiel-Sextett zum Ausdruck kommt, schafft Betroffenheit – lange über den Opernabend hinaus. Die Zusammenarbeit von Stefan Zweig, Joseph Gregor, Hans Swarowsky, Clemens Krauss und Richard Strauss selbst ließ eine der tiefsinnigsten Opernhandlungen entstehen. Das französische Liebesgedicht aus dem 16. Jahrhundert von Pierre Ronsard wird zum eindrucksvollen Demonstrationsstück: Aus dem vom Grafen talentfrei und spöttisch vorgetragenen Text wird dank der leidenschaftlichen Rezitation des Dichters Olivier ein feuriges Liebesgedicht; aber erst durch die Vertonung durch den Musiker Flamand erreicht das Sonett seine zu Herzen gehende Ausdrucksstärke. Damit ist eigentlich das Ergebnis der Auseinandersetzung vorweggenommen – natürlich kann nur „musica e parole’“ die befriedigende Lösung sein! Mit der Mondscheinmusik und dem aufwühlenden Finale, das emotional „keinen Stein auf dem anderen“ lässt, hat Richard Strauss aber – als Schlusspunkt seines Opernschaffens – eine augenzwinkernde Fußnote gesetzt, ob vielleicht nicht doch die Musik bedeutender wäre?

 Dass die Geschichte eine derartige Wirkung erzielt, ist zu einem wesentlichen Teil der einfühlsamen, intelligenten und schönen Inszenierung von Marco Arturo Marelli aus dem Jahr 2008 und der Textanlage der Wiener Staatsoper zu danken.

 Christoph Eschenbach stellte sich bei seinem späten Debut an der Wiener Staatsoper als einfühlsamer Sängerbegleiter und als profunder Strauss – Kapellmeister vor. Das Staatsopernorchester in Hochform zelebrierte den unvergleichlichen Wiener Strauss-Klang und schwelgte auch in kammermusikalischer Klangschönheit.

 Michael Schade, der Musiker Flamand und Markus Eiche, der Dichter Olivier stellten eine Idealbesetzung für die Kontrahenten im Streit um die Sache und um die Zuneigung der Gräfin Madeleine dar. Dem hellen Tenor von Michael Schade liegt das lyrische Sonett hervorragend und begeistert uns ohne Einschränkung – im Gegensatz zu seinen Ausflügen in naher Vergangenheit (Rathausplatz und Schönbrunn). Der klare, wortdeutliche und technisch perfekte Bariton von Markus Eiche fügt sich als Capriccio – Neuling nahtlos in das großteils in Premierenbesetzung aufgebotene Ensemble ein. Als zweiter Neuling gibt Kurt Rydl sein Staatsoperndebut als Theaterdirektor La Roche und überzeugt sowohl darstellerisch als auch stimmlich – gesangliche Probleme (in der ersten Vorstellung thematisiert) waren an diesem Abend für uns nicht feststellbar.

Renèe Fleming ist – wie in allen Aufführungen seit der Premiere – eine hervorragende Gräfin. Erstaunlicherweise hat der „Zahn der Zeit“ in den vergangenen fünf Jahren ihrem Aussehen weniger anhaben können als ihren stimmlichen Möglichkeiten. Im Gegensatz zur Premierenserie hört man jetzt schon so manche Schärfe in der Höhe und die Textverständlichkeit ist sehr eingeschränkt. Zugegeben – das ist Jammern auf sehr hohem Niveau – aber die Einzigartigkeit ist vorbei.

 Bei Bo Skovhus als Graf hatten wir den gegenteiligen Eindruck – er gefällt uns jetzt wesentlich besser als 2008 – stimmlich souverän und darstellerisch authentisch – nicht mehr so „überzogen“ wie früher – vielleicht hat die derzeitige körperliche Einschränkung auch ihr Gutes!

 Ebenfalls eine persönliche Weiterentwicklung haben wir bei Angelika Kirchschlager als Clairon bemerkt – sie ist gesanglich, schauspielerisch und optisch mit Renèe Fleming zumindest „auf Augenhöhe“.

 Immer wieder faszinierend ist die Bühnenpersönlichkeit von Clemens Unterreiner – mit seinem gepflegten Bariton und seinem schauspielerischem „G’spür“ wertet er jede kleine Rolle – diesmal den Haushofmeister – deutlich auf. Die anderen Nebenrollen waren aus dem hervorragenden Ensemble der Wiener Staatsoper sehr gut besetzt – Michael Roider (Monsieur Taupe), Iride Martinez und Benjamin Bruns (italienisches Sängerpaar) sowie die Diener Wolfram Igor Derntl, Michael Wilder, Martin Müller, Johannes Giesser, Jens Musger, Oleg Zalytskiy, Burkhard Höft und Konrad Huber – und sorgten für eine wunderschöne Aufführung ohne echte Schwachpunkte. Wenn man Strauss – Verehrer und Liebhaber von Capriccio ist, kann man durchaus von einer Sternstunde sprechen.

 Maria und Johann Jahnas

 

 

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