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WIEN / Staatsoper ANDREA CHENIER von Umberto Giordano

Italienischer Verismo - mit einer guten Prise französischen Esprits

10.01.2019 | KRITIKEN, Oper

Prozessszene 3.Akt (Foto M.Pöhn)

WIEN / Staatsoper

ANDREA CHENIER von Umberto Giordano 

113.Aufführung in dieser Inszenierung
8. Jänner 2019


Italienischer Verismo – mit einer guten Prise französischen Esprits

Die Premiere dieser Produktion war 1981. Kein Wunder also, dass sie, was Regie und Ausstattung betrifft, inzwischen schon recht ausgedient wirkt und laut Programmzettel auch nur noch als Aufführung „nach einer Inszenierung von Otto Schenk“ angeboten wird. Immerhin haben Otto Schenk, in dessen Arbeiten es bekanntlich meistens nur so „menschelt“, und sein Ausstatter Rolf Glittenberg ab dem 2. Akt überraschend große, frei bespielbare Bühnenräume geschaffen, die – von wenigen vorgegebenen Massenszenen abgesehen – sehr aufgeräumt wirken und von Nebenhandlungen weitgehend verschont bleiben. Das bietet ideale Voraussetzungen für die gewaltigen und ungewöhnlich langen Arien, für die diese Revolutionsoper gefürchtet ist und die nicht nur von den Hauptpersonen der Handlung nacheinander abgefeuert werden, sondern die Umberto Giordano auch Randfiguren zugesteht, die nur einen einzigen, dafür aber umso effektvolleren Auftritt haben. Ein Beispiel dafür: Zoryana Kushpler, die als blinde Großmutter Madelon bei der revolutionären Stellungskommission ihren blutjungen Enkel zum Militärdienst abliefert. Ergreifender geht´s nicht, wenn sie ihr „Son la vecchia Madelon“ herzerschütternd mit der bangen, Frage enden lässt, wer ihr in Hinkunft seinen Arm anbieten werde. Verismo pur.

Dass es diese Oper in 38 Jahren auf nur 113 Aufführungen gebracht hat, liegt vor allem an der aufwendigen Besetzung. Man braucht dazu nicht nur einen Ausnahme-Tenor, eine Ausnahme-Sopranistin und einen Ausnahme-Bariton aus dem dramatischen (vorzugsweise italienischen) Fach, sondern darüber hinaus noch weitere dreizehn ausgewiesene Sängerinnen und Sänger, die alle mehr als nur ein Stichwort abzuliefern haben. Große Namen allein genügen da nicht. Vor gut acht Monaten wurden am Haus am Ring dafür Jonas Kaufmann, Anja Harteros und Roberto Frontali aufgeboten, und es wurde doch nur ein ehrenhafter, mühsam errungener Pflichtsieg. Diesmal lautet das geforderte Dreigestirn Gregory Kunde, Tatiana Serjan und Luca Salsi. Und gleich vorweg: Es hat auch diesmal gereicht. Gut gereicht.

Serjan – Kunde (Foto M.Pöhn)

Der amerikanische Tenor Gregory Kunde, der sich in den letzten Jahren, vom Belcanto kommend, zu einem gefragten Verdi-Sänger entwickelt hat, ist an der Staatsoper nur selten zu Gast, beweist in der Titelpartie des Revolutionsdichters aber, dass er (gerade noch) über genügend Schmelz verfügt und jene hellen Spitzentöne abliefern kann, um diesen Dichter, revolutionären Freigeist und zu starken Gefühlen fähigen Liebhaber gestalten zu können. „Come und bel dì di maggio“, sein packender Abschied vom Leben, als er gemeinsam mit seiner Geliebten den Gang zur Guillotine antreten muss, klingt – trotz aller Wehmut – ebenso selbstbewusst und frisch wie seine zuvor in „Si, fui soldato“ dargebotene Selbstverteidigung gegenüber dem Vorwurf des Verrats an den Zielen der Revolution. Darstellerisch aber tritt er dosiert und etwas müde in Erscheinung. Die vom ihm angebetete junge Frau aus adeligem Haus, Maddalena di Coigny, wird von Tatiana Serjan mit feinem Sopran dargeboten. Die Wandlung vom leichtfertigen, verwöhnten Mädchen zur ernsthaft liebenden Frau gelingt ihr gut. Eine stimmlich recht ausgewogene Leistung, der aber etwas an Dramatik fehlt, was bei einer Sängerin, die in Wien immerhin schon mehrmals die Lady Macbeth gesungen hat, einigermaßen verwundert.

Den stärksten Eindruck des Trios, das in Liebe, Rivalität, Eifersucht und Entsagung ineinander verstrickt ist, hinterlässt allerdings Luca Salsi als Gérard. Ein kraftvoller, ausdrucksstarker und auch darstellerisch famoser Bariton, der eben erst als Nabucco im Haus am Ring schon begeistern konnte. Wie Maddalena durchmacht auch er, als ehemaliger Kammerdiener im Hause Coigny und nunmehriger Revolutionär, eine tiefgreifende seelische Veränderung: Zunächst ein skrupelloser Nutznieser der Macht à la Scarpia („Nemico della Patria?!“) wird er, beeindruckt von der tiefen, opferbereiten Liebe Andreas und Maddalenas, zu einem beherzten, selbstlosen, wenn auch letztlich erfolglosen Kämpfer für ihr Überleben.

Aus den weiteren Mitwirkenden eigens hervorgehoben zu werden verdienen u.a. Wolfgang Bankl als resoluter Mathieu, Virginie Berrez als delikate Bersi, Boaz Daniel als stimmgewaltiger Roucher und Thomas Ebenstein als windig-fieser Incroyable.

Das Orchester unter der Leitung von Frédéric Chaslin verleiht der dem italienischen Verismo verpflichteten Musik Umberto Giordanos – in ihrer kruden Mischung aus melodiös berauschender Sinnlichkeit und packender Dramatik – jene Prise französischen Esprits und französischer Revolutionsbegeisterung, die der Aufführung ausnehmend guttut. Das Publikum war zufrieden, der Schlussapplaus dauerte gemessene 5 Minuten und 36 Sekunden.

Manfred A.Schmid

 

 

 

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