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WIEN / Staatsoper: ANDREA CHÉNIER

07.01.2019 | KRITIKEN, Oper

 
Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper:
ANDREA CHÉNIER von Umberto Giordano
112.
Aufführung in dieser Inszenierung
6. Jänner 2019

Drei Wiener Rollendebutanten in den Hauptrollen von „Andrea Chenier“, zumal Sänger, die wir wenig kennen oder lange nicht gehört haben wie Gregory Kunde. Tatiana Serjan war bisher an der Staatsoper überhaupt nur die Lady Macbeth, und Luca Salsi haben wir gerade erst als Nabucco kennen gelernt. Etwas Neugierde wäre angebracht gewesen, hielt sich aber vor allem am Stehplatz in Grenzen. Auf den Sitzplätzen jene Unmengen von ausländischen Gästen, die wir als Devisenbringer lieben und die Dominique Meyer einzeln umarmen müsste, weil sie ihm seine sensationellen Auslastungszahlen bescheren. Und applausfreundlich waren sie alle…

Was ist also grundsätzlich festzustellen? Dass wir in Otto Schenks nach wie vor brauchbarem Rahmen für einen ungestörten Opernablauf (erzählt wird, was zu erzählen ist) drei – ja, wie formuliert man es am besten? „reife“ Stimmen hörten. Sänger, die schon eine längere oder ganz lange Karriere hinter sich haben. Die auf ihre Erfahrungen bauen können, auf ihre Technik – und dazu darauf zurückgreifen, was ihnen viele dramatische Rollen im Lauf der Jahre an Stimme noch gelassen haben.

Gregory Kunde, der seit gut zehn Jahren im „normalen“ dramatischen Fach tätig ist, wird bis zu seinem Lebensende hören, dass er der „Rossini-Tenor“ war. Man merkt es auch noch gelegentlich – an der Helligkeit der Stimme, einer gewissen Flachheit des Materials und der Fähigkeit, strahlende Spitzentöne zu produzieren (bzw. herauszustoßen). Er ist ein gestandener Mann, der weiß, dass man jede Sekunde in der Rolle zu stehen hat: Er spielt den (reifen) Dichter auch in den stummen Szenen, er überzeichnet nie, ist aber immer präsent und vermittelt die jeweiligen Emotionen der Figur. Das muss man auch können. Gesungen hat er die Rolle, von kleinen Wacklern abgesehen, sehr ordentlich – jene schwelgerische Sinnlichkeit, die dieser Held mit seinen beneidenswerten vier Arien (und die letzte müsste besonders „schmelzen“) benötigt, hat er nicht. Nur die Jugend und die besten Jahre können verschwenden, danach muss man aus dem, was noch da ist, das Beste machen. Das hat Kunde wahrlich getan und fand ein Publikum, das ihm reichen Applaus spendete.

Wir kennen die Russin Tatiana Serjan nur als unsere „Lady Macbeth vom Dienst“, eine strenge Herrin, die mit der knallharten Dramatik bei Verdi besser zurechtkommt als mit der Lyrik, die diese Maddalena di Coigny auch bieten müsste. Vor allem im zweiten Akt geriet die Stimme, der permanent ein metalliger Hauch zueigen ist und die in der Höhe zu verzweifelter Disziplinlosigkeit neigt, gelegentlich aus der Spur. Und wenn man spürt, dass das Singen zum Kraft- und zum Balanceakt wird, dankt das Publikum zwar begeistert für die Mühe – aber es ginge auch schöner.

Luca Salsi, erst Mitte 40, aber auch schon gut zwei Jahrzehnte im Opernzirkus unterwegs, derzeit im schweren italienischen Heldenfach, hatte vergleichsweise am meisten Stimme, setzte sie aber permanent hoch forciert ein. Selten, dass dieser Bariton, der wie künstlich vergößert wirkt, auch einfach schön fließt. Dass die große Arie dennoch viel Beifall bekam, liegt in der Natur der Sache – sie ist einfach zu effektvoll.

Bei den Nebenrollen gab es gewaltige Ausfälle, bei so gut wie allen Damen, im ersten Akt auch bei den Herren. Erwähne man, dass Boaz Daniel eine schöne Stimme hören ließ und dass Thomas Ebenstein eine starke Figur profiliere. Der Rest sei Schweigen.

Der Held des Abends war das Orchester, das mit dem Dirigenten Frédéric Chaslin hervorragende Arbeit leistete und höchstwahrscheinlich den Erfolg des Abends entschied. Der erste Akt, den der „Verist“ Umberto Giordano auch musikalisch so „französisch“ gehalten hat, wie es das Ancièn Régime charakterisierte, beginnt mit wahrlich flirrenden Tönen – und das Ende ist gewissermaßen „aufschreiender“ Verismo, in einem Liebesduett, das triumphierend in den Tod geht, zu einem aufjubelnden, aufklagenden Orchester. Dazwischen gibt es die Sinnlichkeit und Dramatik italienischer Arien und scharf akzentuierte Volksszenen, und alles gelang mit einer Genauigkeit und Elastizität und einem Wissen um musikalische „Pointen“, dass der Abend immer wieder geradezu vibrierte.

So kam es wohl, dass mit Hilfe von Orchester und Dirigenten drei Sänger, die mehr ihre Persönlichkeiten als ihre Stimmen ins Geschehen werfen konnten, begeistert umjubelt wurden.

Renate Wagner

 

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