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WIEN / Scalarama: UR-FAUST. EIN SPEKTAKEL

11.04.2022 | KRITIKEN, Theater

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© Bettina Frenzel

WIEN / Scalarama („Theater im Untergrund“ – Kleiner Raum des Theaters Scala):
UR-FAUST. EIN SPEKTAKEL
nach Goethe in der Fassung von Anselm Lipgens
Premiere: Sonntag, 10. April 2022

Theaterleute können es nicht lassen. Sie wissen, wie wichtig „Räume“ fürs Theaterspielen ist, und sind solcherart immer wieder auf der Suche nach neuen Möglichkeiten. Tatsächlich hat Bruno Max eine neue  Spielstätte gefunden. Es handelt sich um einen großen, langen, gewölbten Keller unterhalb seines Theaters Scala in der Wiedner Hauptstraße, der adaptiert und als „Scalarama“ vorgestellt wurde. Nach dem Einstand mit dem „Zerbrochnen Krug“ war nun Goethe an der Reihe – und der zieht immer. Eine ausverkaufte Premiere.

Die Frage zuvor, wie das einst war mit den „Kellertheatern“, so benannt,  weil einige der ersten – das Experiment am Liechtenwerd etwa – tatsächlich in tiefen Kellern zu finden waren. Damals sah man dort Dinge, die zu dieser Zeit wirklich neu auf das Publikum zukamen. Dann haben ja die großen Häuser das, was früher als „Experiment“ am Theater galt, an sich gerissen und sich selbst Nebenschauplätze erinnert. Warum braucht nun eine Mittelbühne wie die Scala noch einen „Experimentier-Raum“? Vielleicht, weil man im Haupthaus „zu ebener Erde“ einfach sehr gut das macht, was man früher in Stückwahl und Inszenierungsform, als „konventionelles“ Theater bezeichnet hätte (ohne die negative Konnotation, die heute daran hängt).

Wie dem auch sei – wenn „Ur-Faust. Ein Spektakel“ angekündigt wird, in einer Bearbeitung und Inszenierung des Schauspieler Anselm Lipgens, so hat man mehr an Innovation erwartet, als geboten wird. Aber halt – ist es nicht heute überhaupt der seltenste, mutigste Weg, Goethe sozusagen „vom Blatt“ zu spielen?

Allerdings hat man sich dafür ein paar „Rahmen“ einfallen lassen. Erstens die Tatsache, dass der „Doktor Faust“ (den hatte es wirklich gegeben, als eine der schrägen Alchemisten-Figuren des 15. / 16. Jahrhundert)  durch ein „Volksbuch“ bekannt geworden war, das landauf landab von Wanderbühnen gespielt wurde. Eine bunte Schar kündet also anfangs zu „Pauken und Triangeln“ das Schauspiel an, es gibt drei mit  Vorhängen versehene Hintergrund-Räume, und schließlich zaubert Anselm Lipgens noch – was keine neue, aber eigentlich immer eine gute Idee ist – Autor Goethe aus dem Hut.

Der hat ja in jugendlicher Begeisterung in dem, was man später „Urfaust“ nannte, ein paar essentielle Szenen des späteren „Faust“ nieder geschrieben, aber auch noch vieles ausgelassen (und manche „Löcher“ sind ja, wie man weiß, bis in die Endfassung nicht gefüllt). Hier allerdings stockt man schon – Goethe und seine Freundin Luise (welche? Die Hofdame der Anna Amalia?) lassen Faust erst wie eine Marionettenpuppe an Fäden hängen und zappeln, aber bald übernimmt er seine Rolle „menschlich“. Goethe selbst sitzt über der Szene, quasi als Regisseur – und nur einmal nützt Lipgens die Gelegenheit, ihn sagen zu lassen, was da im Stück eigentlich fehlt. Sonst vergibt er die „Kommentator“-Funktion des Dichters, die ebenso amüsant wie auch informativ hätte ausfallen können, leider total. Und er hätte doch so viel erzählen können!

Was nun beginnt, ist der „Urfaust“ in einem schlicht praktischen Bühnenbild (da half Bruno Max mit) und sozusagen „historisierenden“ Kostümen (Anna Pollack) so gespielt, wie man es heute nicht mehr tut. So, wie es sich gehört, hätte man früher gesagt. Ideenlos, sagt man heute. Nur in der einzigen Szene von Auerbachs Keller, der in eine Bar verwandelt ist, geht es so zu wie in heutigen Inszenierungen – da produzieren sich die Nutten an der Stange, und Faust schenkt ihnen keinen Wein ein, sondern zaubert ihnen Währungen, darunter auch Rubel…

Dann geht es weiter, durchgehend eng am Stück, immerhin mit dem einen oder anderen  neuen Akzent, der sich aber tatsächlich nur aus dem Stück gewinnen lässt. Kurz, das Experiment besteht in dem Wagnis, „Urfaust“ zu spielen, wie man es vor Jahrzehnten selbstverständlich getan hat und was heute niemand mehr wagt.

Ganz entscheidend ist das Bekenntnis zur Sprache, Goethes geniale Knittelverse auch als solche zu artikulieren, anstatt sie zu zermurmeln (so wie die Engländer bis heute auf ihren Bühnen Shakespeare „sprechen“). Im Quintett der Darsteller fällt da einzig Markus Tavakoli als gewissermaßen „gemütlicher“ (und gar nicht gefährlicher) Teufel durch nicht ausreichende Deutlichkeit heraus, die anderen machen es ausgezeichnet.

Allerdings muss Felix Krasser als Faust, der in der Studierstube wirklich vorzüglich den Text „mitdenkt“ und umsetzt, als Liebhaber ein wenig zu viel, zu stürmisch zappeln, das ist dann zu sehr auf einen Ton gestimmt. Der als Goethe eingesetzte Simon Brader wird für einige  Nebenfiguren auf die Bühne geholt und ist vor allem als Schüler drollig und differenziert. Hervorragend ist Eszter Hollosi, die alles ausspielt, was die Marthe hergibt, aber auch einen urkomischen, lästigen Wagner und noch einiges mehr gibt.

Am bemerkenswertesten ist Angela Ahlheim als Gretchen, der abgespieltesten und klischeehaftesten aller Rollen. Sie findet einen ruhigen, selbstbewussten Ton jenseits von Schwärmerei und Larmoyanz, von Niedlichkeit und Sentimentalität, sie beeindruckt in jeder Szene, vor allem am Ende, wo sie kein „Wahnsinns“-Theater macht, sondern glaubhafte Stadien geistiger Verwirrung zeigt. Mit dieser Leistung könnte sie auf jeder Bühne bestehen.

Vermutlich hat man sich von einem „Urfaust-Spektakel“ anderes erwartet. Aber den „Urfaust“ bekam man, ganz ohne Frage.

Renate Wagner

 

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