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WIEN / Scala: UMSONST

22.09.2021 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Bettina Frenzel

WIEN / Scala: 
UMSONST von Johann Nestroy
Premiere: 19. September 2021,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 21. September 2021 

„Umsonst“ zählt sicher zu Nestroys wirkungsvollsten Stücken, weil sich die Theatersatire (wie auch in den „Theaterg’schichten“) im ersten Teil so unwiderstehlich entfaltet. Um „Provinz“ zu versinnbildlichen, wurde als Ort der Handlung zuerst die oberösterreichische „Stadt Steyr“ gewählt, und wenn der zweite Ort der Handlung Braunau war, so lasteten damals, zu Nestroys Zeiten, weder Hitler noch (aktuell) harte Corona-Schranken auf der Stadt. Es war einfach ein Ort, wo sich in einem Wirtshaus eine turbulente Virtuosen-Posse entfalten konnte…

Damals, das war 1857, Nestroy war kein junger Mann mehr und ein großzügiger Kollege: Er schrieb die „junge“ Virtuosenrolle des Stücks, den Schauspieler Arthur, einem besonders wendigen und versatilen Kollegen auf den Leib, und er gab seiner Rolle, dem Schauspieler Pitzl, durchaus Züge eines älteren, resignierten Theaterrosses.

Im ersten Teil geht es um die Zustände in der Provinzbühne Steyr, und Theater auf dem Theater, Klatsch über das Theater, Witze über Schauspieler verfehlen nie ihr Ziel. Zudem hat Nestroy hier (nicht zum ersten Mal) die Figur einer liebestollen alten Jungfer (da heißt sie Anastasia Mispl) eingeführt, mit der er geradezu gnadenlos umgeht – eine ebenso heikle wie brüllend komische Figur, wenn man sich traut. (Leider wird sie im ersten Teil des Stücks zurück gelassen und vergessen, was ja etwa auch der Madame Schleyer im „Zerrissenen“ passiert – aber wer würde Nestroy fehlende dramaturgische Stringenz vorwerfen wollen?)

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Wenn es in Braunau dann noch turbulenter wird, es um Liebe und Geld und Heiratssachen geht, dann hetzt der Autor seine Figuren über die Bühne, wie es nur von hochrangigen Interpreten zu bewältigen ist – das Publikum regelrecht zu überfahren, ist hier Konzept.

Bruno Max kann das, keine Frage. Er verrückt das Stück etwa um ein Jahrhundert, von der Mitte des 19. irgendwohin nicht zu spät im 20., was sich in den Kostümen (Anna Pollack) niederschlägt und die Szenerie versachlicht. Diese Bühne ist wie so oft ein Produkt von Marcus Ganser, der diesmal sogar einen Drehbühneneffekt einsetzt.

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Bruno Max hat in seiner geschickt zusammen gestrichenen, im Personal reduzierten Fassung einige seiner bewährten Gesichter zu bieten, und es ist ein besonderes Vergnügen anzusehen, mit welcher Souveränität etwa Jörg Stelling zeigt, dass ein Vormund kein alter, dummer Tropf sein muss, sondern ein echter, entrüsteter, durchaus gescheiter Bürger und Gentleman sein kann. Gleiches – an Souveränität nämlich – gelingt Hermann J. Kogler in der vielgesichtigen Rolle eines gierigen Wirtshausbesitzers namens Sauerfaß, von schleimig bis zornig, alles überzeugend da.

In diesem Wirtshaus leistet sich Bruno Max übrigens seinen einzigen Gegenwarts-Schlenker, wenn er den Kellner des Hauses zu einem Inder mit Sikh-Turban macht, wobei er uns allerdings (danke) jegliche Migranten-Problematik erspart. Die Figur funktioniert so, wie sie ist, und erzählt  uns keinen Subtext, den wir hier nicht brauchen: Markus Tavakoli geht die Rolle durchaus parodistisch, aber nie billig verulkend oder im geringsten diskriminierend an.

Christina Saginth riskiert die Anastasia Mispl ohne Rücksicht auf Verluste, ohne zeitgemäße Ängste, so dumm-blind-verliebt dürfe sich eine Frau nicht lächerlich machen, wenn man doch weiß, dass es dergleichen Verblendung immer gibt, bis heute – und dass „Hell hath no fury like a woman scorned“, wussten schon die alten Briten. Da kann man schon toben, wenn man erkennt, dass man für den jungen Mann nur eine „Alte“ ist…

Das Ensemble zeigt sich zwischen Steyr und Braunau verwandlungsfreudig. Teresa Renner wird von einer zickigen Schauspielerin zu einer züchtigen Wirtstochter (die allerdings wurlig ist, weil verliebt in ihren „Inder“),  Christoph Prückner mutiert von einem geplagten Theaterdirektor mit dem sprechenden Namen Schofel zu einem Kapitalisten mit dem ebenso sprechenden Namen Maushuber. Randolf Destaller, eben noch vollmundiger Inspizient im Theater, verwandelt sich als junger Maushuber zum Abbild des Papa. Dazu kommen Magdalena Hammer als von Liebe gebeuteltes, sexuell zu manchem bereites und gelegentlich drollig tobendes Mündel Emma und Claudia Marold als Kaffeesiederin, die natürlich Frau Gschlader heißen muss.

Aber sie alle sind letztlich nur die Umrahmumg des klassischen Paares Arthur und Pitzl. Was in der Scala selten passiert, ist diesmal geschehen – Bruno Max hatte nicht die richtigen Schauspieler für diese Virtuosenrollen zur Verfügung. Zur Wendigkeit, zum Tempo dieser Figuren gehört eine traumwandlerische Sicherheit, die wohl nur lange Nestroy-Routine ergibt und die bei Simon Brader und Leonhard Srajer (letzterer auch viel zu jung für die Rolle) einfach fehlt. Der Seiltanz, der sprachlich und körperlich bei einer konventionellen Nestroy-Inszenierung erforderlich ist (und das ist eine konventionelle Inszenierung, Gott sei Dank, der Kostüme ungeachtet), quietscht und eiert bei den beiden, wenn Simon Brader auch den wienerischen Schnösel in zweiten Teil sprachlich gut hin bekommt. Bei Srajer fehlt es gerade in der  Szene, wo er in das Liebesgebrabbel von Arthur – Mispl – Emma punktgenau Schiller-Zitate setzen müsste, an Präzision.

Gänzlich auf der positiven Seite ist die Musik, für die Frizz Fischer sorgte, der sich am die Vorlage von Carl Binder hielt – bedenkt man, was man in „modernen“ Inszenierungen für entsetzliches Gekreische als „Couplets“ gehört hat, ist man hier dankbar dafür, dass der originale Modus erkennbar ist (und natürlich auch am besten zum Text passt).

Einiger Schwächen ungeachtet entfaltet das Stück an diesem Abend viele seiner Qualitäten, wenn es sich auch nicht zum Gipfel seiner Möglichkeiten hoch schwingt.

Renate Wagner

 

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