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WIEN / Scala: MOONLIGHT & MAGNOLIAS

10.01.2015 | KRITIKEN, Theater

moonlight Plakat

WIEN / Scala: 
MOONLIGHT & MAGNOLIAS von Ron Hutchinson
Premiere:  8. Jänner 2015,
Besucht wurde die zweite Vorstellung am 9. Jänner 2015

Normalerweise könnte man eine Komödie, die von einem Filmproduzenten, einem Autor und einem Filmregisseur handelt, für einen Insider-Spaß halten, denn diese Leute sind einem breiten Publikum namentlich kaum bekannt und interessieren auch nicht: Kino ist das Endprodukt, und die Rede ist bestenfalls von den eventuell darin auftretenden Stars, während die „Macher“ kaum beachtet werden. Dass ohne sie nichts geht, das wissen die Fachleute.

Aber die Hollywood-Farce „Moonlight & Magnolias“ von Ron Hutchinson hat dennoch keine Rezeptionsprobleme zu befürchten, denn der Film, dessen „Making“ hier geschildert wird, ist „Vom Winde verweht“ – und irgendwie nimmt man an, dass jeder den irgendwann einmal gesehen hat. Und viele, sehr viele Frauen haben die über 1000 Seiten des Romans von Margaret Mitchell keineswegs als lange, mühselige Lektüre empfunden, sondern als ein Buch, das sie mit nimmermüder Begeisterung schlechtweg verschlungen haben…

Dass es um Scarlett O’Hara und Rhett Butler geht, um den letzten Glanz des amerikanischen Südens mit seiner verachtenswerten Sklaverei, um den Bürgerkrieg und alle Turbulenzen, die man sich in Sachen Politik und Liebe nur vorstellen kann – das weiß jeder.

Nicht allerdings Ben Hecht, der bekannte Drehbuchautor, den Produzent David O. Selznick in sein Büro holte, als er den ursprünglichen Regisseur von „Vom Winde verweht“ gegen Victor Fleming  ausgetauscht hatte und merkte, dass er für den Monsterfilm eigentlich auch ein neues Drehbuch brauchte. Ob es bei der Neugestaltung des Skripts wirklich so wahnwitzig komisch zugegangen ist wie in dieser Farce von Ron Hutchinson, weiß man natürlich nicht – aber wundern würde man sich nicht angesichts dieser explosiven Mischung von so divergenten Persönlichkeiten, von denen jeder etwas anderes wollte: Selznick den Film seines Lebens retten, Hecht den schnellen Dollar verdienen mit einer Geschichte, an die er überhaupt nicht glaubte, und Fleming wieder mit Freund Clark Gable arbeiten und vielleicht auch etwas Anerkennung ernten (er bekam für „Vom Winde verweht“ dann auch den Regie-Oscar).

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Fotos: Bettina Frenzel

Es ist in dieser Form nicht historisch verbürgt, aber bestes Komödien-Material, dass die drei sich in Selznicks Büro einsperren, nur bedient von einer herumgescheuchten Sekretärin, um das Drehbuch zu schreiben. Zuerst geraten sie in die wüstesten Streitereien und nach und nach an den bekannten Rand des Nervenzusammenbruchs. Das ist gleicherweise eine Slapstick- wie eine Charakterkomödie, die tatsächlich auch eine Menge übers Filmemachen aussagt – und sehr, sehr gut gespielt werden muss.

In Wien hat man das Stück 2011 im Volkstheater weit unter seinen Wert verschleudert gesehen, weil es der Regisseurin nicht gelang, die Darsteller in den Griff zu bekommen. Das meistert Regisseur Marcus Ganser (im eigenen Bühnenbild) im Theater Scala perfekt: Da läuft die Pointen-Maschinerie wie geölt, ohne in seelenlose Virtuosität auszuarten. Nein, da hat jeder noch sein Schicksal abzuliefern, und die Darsteller könnten nicht besser sein:

Leopold Selinger ist David O. Selznick, immer unter dem Druck seines allmächtigen Schwiegervaters Louis B. Mayer, besessen von der Idee eines eigenen, selbst verantworteten Erfolgs, der ihn aus dem Schatten anderer großer Produzenten treten lassen würde, außerdem fasziniert von dem Roman und seiner Heldin Scarlett. Leopold Selinger tobt sich Nöte und Leidenschaften schlechtweg hinreißend vom Herzen.

Ganz köstlich Bernie Feit als Ben Hecht, der bewusste Jude, der immer auf dieses Thema (samt der immanenten Empfindlichkeit, wieder angegriffen und ausgegrenzt zu werden) zurückkommt und der angesichts seiner in der Wolle gefärbten politischen Korrektheit Scarlett und die Sklavenhalter des Südens nur zutiefst verachten kann…Daneben ist er ein Routinier in seinem Fach, der Ideologie und Scheck ja dann doch abwägt: Bernie Feit macht das köstlich in permanenter Empörung, abgesehen davon, wie er im Lauf des Geschehens (fünf Tage ohne Kontakt mit der Außenwelt, ernährt von Nüssen und Bananen…) ganz possierlich „verfällt“…

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Bernie Feit, Hermann J. Kogler

Hermann J. Kogler schließlich ist völlig glaubhaft als Victor Fleming, der harte Mann, der über den jüdischen Befindlichkeiten rund um ihn nur den Kopf schütteln kann und  den nur eines in den Augen der Zuschauer rettet: seine Leidenschaft fürs Filmemachen und seine offenbare Kompetenz, das zu tun. Um sein Ziel zu erreichen, spielt er zusammen mit Selznick die einzelnen Szenen des Romans Ben Hecht vor, damit dieser seine Dialoge tippen kann – die Heiterkeit des Publikums schlägt ganz hohe Wogen.

Dazu trägt auch die alle Wünsche erfüllende und stets „Ja, Mr. Selznick“ plappernde Sekretärin von Irene Halenka bei, die man nicht um ihren Job beneidet – aber als Rolle ist die Miss Poppenghul bei aller Einförmigkeit höchst dankbar und wird genutzt.

Was soll man sagen? Wien hat schon lange keine Kleine Komödie mehr, schon lange werden in der Josefstädter Kammerspielen keine wirklich komischen Stücke mehr gespielt – kurz, wer wirklich brillanten Boulevard erleben will, muss in die Scala gehen!

Renate Wagner

Weitere Termine: 10., 13.-17., 20.-24. und 27.-29. Jänner 2015 jeweils um 19:45 in der Scala, Wiedner Hauptstraße 108, 1050 Wien (Straßenbahnhaltestelle Laurenzgasse)

 

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