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WIEN / Scala: MARIA STUART

22.03.2019 | KRITIKEN, Theater

 
Fotos: Scala / Barbara Palffy

WIEN / Scala:
MARIA STUART von Friedrich Schiller
Premiere: 21. März 2019

Wir wissen es aus oftmaliger, leidvoller Erfahrung, wie schwer sich die großen Bühnen und „zeitgemäßen“ Regisseure heute mit den Klassikern tun. Schillers „Maria Stuart“, etwa 2017 angeblich an der Josefstadt gespielt, ein krepierter Hirnfick, der nichts mit dem Stück zu tun hatte, ist nur ein unrühmliches Beispiel unter vielen. Bruno Max ging das Werk in seinem Theater Scala mit leichter Hand an. Und weil er sich auf Schiller verließ, war’s ein Sieg auf ganzer Linie.

Dabei optisch ganz und gar nicht 16. Jahrhundert, mitnichten: Hier und heute, mit Fernsehmonitoren, Tablets, Smartphones. Elisabeth im modischen Salon mit ihren Beratern, rauchend, Tee trinkend, Maria Stuart in einen Betonkeller gesperrt. Und gar nichts an dieser „Versetzung“ ins Heute störte oder zerstörte das Stück (wobei man erstmals in der Scala eine Hebebühne gesehen hat, die zu eindrucksvollster Wirkung gebracht wurde). Denn man kann sich durchaus vorstellen, dass ein absolut-diktatorischer Herrscher von heute (auch eine Herrscherin natürlich) seinen / ihren gefährlichsten Feind wegsperrt, einen gedungenen Mörder sucht, schließlich die Gefahr per Todesurteil beseitigt, aber – in der allgemeinen Verlogenheit der Politiker (man denke nur, wie sich die Saudis kaltblütig vor den Augen der Welt eines Kritikers entledigten und ganz unschuldig tun) – es offiziell natürlich nicht gewesen sein will. Nein, nein…. Sündenböcke finden sich immer.

Alles passt in dieser Version, und Schillers starke Frauen, die zwar immer noch in eine Welt der Männer gepresst sind (wie die starken Frauen von heute ebenso), beweisen nur eines: Sie sind nicht besser als die Männer. Nicht ein bisschen. Wenn Schiller, bei aller Bewunderung für die knallharte Elisabeth, seiner Maria Stuart streckenweise den milden Schein einer „echten“ Frau (mit Gefühlen) gab – in heutiger Interpretation bleiben sich die Damen nichts schuldig.

Im ersten Bild, dem Salon, „probt“ Elisabeth mit ihren Beratern quasi die Phrasen, die sie dann von sich gibt, wenn sie angeblich einen französischen Prinzen heiraten (sprich: ein Zweckbündnis schließen) will. Das Gespräch mit dem französischen Botschafter wird dann im Fernsehen übertragen, wie das heute schon so ist. Dann hebt sich der Salonraum und darunter wird das Kellerloch sichtbar, in das man Maria Stuart (die Staatsfeindin) weggesteckt hat. Diese Bühnenlösung (Regisseur Bruno Max hat sie sich selbst gebaut) erlaubt am Ende auch, die Hinrichtungsszene der Maria und Elisabeths Warten auf die Nachricht ihres Todes teilweise parallel zu spielen – das macht Sinn und hat große Wirkung.

Politik bis in die Fingerspitzen (wie bei Schiller, dem Historiker, der Figuren und ihre Funktionen perfekt zuschärfte), wie Alexandra-Maria Timmel als eleganter Rotschopf (Kostüme: Alexandra Fitzinger) ihre Rolle als Königin regelrecht „spielt“. Sie weiß, was man von ihr erwartet, und bietet es, keine Sekunde ehrlich ihr privates Ich, höchstens manchmal am Rande ihrer Nerven, aber an sich stets das beherrschte, kalkulierende Selbst: Anders bringt man es in diesem Politiker-Beruf wohl nicht weit.

Johanna Rehm ist in dieser Kerkerhaft in eine lange Weste gehüllt, in der sie offenbar friert. Nichts von der Schönheit ist ihr geblieben, die man der schottischen Königin und Männerverführerin nachgesagt hat. Aber ihre innere Stärke, ihre Kampfbereitschaft und auch in ihrem Fall: ihr Kalkül, hat sie nicht verloren. Eine Politikerin, die bis zuletzt die Fäden ziehen will. Stark. Wenn die Damen an einander krachen (Schillers einzige Verzerrung der Wirklichkeit, dieses Treffen gab es nicht), sind keine Emotionen im Spiel: Sie belauern sich, kämpfen mit Worten, suchen die tödlichen Stiche ihres Gefechts verbal anzubringen. Es gelingt ihnen, beiden. Unentschieden.

Bei geschickten Streichungen ist nur noch eine weitere Frau im Geschehen geblieben: Christine Renhardt, glücklicherweise gar nicht betulich als Marias Begleiterin. Immer ist der Mortimer die schwerste Rolle, bei Schiller der idealistische, die Stuart leidenschaftlich verehrende Jüngling. Matthias Tuzar macht ihn zu einem Hysteriker, der von Maria als Frau besessen ist und fast zu einer besinnungslosen Vergewaltigung fähig wäre. Nur damit, dass er sich zuletzt mit einem Sprengstoff-Gürtel in die Luft sprengt… damit geht die Regie wohl einen Schritt zu weit. Sonst ist der Mortimer frei von schwärmerischer Lächerlichkeit. Sein „Spiel“ als Doppelagent zwischen den Königinnen wirkt äußerst zeitgemäß – und irritierend glaubhaft.

Schöne, starke Charaktere stellen Christoph Prückner als Marias Kerkermeister Paulet und Jörg Stelling als Elisabeths Berater Shrewsbury, der sich von der Macht nicht manipulieren lässt, auf die Bühne: Schiller glaubte noch an anständige Menschen – uns fällt das ja schwer, sobald es um Politik geht. Alexander Rossi ist als Leicester so knieweich wie Christian Kainradl als Burleigh hart wie ein Höllenhund. Und Florian Lebek zappelt sich als Elisabeths Sekretär durch das Schicksal, im Malstrom der Politik keine Chance zu haben – was immer er tut, er wird untergehen…

Sie wirken alle durchaus heutig und in unserem Sinn interesssant, aber sie sprechen Schillers Text, sie verschmieren und vernuscheln ihn nicht, geben ihm seine Elastizität, seine Spannung und auch seine Hintergründigkeit. Wahrscheinlich macht das den Abend so siegreich: Er hat jeden Respekt vor Schiller – und findet dennoch den heutigen Ansatz. Der Applaus war besonders stark. Verdientermaßen.

Renate Wagner

 

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