
Fotos: Bettina Frenzel
WIEN / Scala:
IM DICKICHT DER STÄDTE von Bertolt Brecht
Premiere: 14. März 2026
Der freche junge Brecht
Bert Brecht (1898-1956) war nicht der einzige junge Intellektuelle, der in den frühen Zwanziger Jahren von dem Phänomen „Amerika“ fasziniert war – die Wolkenkratzer, der Brutalo-Kapitalismus, die gnadenlosen Kämpfe Mann gegen Mann. Er selbst war, als er begann „Im Dickicht der Städte“ zu schreiben, gerade einmal Anfang Zwanzig und suchte noch nach dem Handwerk, dem Stil. Nachdem er dem Publikum in seinem Erstling „Baal“ entgegengeworfen hatte „Glotzt nicht so romantisch!“, fand er, frech und auch überheblich, wie er war, es nicht für nötig, dem Publikum auch psychologische Erklärungen mitzuliefern, wenn er ihm eine wirre Geschichte hinknallte. Und daran leidet das „Dickicht“ bis heute.
Bruno Max allerdings glaubt daran, er inszeniert (allerdings aus einer Distanz von knapp dreißig Jahren) das Stück in seiner „Scala“ bereits zum zweiten Mal. Sonst wird es – aus guten Gründen – kaum gespielt. Der Erklärungsnotstand für alles, was hier geschieht, bleibt nämlich groß und hängt sich dem Publikum wie ein Mühlstein um den Hals…
Nein, man weiß nicht, warum der aus Yokohama gebürtige Malaie Shlink, der in Chicago ein reicher und erfolgreicher Geschäftsmann ist, sich plötzlich den unauffälligen Angestellten einer Leihbibliothek, George Garga, zum Ziel seiner Aggressionen nimmt. Noch weniger begreift man, warum er sich von Garga, der im Rache-Modus agiert, zugrunde richten lässt. In der Luft hängen eine Menge anderer Personen (warum Gargas Mutter eines Tages ihren Mantel anzieht und verschwindet, wird weder begründet noch erklärt), und wenn Brecht Shlink am Ende, kurz vor dessen Tod, irgendwie herumschwurbeln lässt, erfährt man wiederum nichts Genaues. Kurz, der junge Dramatiker hat einfach darauf los geschrieben – und erst später bemerkt, dass man einem Stück nicht nur ein Gefüge, sondern auch einsichtige Motivationen geben sollte…

Natürlich hätte die Möglichkeit bestanden, hier inszenatorisch nach den später von Brecht formulierten Prinzipien des „epischen Theaters“ vorzugehen, dem Ganzen also totale Verfremdung angedeihen zu lassen und die Verstörung des Publikums solcherart zusätzlich zu motivieren. Bruno Max allerdings wählte in einem besonders gelungenen Bühnenbild von Robert Notsch, das viele Aspekte von Chicago vor hundert Jahren andeutet, den Weg des Realismus. Er lässt die Geschichte spielen, als ob sie Sinn machte. Sie macht nur keinen.

Immerhin ist Thomas Marchart (nachdem er in „Adel verpflichtet“ so amüsant all seine Verwandten aus dem Weg geräumt hat, offenbar der neue Star des Hauses) eine ideale Besetzung für den unglückseligen George Garga, dem man glaubt, dass er sich herausfordern lässt, dass er sich wehrt und dass all das die schlechtesten Seiten seines Charakters hervorholt. Nicht ganz so überzeugend ist András Sosko als Shlink, ein gewaltiger, aber etwas unbeweglicher Mann, der eigentlich viel gefährlicher oszillieren müsste. Auch wird das Rassismus-Problem, das Brecht mit dem „Gelben“ anspricht, hier in keiner Weise evident.
Besondere Leistungen kommen von den Damen – großartig Eva-Christina Binder als Jane, später Gargas Frau, wahrlich eine verlorene Seele, sowie Anna Sophie Krenn als Marie, Gargas Schwester, die erfolgreich versucht, all die Volten, die Brecht ihren Charakter schlagen lässt, einigermaßen glaubhaft zu machen. Und zutiefst eindrucksvoll ist auch Marion Rottenhofer als Mae, Gargas Mutter, auch sie gegen den Text im Kampf um die Glaubwürdigkeit ihrer Figur.
Bernie Feit gibt schrill Gargas Vater John, der charakterlich nun wahrlich kein Preis ist, und Marius Lackenbucher, Stephan Bartunek, Raimund Brandner, Christian Kainradl und Christopher Korkisch teilen sich die weiteren schrägen Typen, die Brecht da in Chicago herumhängen lässt.
Der freche junge Brecht war Anfang der Zwanziger Jahre noch auf dem Weg. Wir wissen, was er später erreicht hat.
Renate Wagner

