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WIEN / Scala: HEXENJAGD

Ideologie ist Mord

03.10.2026 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Bettina Frenzel

WIEN / Scala: 
HEXENJAGD von Arthur Miller
Premiere: 1. Oktober 2026.
besucht wurde die zweite Vorstellung am 2. Oktober 2026 

Ideologie ist Mord

„Hexenjagd“ ist eines der berühmtesten Stücke von Arthur Miller (1915 – 2005), allerdings des großen Aufwands wegen deutlich seltener gespielt als sein größter Hit,  „Der Tod eines Handlungsreisenden“. Das Theater Scala hat nun für die ewige Polit-Parabel großen Aufwand getätigt. Man baute das Theater, das sein Publikum sonst im üblichen „Guckkastenformat“ empfängt,  in eine Raumbühne um, auf allen Seiten von Publikum umgeben, und nahm sich drei Spielstunden Zeit, um die düstere Geschichte laut und ohne Rücksicht auf schwache Nerven hinzustellen.

Das wirklich Grausige an dem Stück ist die Tatsache, dass es stattgefunden hat – zumindest in ähnlicher, sicher nicht schwächerer Form. Im Jahr 1692 kam es in Salem, einer kleinen, von Puritanern bewohnten Gemeinde im Massachusetts, zu einem Ausbruch von Hexenwahn, der am Ende rund 200 Menschenleben kostete, die fälschlich angeklagt und hingerichtet wurden.

Junge Mädchen, im Wald bei verbotenen Spielchen ertappt, wählten den Ausweg, sich als „besessen“ darzustellen und steigerten sich offenbar sehr überzeugend in diese Rollen hinein. Nach und nach beschuldigten sich unschuldige Mitmenschen der Hexerei, darunter wohl auch solche, die ihnen im Weg standen.

Eine ihrerseits wild entschlossene Justiz stellte sich in den Dienst der Betrügerinnen, und so kam es zur Katastrophe. Und Arthur Miller, eben erfolgreich mit dem „Handlungsreisenden“, nahm die Hexenjagd als Vorbild und Gleichnis für eine Bewegung in der amerikanischen Gesellschaft, die damals in den USA stattfand, als man im Zuge des Kalten Krieges Jagd auf Kommunisten machte. Auch das hat nicht nur Karrieren, sondern Menschenleben zerstört, und die Parallelen liegen darin, dass eine besessene Ideologie immer und überall über Leichen geht…

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Sam Madwar lässt die „Arena“, die er im Theater geschaffen hat, schonungslos bespielen. Miller fächert die Geschichte in aller Breite auf, zeigt zu Beginn die hysterischen jungen Mädchen und eine Gesellschaft, die aus vielen Gründen – vor allem aber Religion, Aberglauben und die Möglichkeit, Mitmenschen zu beschuldigen – auf den Sachverhalt aufspringt. Wenn schon hier die junge Abigail Williams als Anführerin hervortritt, so schwenkt die Handlung dann zu dem an sich kreuzbraven Ehepaar Proctor – nur dass John sich unvorsichtigerweise einmal von Abigail verführen ließ und diese nun seine ehrbare Ehefrau Elizabeth aus dem Weg räumen will.

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Wenn anfangs mit dem ausgesandten Pastor Hale noch ein Mann mit eifrigem, aber doch ehrlichem Bemühen ausgesandt wurde, die ganze Hexenproblematik zu untersuchen, so kommt im Rahmen der eskalierenden Ereignisse, wo schon zahlreiche Menschen nicht nur wegen Hexerei angeklagt, sondern auch hingerichtet wurden, mit Thomas Danforth ein wahrer Fanatiker nach Salem, wenn Miller ihm auch zugesteht, dass er überzeugt ist, das Richtige zu tun – aber sadistische Machtausübung ist ihm nicht fremd (bekanntlich ein weit verbreitetes Phänomen)..

Der Abend, der am Ende die moralische Frage, ob man sich dem Unrecht beugen soll, um sein Leben zu retten, etwas zu aufdringlich und langwierig verhandelt, leidet auch darum – die drei Stunden sind nicht nötig, man kann auch kürzen und damit das Geschehen intensivieren. Und die „besessenen“ Zuckungen der Mädchen und das erregte Geschrei, das zu oft kommt, hätte man um ein paar Dezibel herunter schrauben können, ohne an Wirkung einzubüßen. Aber immerhin – der Abend geht unter die Haut, hat seine atemlosen Momente, liefert seine Botschaft ab. Und man dankt es der Scala, das ein Well made Play (die es heute ja nicht mehr gibt) hier einfach gewissenhaft in seinen psychologischen und soziologischen Aspekten auf die Bühne gebracht wurde – und nicht als verfremdende  „Idee“ eines Regisseurs.

Das Stück hat drei große Männerrollen, und sie sind exzellent besetzt mit András Sosko als starkem, aufrechten Proctor, Christoph Prückner als leidenschaftlich agierenden Pastor Hale und, mit schneidender Stimme die ganze Wucht einer allmächtigen Justiz einbringend, Wolfgang Lesky als Danforth,

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Die großen Frauenrollen sind in den besten Händen  bei Anna Sophie Krenn als wundervoll verhaltender Frau Proctor, bei Fanny Fuhs als explodierende, in ihrer Tücke erkennbaren Abigail und bei Katharina Krause als zerrissener Mitläuferin Mary Warren, die schließlich die Wahrheit sagen will. Ein großes Ensemble rundherum  zeigt keinen Schwachpunkt.

73 Jahre nach ihrer Uraufführung transportiert die „Hexanjagd“ immer noch immer ihre gültige politische Botschaft. Weil sie leider ewig ist.

Renate Wagner

 

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