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WIEN / Scala: GRILLPARZER IM PORNOLADEN

12.12.2018 | KRITIKEN, Theater

WIEN / Scala:
GRILLPARZER IM PORNOLADEN von Peter Turrini
Premiere: 11. Dezember 2018

Vor 25 Jahren legte Peter Turrini, damals schon ein Star des Burgtheaters, sein Stück „Grillparzer im Pornoladen“ vor: Wie weit er sich auf die Vorlage, „Love Boutique“ des Amerikaners Willard Manus, bezogen hat, ist schwer festzustellen – die Mühe, das nachzurecherchieren, wird sich kaum jemand nehmen. Nach der Uraufführung im Berliner Ensemble 1993 (es inszenierte kein Geringerer als Peter Palitzsch), brachte die Josefstadt 1994 im Rabenhof die Österreichische Erstaufführung. Luxusbesetzt: mit Otto Schenk und Dolores Schmidinger. Seither hat man das Stück in Wien nicht mehr gesehen.

Vielleicht spitzt man schon auf Turrinis 75er im nächsten Jahr, aber jedenfalls kriechen seine alten Stücke aus den Löchern. Bei „Josef und Maria“ konnte man kürzlich in den Kammerspielen feststellen, wie gestrig und verstaubt das geworden ist. Und dem „Grillparzer im Pornoladen“, jetzt in der Scala zu sehen, geht es nicht anders.

Vor einem Vierteljahrhundert war das klug spekuliert – ein Mann schimpft (damals!!!) wütend auf die angebliche Übermacht der Frauen; und ein Pornoladen hat damals noch nicht allgemein das Achselzucken hervorgerufen wie heute – Peitschen, Dildos, aufblasbare Puppen und einschlägige Ratschläge („Das steckt man sich in den Arsch“) mochten einst noch ein bisschen lustvolle Empörung evozieren. Wo ist all das geblieben? Die paar Pointen beim Schildern der ausgestellten „Gerätschaften“ reichen nicht weit.

 
Foto: Bettina Frenzel

Heute steht man vor einer Situation, die – zumindest in der derzeitigen Aufführung unter Regisseur Josef Maria Krasanovsky – kaum Glaubwürdigkeit hat. Dass ein mieselsüchtiger alter Proletarier hier als Verkäufer fungiert, weil er (aus nicht definierten Gründen) seinen Job als Souffleur im Burgtheater (Grillparzer einsagen dürfen!) an „Weiber“ verloren hat, mag man glauben. Dass die feine Lady mutwillig in den Laden spaziert, um – sich dumm stellend – ausgerechnet diesen Oldie zu provozieren, bis sie beide ein bisschen Sado-Maso im Laden ausprobieren… das glaubt man keine Sekunde lang.

Nicht der coolen, glatten, blonden und gar nicht hintergründigen Eszter Hollósi, und auch nicht dem braven Bernie Feit. Die zwei rasten nicht aus. Weil das einfach nicht drin ist. Abgesehen davon, dass all die pompösen Verlagstexte („Aus einer gegenseitigen Abneigung entsteht eine Art Beziehung,  (…) eine diesen eros-technischen Unort deutlich hinter sich lassende berührende Begegnung zweier einsamer Menschen“) nichts mit dem zu tun haben, was man auf der Bühne sieht. Oder nicht sieht.

Renate Wagner

 

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