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WIEN / Scala: GOOD. EIN GUTER MENSCH

Schritt für Schritt in den Untergang

06.03.2024 | KRITIKEN, Theater

 

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WIEN / Scala:
GOOD. EIN GUTER MENSCH von C. P. Taylor
Premiere: 2. März 2024
besucht wurde die zweite Vorstellung am 5. März 2024  

Schritt für Schritt in den Untergang

Man könnte gut meinen, das Stück „Good“ sei im Anschluß an den „Zone of Interest“-Film entstanden, auch die Frage stellend, wie Durchschnittsmenschen ihre Verbindung mit einem verbrecherischen Regime rechtfertigen oder schönreden konnten. Tatsächlich hat der schottische Autor jüdischer Herkunft C. P. Taylor (1929-1981) „Good“ schon vor Jahrzehnten geschrieben. Es erschien in seinem Todesjahr mit großem Erfolg, wurde viel nachgespielt, kam 2022 erneut in London auf die Bühne und wurde nun von Bruno Max (in einer eigenen Übersetzung) in die Scala gebracht. Ein Stück der Stunde, wie schon angesichts des Vorlaufs in Mödling festgestellt wurde.

Weil man sich unter „Good“ allein vielleicht nichts vorstellen könnte („Gut“ – wer oder was ist gut?), hat Bruno Max dem Titel „Ein guter Mensch“ hinzugefügt – und bringt zu Beginn als Laufband die Goethe-Erkenntnis: „Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst.“ Aber ist es tatsächlich so – oder beweist das Stück nicht das Gegenteil?

Wobei gleich auf eine frappante inhaltliche Ähnlichkeit mit Michel Houellebecqs Meisterroman „Unterwerfung“ hingewiesen werden muss. Auch dort steht ein Intellektueller, ein Universitätsprofessor im Mittelpunkt, und die neue, nun islamische französische Regierung macht sich  diesen Schritt für Schritt so freundlich und unauffällig zu Diensten, dass er es fast nicht merkt – bis es zu spät ist. Und genau darum geht es auch  in dem Stück, das in Deutschland von der Machtergreifung der Nazis bis zur Mordmaschine Auschwitz führt.

Anfangs kann man Hans Halder, an der Universität Frankfurt Fachmann für Goethe, nur sympathisch finden, so gewissenhaft kümmert er sich (wenn auch mit innerer Ungeduld) um seine demente und entsprechend lästige Mutter. Seine lebensuntüchtige Frau geht ihm auf die Nerven, aber sein größtes Problem scheint im Moment zu sein, dass er innerlich immer Musik hört, die er nicht los wird. Das möchte er gerne mit seinem Freund und Psychiater Moritz besprechen, aber der zerbricht sich begreiflicherweise den Kopf über die junge Nazi-Herrschaft mit ihren antisemitischen Ausbrüchen. Immerhin – dieser Hitler wird sich nicht halten, davon ist Halder überzeugt, Moritz weniger.

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Fotos: Scala 

Doch Hans Halder bemerkt, dass das Regime ihn und seine Arbeit, seine Fähigkeiten schätzt – was kann man da tun? Da tritt man auch der Partei bei und später der SS, man kann es sozusagen nicht vermeiden. Wortgewandt findet er Formulierungen dafür, was man von ihm verlangt – Euthanasie? („Ist ja doch kein lebenswertes Leben“, meint er, die Erfahrung mit der Mutter im Hintergrund.) Juden? (Na, an vielem sind sie ja mitschuldig und warum sind sie denn noch da, wenn sie klug gewesen wären, wären sie längst weg – aber dem Freund bei der Ausreise zu helfen, so weit geht Halder nicht, der sich schon mutig fiindet, wenn er Moritz im Park trifft und ihn dabei quasi verleugnet.) Teilnahme an der Reichskristallnacht? (Na, irgendjemand muss ja auch für Ordnung sorgen.) Bücherverbrennung? (Nun, ist ja nur ein symbolischer Akt, und wenn er seine Bücher behalten darf…) Naziideologie verbreiten? (Nationalsozialistisches Gemeinnutz vor Eigennutz steht ja wohl dem schädlichen jüdischen Individualismus entgegen…) Und der Herr Professor erhält von Nazi-Bonzen und Nazi-Kumpels jede Menge von Zustimmung – und stets neue Forderungen.

Und so findet Halder für alles, was man von ihm verlangt, seine eigene Lüge, seine eigene Beschönigung, und er kommt sich dabei immer noch als guter Mensch vor… Wobei seine zweite Gattin (die erste lässt er mit ihren Problemen zurück) eine interessante Wendung durchmacht: Anfangs durchaus noch sensibilisiert dafür, was Recht und Unrecht ist, wechselt sie die Positionen. Am Ende kleidet sie den Gatten in die schwarze SS-Uniform. In dieser wird er nach Auschwitz reisen. Auschwitz? Nie gehört. Nur eine kleine Industriestadt in Schlesien, meint Halder, er soll sich dort umsehen und einen Bericht schreiben…

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Und als er dann dort im Lager steht, hört er Musik. Sie wird von den Häftlingen gemacht. Ende. Keine moralische Predigt. Wie in dem Film „Zone of Interest“ hat Taylor schon Jahrzehnte davor erkannt, dass man dem „dummen Zuschauer“ nichts vorinterpretieren muss. Es genügt zu zeigen, und jeder, der Gehör und Gefühl hat, wird wissen, worum es geht und möglicherweise seine Schlüsse für sich selbst ziehen.

Bruno Max hat in der Scala eine meisterliche Inszenierung geliefert, die so nüchtern ist wie das Stück und gerade deshalb so überzeugend. Es braucht nicht viel, ein schlichtes, stufiges Bühnenbild (Markus Ganser). unauffällige Kostüme (Sigrid Dreger) und ein paar keinesfalls aufdringliche Videos im Hintergrund (Markus Ganser)./Sam Madwar), und der Rest ist Text, sind die Schauspieler.

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Es ist der Abend des Wolfgang Lesky, jede Minute auf der Bühne, der Erzähler seines eigenen Schicksals und der Spieler zugleich, wobei die Szenen, wo er das Publikum quasi davon überzeugen will, dass er ja nicht wirklich etwas Unrechtes getan hat, manchen atemberaubenden quälenden Moment beinhalten.

Ganz stark Alexander Rossi als der Jude, der sein Schicksal unentrinnbar auf sich zurasen sieht, desgleichen Hendrik Winkler als jugendlicher Sturmbandführer, der ohne das geringste Unrechtsbewusstsein ausführt, was man von ihm verlangt (Jetzt müssen wir ein paar Synagogen niederbrennen – und er wäre doch viel lieber zum Abendessen geblieben), während Hans-Jürgen Bertram als Reichsleiter schon das Kalkül spüren lässt, mit dem Halder eine Schandtat nach der nächsten abverlangt wird. Eine quälend kranke Mutter: Johanna Lindinger. Eine tragisch hilflose Ehefrau: Lisa-Marie Bachlechner. Eine Gefährtin, die in die Rolle der Nazi-Frau unter Zurücklassung humanitärer Überzeugungen hineinwächst: Samantha Steppan. Alle finden den richtigen Ton.

Ein bißchen mehr als die „Banalität des Bösen“ ist es hier aber schon: Denn im Grunde weiß man wie Hans Halder selbst – er wusste verdammt gut, was er tat. Aber er wollte es nicht wissen. Über die verheerende Kraft von Schönfärberei und Lebenslüge.

Besser als jede Fernseh-Doku zum Thema: Ab in die Scala.

Renate Wagner

 

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