Foros: Bettina Frenzel
WIEN / Scala:
EXTRABLATT! EXTRABLATT
Komödie von Bruno Max
frei nach „The Front Page” von Ben Hecht und Charles MacArthur
Premiere: Freitag, 9. Jänner 2026,
besucht wurde die dritte Vorstellung am 14. Jänner 202
Am Zeitungs-Boulevard
Es war einmal, es ist auch schon ein halbes Jahrhundert her, einer jener Filme, die man nicht vergißt (während Tausende andere verlustlos aus dem Gedächtnis purzeln): „Extrablatt“ von Billy Wilder mit Walter Matthau und Jack Lemmon. Das zugrunde liegende „Front Page“-Stück der amerikanischen Routiniers Ben Hecht und Charles MacArthur hat sich nun Bruno Max für seine Scala her genommen – und einen durchaus ergötzlichen Abend auf die Bühne gestellt.
Satire, Komödie und mehr als nur ein Quentchen Wahrheiten aus der Welt der Zeitungen und der Politik und ihres Gerangels (als ob man das nicht heutzutage täglich erlebte)… Kurz, man befindet sich im besten Sinn am Zeitungs-Boulevard.
Worum geht es? Dass eine menschlich desinteressierte, aber auf Schlagzeilen geile Meute von Journalisten darauf lauert, dass im Chicago der Fünfziger Jahre (hierher hat Max das Original von 1928 verlegt) am nächsten Tag ein Mann hingerichtet wird: auf jeden Fall eine „geile“ Story, in jede Richtung ausschlachtbar, an der alles interessiert, nur nicht die Wahrheit.
Im Zentrum stehen der rücksichtslose Chefredakteur Walter und sein nicht minder mit allen Wassern gewaschener Chefreporter Hildy – bloß, der will aussteigen und heiraten. Ausgerechnet jetzt! Keine Sorge, es gelingt ihm nicht, und wenn der Delinquent flieht und ausgerechnet im Raum der Journalisten landet, dann läuft das komödiantische Tohuwabohu so perfekt, wie es Hollywood-Autoren von Klasse (und das waren Hecht und MacArthur, nachdem sie ihre Karrieren als Chicago-Journalisten hinter sich gelassen hatten) nur bieten können.
Das heißt, das Original kennt man kaum (Florian Scheuba und Thomas Maurer wanderten 2001 im Theater der Jugend hier auf den Spuren von Jack Lemmon und Walter Matthau und machten einen Wiener Kabarett-Abend mit „News“-Seitenhieben daraus), es wurde zu oft bearbeitet. Wenn man es nicht lassen konnte, sich den Film vor dem Theaterbesuch doch noch einmal zu gönnen, dann weiß man, wie geschickt sich Bruno Max an die Billy-Wilder-Fassung gehalten hat, wenn er auch nicht die räumlichen Möglichkeiten des Films hatte (wodurch etwa Hildys Verlobte kaum zur Geltung kam und man sich nicht wie Wilder den Spaß machen konnte, einen aus Wien stammenden Psychiater nach Herzenslust zu überzeichnen).
Aber im Ganzen läuft die Geschichte in dem stimmigen, dem Film nachempfundenen Bühnenbild von Marcus Ganser gestrafft, witzig , unterhaltsam ab und zeigt wieder des Regisseurs souveräne Hand, denn er hat nicht weniger als 17 Darsteller hin und her zu schieben, von denen oft die meisten auf der Bühne sind – und deren gleichzeitiges Telefonieren etwa immer amüsant bleiben muss und nie enervierend werden darf. Gelungen, keine Frage.

Man denkt nicht an das Film-Vorbild, wenn Paul Barna (den man als Frankenstein in eindrucksvoller Erinnerung hat) ganz in Weiß auf die Bühne tänzelt und aus der Zerrissenheit dieses Hildy, der einerseits ein leidenschaftlicher Journalist ist, andererseits heiraten und solide seßhaft werden mochte, zu einem komischen Furioso macht. Auch seine Präzision ist bemerkenswert – das schafft Alexander Rossi als Walter nicht ganz, die Figur müsste schärfer konturiert und in ihrer Mischung als falschem und echtem Enthusiasmus genauer gezeichnet sein.
Besonders schon ist die Gestalt des ältlichen Mr. Bensinger, der einen kurzen (wenn auch leider trügerischen) Augenblick erlebt, wo er sich endlich entsprechend geschätzt fühlen darf. Glünzend, wie Hermann J. Kogler die Abgrenzung spielt, die unglückliche Einzelgänger zwischen sich und der Umwelt errichten.
Etwas von der Drolligkeit der Kinofigur (wenn er auch viel weniger Möglichkeiten hat) bringt Felix Frank als unglückseliger Delinquent auf die Bühne,
Robert Notsch tobt den Sheriff wie vorgesehen, Anselm Lipgens ist der Inbegriff eines glatten Politikers, und aus dem Riesenensemble, das seine Sache durchwegs ausgezeichnet macht, sei noch Ulrike Hübl als denkbar komischste Putzfrau heraus gehoben.
Das ist Boulevard in Reinkultur, wie es ihn in Wien früher (viel früher) häufig und ergötzlich gegeben hat, damals in den Kammerspielen oder in der Kleinen Komödie, Heute fehlt er in einer ideologisch verkrusteten Theaterlandschaft fast total. In der Scala kann man sich diesmal ein wenig von den Mühen der Wiener Theaterebene entspannen…
Renate Wagner

