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WIEN / Scala: EQUUS

31.10.2019 | KRITIKEN, Theater


Angelo Konzett, Tom Wagenhammer / Fotos Bettina Frenzel

WIEN / Scala:
EQUUS von Peter Shaffer
Premiere: 30. Oktober 2019

Der englische Dramatiker Peter Shaffer, der vor drei Jahren 90jährig verstorben ist, war ein mutiger Mann. Eigentlich ist er schon vor „Amadeus“ (1979) berühmt geworden (und Mozart nicht als Götterjüngling, sondern als kleinen Troll auf die Bühne zu bringen, war auch ein Akt der Courage): Er hat bereits 1973 mit „Equus“ einen gewaltigen Skandal verursacht – aber Sir Laurence Olivier war nicht so gestrig, wie man ihm nachsagte, und spielte das Stück im National Theatre. Und in Wien lernte man es 1977 kennen, als der große Will Quadflieg mit einer Tournee (als einer der beiden Hauptdarsteller und Regisseur) vorbei kam. Die Qualität des Werks war so zwingend, dass man vor der Schockwirkung nicht zurückschreckte.

Schock – Gewalt, Sodomie, Selbstbefriedigung auf der Bühne, das evozierte in den siebziger Jahren nicht – wie in unserer Zeit – Achselzucken. Aber auch heute, aus der Distanz von 40 Jahren, erkennt man wie damals, dass es um viel mehr geht. Sicher, scheinbar ist es eine klare Sache, wenn man dem Psychiater Dr. Dysart den verstörten Alan Strang vorführt, der drei Pferden die Augen ausgestochen hat und seither in Schockstarre verharrt. Die Eltern sind die Schuld, die Spannungen zuhause zwischen der Religiosität der Mutter und der starren Ideologie des Vaters, die verdrängte Sexualität und die Einsamkeit des Jungen in einer englischen Kleinstadt, irgendwo am Meer. Das allein aber wäre nur die billige Küchentisch-Psychologie.

Dass Alan überhaupt erst zu leben beginnt, wenn er seiner Liebe zu Pferden nachgibt (deren so wichtige Initialzündung man erfährt), darum geht es, und das ist so wenig Sodomie, wie es in Albees „Wer ist Sylvia?“ Sodomie war, wenn ein Mann eine Ziege liebte. Es ist überbordendes Gefühl, es ist Metaphysik, es ist der Griff nach den Göttern, es bedeutet überhaupt erst – Leben… Und der kluge Psychiater, der selbst kein „Leben“ (im Sinn von tiefem Erleben) hat, lässt den Zuschauer an seinen eigenen Seelenschmerzen darüber teilnehmen, diesen Jungen Alan nun von seinem „Wahn“, seiner „Psychose“ zu befreien und ihn „normal“ und damit so seelenleer wie die meisten Menschen zu machen…

Das Stück schält sich wie eine Zwiebel, fächert nach und nach Motive und Zusammenhänge auf, und muss eigentlich nur so gut gespielt werden, wie es an der Scala geschieht, um hier nicht als Schock, sondern als Emotion und Erkenntnis (und Frage an sich selbst…) auf das Publikum zuzukommen. Regisseur Sam Madwar hat sich einen Vielzweck-Raum gebaut, der dennoch die Idee eines Stalles beschwört, und führt darin das Geschehen fugenlos Schritt für Schritt von einer Gefühlsebene zur nächsten.

 
Christina Saginth, Anselm Lipgens

Ideal ist Angelo Konzett als der verwirrte junge Mann, der sich lange gegen die volle Bewusstmachung des Geschehenen wehrt, und wunderschön spielt Anselm Lipgens die vorurteilslose Anteilnahme des Psychiaters (eine Qualität, die auch Christina Saginth als die Staatsanwältin auszeichnet, die den Jungen nicht ins Gefängnis, sondern ins Krankenhaut bringt).

Was Eltern, die eigentlich „ganz normale“ und in Grenzen anständige Menschen sind, an ihren Kindern Schlimmes tun können, ermisst man am Eifer der Birgit Wolf und der Starre des Christoph Prückner. Berührend Angela Ahlheim als das junge Mädchen, das mit Alans Problemen konfrontiert ist, die sie in ihrer Außergewöhnlichkeit natürlich nicht durchschauen kann. Robert Stuc und Tom Wagenhammer reüssieren in jeweils zwei Rollen, und die menschlichen Darsteller der Pferde sind famos gelöst. Dafür hat man sich auch einen „Pferdechoreographen“ geleistet – Jerome Knols -, und das war eine hervorragende Idee. Denn „Equus“ ist nicht nur als Shaffer’sches Gedankenexperiment, sondern auch als Theaterrealität schwierig zu knacken. Hier ist es voll geglückt.

Renate Wagner

Weitere Termine: 05.11. – 22.11.2019 jeweils Di – Sa um 19.45 Uhr

 

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