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WIEN / Scala; DER BOCKERER

Diesmal kein Schelmenstück

14.06.2026 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Bettina Frenzel

WIEN / Scala;
DER BOCKERER von Ulrich Becher und Peter Preses
Premiere: 12. Juni 2026,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 13. Juni 2026

Diesmal kein Schelmenstück

Es gibt viele Gründe, warum „Der Bockerer“, den sich Peter Preses und Ulrich Becher im Exil ausgedacht haben und der 1948, sehr bald nach dem Krieg, am Theater Scala (ein anderes als das gegenwärtige, damals in der Favoritenstraße, später abgerissen) uraufgeführt wurde, so populär gewonnen ist. Erstens die Titelrolle – kreiert von Fritz Imhoff, im Fernsehen von Fritz Muliar, im Film (und im Volkstheater) von Karl Merkatz gespielt, in der Josefstadt von Otto Schenk und zuletzt von Johannes Krisch… Und zweitens – weil es gar kein gutes Stück ist. Zwar eines, das man gerne sehen und glauben möchte, doch verlogen und klischeebehaftet wie aus der Hollywood-Traumfabrik. Ein Wunsch-Erfüller, den es so nie gab.

Wenn  Bruno Max das Stück nun in seiner Scala heraus bringt, weiß er das und sagt er das: Mit dem Wiener Fleischhauer Karl Bockerer steht ein „identitätsstiftender. wenn auch etwas zweifelhafter Archetypus märchenhaft auf der Bühne“. Wäre doch schön gewesen, hätte es solche „Schelme“ wie Bockerer gegeben, der sich in den schweren Nazi-Zeiten durch gespielte Dummheit durchlavierte (wie einst der Schweyk zu Kaisers Zeiten). Ja, schön, wenn die aufrechten Wiener Typen wirklich nicht eine Sekunde dem braunen Zauber hereingefallen wären. Wenn… Nur so war es nicht.

Warum man das Stück heute spielt? Als Warnung vor neuen Entwicklungen taugt es nicht, und wenn der Hauptdarsteller nicht seine vordergründige Komödiantik ausspielen darf, warum?

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Im Rahmen aller Einschränkungen, derer man sich bewusst ist, hat Bruno Max einen soliden Theaterabend geschaffen, der zwar nicht alle Unmöglichkeiten des Stücks umschiffen kann, aber zumindest nicht die wienerische Heldenkomödie in dunkler Zeit beschwört. Die Sache ist ernst – zumindest das sagt der Abend. Und der immer formidable Georg Kusztrich läuft keinem Lacher nach. Er ist echt mürrisch, nicht lustig mürrisch, und gelegentlich (wenn die Autoren nicht zu dick auftragen), leidet man mit ihm.

Er trägt den Abend, wo Bruno Max (in einem sehr geschickten Dreh-Bühnenbild von Robert Notsch) vor allem wirklich Gültiges herausarbeitet. An der Gestalt des besten Freundes Hatzinger (wieder einmal eine große Leistung von Bernie Feit) etwa die Mischung aus Loyalität und selbsterhaltender Feigheit, die (im metaphorischen Sinn) kleine Leute überleben lässt. Nachher aber – ja, da legt man sich die Vergangenheit zurecht, da beschönigt man das Gewesene… ja, so ist es.

Stimmige Details – wie verhalten sich „Aufsichtsorgane“ (Robert Notsch), die jedermann im Grätzel kennen, aber im Sinne des Staates amtswalten sollen? Schön gezeichnet – weit weniger stimmig, dass bei der Gestapo ein Trottel hinter dem Schreibtisch sitzt (Florian Lebek), das ist einfach zu billig. (Wären sie blöd gewesen, hätten sie nicht so unendlich viel Schaden angerichtet.)

Nicht übertrieben, aber immer glaubhaft zeichnet Birgit Wolf als Frau Bockerer die Begeisterung für das neue Regime, in dem man sich wichtigmacherisch entfalten kann, und an Sohn Bockerer (Thomas Marchart) spürt man die Hoffnung auf Karriereaussichten und die Enttäuschung angesichts der sich bald manifestierenden nackten Realität.

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Die Sentimentalität der „roten“ Vergangenheit Wiens wird mit der Figur des aufrührerischen Eisenbahners (Alexander Kuchar) beschworen, ebenso in der berühmten Szene, wo der Bockerer eine Nazifahne so lange zusammen rollt, dass nur noch eine rote übrig bleibt…  Der Sozialismus von heute ist auch nicht mehr, was er einmal war, wo man ihn  noch romantisch verklären konnte.

Eine Fülle von Darstellern bewältigen klaglos alle Nebenrollen, wobei Christina Saginth von der weltgewandten Puffmutter bis zur umtriebigen Hausmeisterin  ein großes Spektrum abdeckt.

Am Ende hat das Stück einen „Er ist wieder da“-Effekt, wenn Hitler (Leopold Selinger) bei Bockerer im Wohnzimmer steht, bis er von den Steinhof-Wärtern abgeführt wird – aber erst, nachdem Bockerer ihm in aller Wut die Meinung ins Gesicht geschleudert hat.

Und da ist noch die Figur des Herrn Rosenblatt (Randolf Destaller), Tarock-Partner anno dazumal, ins Exil getrieben, und gleich nach dem Krieg in amerikanischer Uniform wieder da – und gar niemandem böse. „Ihr Blatt, Herr Rosenblatt“ ist ein genialer Stückschluß, der seine Wirkung nicht verfehlen kann. Auch das Theater muss es mit der Wirklichkeit nicht so ernst nehmen.

In der zweiten Vorstellung gab es viel junges Publikum, das vermutlich mit seinen Sozialen Netzwerken andere Dinge im Kopf hat, aber doch interessiert mitging und heftig klatschte. Märchenhaft, nicht wahr?

Renate Wagner

 

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