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WIEN / Scala: CENA CLAUDIANA

27.04.2016 | KRITIKEN, Theater

claudiana
Foto: Scala / Bettina Frenzel

WIEN / Scala: 
CENA CLAUDIANA
Nach Motiven von Robert Ranke-Grave
Premiere: 23. April 2016
Besucht wurde die zweite Vorstellung am 26. April 2016 

Die Story des Julisch-Claudischen Kaiserhauses ist eine der blutigsten, brutalsten, aber auch irrsten und in ihrer Abstrusität letztendlich unterhaltendsten in der Geschichte großer Familien – eine Orgie an Intrige und Machtgier, Skrupellosigkeit und Mord, brutaler Rache und grenzenlosem Zynismus im alten Rom…
Und möglicherweise hat der englische Historiker Robert von Ranke-Graves sie in seinem unsterblichen Bestseller „I, Claudius“ noch schauriger und spannender gemacht, als sie in Wirklichkeit war. Kaum jemand, der „Ich, Claudius, Kaiser und Gott“ je verschlungen hat, dürfte das Buch vergessen haben, und die absolut brillante Umsetzung des BBC in einer Riesenserie mit dem herrlichen Derek Jacobi als stotterndem Claudius und Sian Phillips als skrupelloser Livia ist unerreichbar.

Dennoch bietet die Version des Theaters Scala (in dreieinviertel Spielstunden) eine brillante Version des Themas, von Bruno Max dramaturgisch äußerst geschickt auf die Bühne gebracht, kombiniert mit dem, was er jährlich als „Event“ anbietet, nämlich einen „Dinner“-Abend, wo das Publikum an Tischen sitzt und auch tatsächlich bewirtet wird. Die „Cena Claudiana“ (Untertitel: Das letzte Gastmahl des Kaiser Claudius –  ein antikes Dinner mit den vier ersten Kaisern von Rom) ist auch von Bruno Max selbst und dem szenisch immer so geschickt agierenden Marcus Ganser als „römisches Bankett“ gestaltet, das sich über den ganzen Bühnen- und Zuschauerraum erstreckt, das Publikum quasi in die Handlung integriert, während nicht nur im Mittelgang, sondern immer wieder überall im Raum gespielt wird – auch so etwas hält ein Geschehen in Bewegung. Wenn diese geniale Geschichte überhaupt eine Hilfe nötig hätte…

Worum geht es? Mit dem Hinweis, man träfe die vier ersten Kaiser Roms, hat man nicht zu hoch gegriffen: Held Claudius, der am Ende quasi durch „Zufall“ Kaiser wurde, war der Enkel von Livia, der Gattin von Kaiser Augustus (1. Kaiser), dem die Nachwelt für Rom erstmals diese Bezeichnung verlieh (er selbst führte den Titel für sich nie). Diesen Augustus erlebt man als schwer geplagten Familienvater, während Ranke-Graves dessen Gattin Livia kühn alle Verbrechen zuschreibt, über die antike Geschichtsschreiber munkelten und die heutige Historiker korrekt nicht bestätigen können.

Aber unwahrscheinlich ist es nicht, dass sie Augustus’ legitime Erben gleich im Dutzend billiger killte, um ihren eigenen Sohn Tiberius auf den Thron zu bringen – Kaiser Nr. 2. Dieser, der Paranoiker auf Capri, wurde von seinem Großneffen Caligula gekillt (Kaiser Nr. 3), bei dem dann in seiner Regierungszeit der echte Wahnsinn ausbrach. Als er schließlich von seinen eigenen Offizieren ermordet wurde, hob man – quasi als Verlegenheitslösung – dessen schon ältlichen Onkel Claudius auf den Thron (Kaiser Nr. 4). Dessen Nachfolger, sein Stiefsohn Nero, war der fünfte und letzte Kaiser dieser schrecklichen Dynastie und kommt hier nicht mehr vor.

Zu all diesen Kaisern gehört eine Phalanx von wahrlich wilden Frauen, jede für sich einen Roman wert (dass Claudius’ Mutter Antonia die eigene Tochter, Livilla, immerhin eine Mörderin, einsperrte und verhungern ließ, ist eine historisch belegte Tatsache), aber Held der Geschichte ist Claudius selbst als Erzähler. Clau-Clau-Claudius, wie man ihn nannte, eine Missgeburt, humpelnd und stotternd, der inmitten von Menschen, die einander skrupellos umbrachten, einfach überlebte, weil niemand ihn ernst nahm – und dabei war er doch gescheiter, gebildeter und intellektuell ambitionierter als seine gesamte Umgebung und (zumindest bei Ranke-Graves) ein herzensguter Mensch.

Er erzählt seine Geschichte, spielt sie uns auch vor, umgeben von der monströsen Familie, und Bruno Max hat den Abend zwar durchaus als buntes und absolut lockeres Römerspektakel gestaltet, aber keinesfalls verjuxt. Von Zeit zu Zeit, wenn Wahnsinn und Wahnwitz aufblitzen, fühlt man sich als Zuschauer so beklommen, dass man sogar vergisst, von den „römischen“ Köstlichkeiten zu kosten, die da auf den Tischen stehen.

Reinhold Kammerer als Claudius ist das ganz starke Zentrum des Abends, der eine Behinderung vorführt, die einer römischen Gesellschaft vermutlich peinlich sein musste, aber nie den klugen Kopf und das warme Herz vergessen lässt, die in diesem unzulänglichen Körper stecken, eine sehr schöne Leistung.

Alle Kaiser bekommen viel zu tun – Franz Weichenberger als Augustus zappelt am Gängelband seiner skrupellosen Gattin, Christian Kainradl als Tiberius liefert das überzeugende Porträt dieses unglücklichen Verbissenen, und Randolf Destaller darf in der Studie des verrückten Caligula (den er keine Sekunde zur Knallcharge hinunter denunziert) brillieren wie kein anderer an diesem Abend. Wenn jeder von ihnen auch noch weitere Rollen spielt, sind die Masken so überzeugend, dass die Doppelt- und Mehrfach-Besetzungen nie stören.

Manuel Dragan als exotisch-jüdischer Herodes, Jörg Stelling in vielen, meist komisch akzentuierten Rollen (besonders gelungen: der Wahrsager Thrassylus) sowie Thomas Marchart (als Augustus-Enkel Posthumus ein Opfer vieler Intrigen), Christoph Prückner (u.a. als Giftmischerin) und Benjamin Ulbrich (der als ehrgeiziger Sejanus gute Figur macht) ergänzen eine Herrenbesetzung, die in Günter Tolar einen weiteren Höhepunkt verzeichnet: einer, der immer „Diener“ und als solcher immer da ist – und am Ende als Herr aus der Gegenwart im Museum an das Geschehen vor 2000 Jahren zurückdenkt…

„Die“ Rolle in dieser Geschichte –  im Leben, im Roman, im Fernsehen und nun auch auf der Bühne – hatte Livia, die Frau des Augustus, der man so viel Böses zutraute: Bettina Soriat lässt keinen Zweifel an ihrer fiesen Persönlichkeit, es gab und gibt solche Menschen. Marion Rottenhofer ist für die „edle Römerin“ Antonia, die auch imstande ist, die eigene Tochter zu ermorden, eine Idealbesetzung. (Beide Damen dürfen übrigens im Lauf des Geschehens, das sich über Jahrzehnte streckt, gewaltig altern und tun es virtuos.) Mit nur zwei Darstellerinnen – Samantha Steppan und Carina Thesak – bestreitet man die leidenschaftlichen, skrupellosen, intriganten jungen Frauen des Geschehens.

Es mag für denjenigen, der mit der römischen Geschichte nicht vertraut ist, manchmal ein wenig unübersichtlich zugehen. Aber vielleicht nimmt man dann wieder „I, Claudius“ zur Hand (Lesen ist ja schließlich nie ein Fehler, am besten mit einem Buch…) – und lässt sich auf diesen herrlichen Wahnsinn ein. Im Theater schmeckt er jedenfalls vorzüglich – im doppelten Wortsinn.

Renate Wagner

Bis 20. Mai,  jeweils Dienstag bis Samstag,  Beginn: 19:45 Uhr

 

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