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WIEN / Scala: BETROGEN

18.10.2020 | KRITIKEN, Theater


Foto: bettina_frenzel

WIEN / Scala:
BETROGEN von Harold Pinter
Premiere: 17. Oktober 2020

So schnell geht das: Da war Harold Pinter (1930-2008) lange Zeit (zwischen den späten fünfziger Jahren bis in die achtziger, in den neunziger Jahren schon verdämmernd) einer der bedeutendsten Dramatiker nicht nur Englands, sondern der Welt, ein Herausforderer des Publikums, ein Meister darin, in seinen Werken gewissermaßen den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Doch noch zu Lebzeiten wurde er so unmodern, dass es böse Stimmen gab, als ihm der Literatur-Nobelpreis 2005 quasi „nachgeschmissen“ wurde, sozusagen, bevor es zu spät war. Wer kennt heute noch Pinter? Offenbar nicht einmal die Dramaturgen der Theater.

In Wien springt wieder einmal die Scala ein. Da hat man ein Gefühl dafür, was sich lohnt, auf die Bühne gebracht zu werden. „Betrogen“ sicherlich, wenn es auch – an Pinter selbst gemessen – fast wie eine Komödie wirken könnte. Aber nur, wenn man nicht genau hinsieht…

Wien hat das Stück übrigens einst „gleich“ gesehen: Die deutschsprachige Erstaufführung gab es im Dezember 1978 am Burgtheater (Akademietheater), gerade einen Monat nach der Uraufführung am National Theatre in London. Damals inszenierte in Wien Peter Wood mit Sonja Sutter, Karlheinz Hackl, Joachim Bißmeier und Herbert Kucera (als italienischer Kellner). 1983 gab es dann den Film, die männlichen Hauptrollen besetzt mit Jeremy Irons und Ben Kingsley. Was wollte man mehr? Seither ist man in Wien dem Stück allerdings nie mehr begegnet.

Und dabei ist es so gut, wie die Aufführung in der Scala zeigt. Eine Dreiecksgeschichte, die sich über sieben Jahre erstreckt und deren wirklich raffinierter Trick darin besteht, dass Pinter die Geschichte nach rückwärts erzählt. Er beginnt, als das Paar sich bereits getrennt hat. Wenn man sich jetzt in verschiedenen Szenen auf den Anfang zu bewegt, immer wissend, wie es weiter gegangen ist, stellt sich anstelle der Spannung eine Art von schmerzlichem Wissen ein.

Diese unglaublich präzise Beziehungskiste zwischen Emma, die ihren Mann Robert mit Jerry, seinem besten Freund, betrügt, baut nuancenreich die Veränderung von Gefühlen auf, aber auch den ganz normalen Streß, der sich aus der Anstrengung der Situation ergibt (das sind dann die komischen Nuancen). Echte Gefühle, die es bald nicht mehr sind, Eifersucht, Unsicherheit, gespielte Gleichgültigkeit – das ist beim genaueren Hinsehen eine wahre Tragödie. Pinter hat sie angeblich selbst erlebt, aber das ist egal: Das Ergebnis ist großes Theater.

Dabei hat die Scala Glück. Regisseurin Isabella Gregor hatte nicht nur drei hervorragende Hauptdarsteller, sie lotet mit ihnen die jeweilige Situation minimalistisch ans, jeden für sich und im Zusammenhang mit den anderen (wobei, wenn nur zwei von ihnen zusammen auf der Bühne sind, der / die Dritte irgendwo im Hintergrund präsent ist, kaum zu sehen, aber spürbar da).

Sophie Prusa als Emma hat alle Gefühlsschattierungen drauf, spielt sich von der uneingestandenen Verbitterung des Endes bis zur Leidenschaft des Beginns (und vieles an Glück und Zweifel, Unsicherheit und Groll dazwischen). Köstlich, wie Boris Popovic nie vergessen lässt, dass Jerry – obzwar er seinen besten Freund betrügt – ein lieber Mensch und ein Unschuldslamm ist, der oft die Situation nicht durchschaut. Dieses Glück hat Robert, der Ehemann, nicht, und darum bricht bei Leopold Selinger dann doch immer wieder die Schmerzlichkeit durch, die ihn erfüllt. Eine Charge als penetranter italienischer Kellner: Leon Lembert.

Man würde aber ein ganz wichtiges, für den Erfolg des Abends unabdingbares Element verschweigen, wollte man nicht bewundern, wie Marcus Ganser für die zahlreichen Szenen die Bühne immer wieder verändert, wobei er ein System aus beweglichen „Würfeln“ benützt. So abstrakt das an sich ist, so genau meint man doch jeweils zu wissen, wo man sich befindet. Außerdem geht es schnell: 90 Minuten ohne Pause ist in Corona-Zeiten eine ideale Spieldauer – vor allem, wenn man darin so viel bekommt. Verdienter starker Applaus.

Renate Wagner

 

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