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WIEN / Ronacher: DON CAMILLO & PEPPONE

28.01.2017 | KRITIKEN, Operette/Musical

Don Camillo Plakat

WIEN / Ronacher: 
DON CAMILLO & PEPPONE
Von Dario Farina (Musik) und Michael Kunze (Buch & Liedtexte)
Premiere: 27. Jänner 2017 

Die Vereinigten Bühnen Wien bespielen (neben dem glücklicherweise der Oper gewidmeten Theater an der Wien) zwei Musical-Häuser, und sie tun es, wenn schon nicht immer mit Erfolg, so doch mit Ambition. Der Versuch etwa, die alte „Evita“ künstlich wieder zu beleben, ist so kläglich gescheitert wie der arme Schikaneder, für dessen Schicksal sich niemand interessiert (weshalb man ihn im Raimundtheater nur bis zu Saisonende schleppt, um ihn im Herbst gegen ein neues Rainhard Fendrich-Musical aufzutauschen).

Im Ronacher versucht man es nun mit einem kinobekannten Populärklassiker, und es ist anzunehmen, dass „Don Camillo & Peppone“ aus vielen Gründen einen braven Erfolg ergeben wird.

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Alle Fotos: Barbara Zeininger

Erstens kennt so gut wie jeder die Figuren des mit Gott streitenden Priesters Don Camillo und des kommunistischen Bürgermeisters Peppone aus den zahlreichen Filmen mit Fernandel und Gino Cervi.

Zweitens ist daraus eine dramaturgisch geschickte, wenn auch inhaltlich eher dünne Bühnenversion geworden, deren musikalische Untermalung zwar nur das allgemeine „neue“ Musical-Niveau hat (rhythmische Musik, gekonnt, aber ohne Hits und besondere Einfälle), aber die Welt der populären Songs, die Komponist Dario Farina für Bocelli oder Al Bano geschrieben hat, schwingt hier mit einiger Italianità herein.

Und drittens hat man dem Ganzen eine sehr flotte Inszenierung angedeihen lassen, zu deren Tempo auch die Choreographie beiträgt.

Regisseur Andreas Gergen bekam von dem Bühnenbild von Peter J. Davison jegliche Unterstützung: Dass er innerhalb einer fixen Struktur mit Hinterbühne (auf der das Orchester sitzt, das folglich dankenswerterweise nicht so unendlich laut ist wie sonst) einfach durch das blitzschnelle Heben und Senken von Soffitten das Bühnenbild flugs von der Kirche ins kommunistische Bürgermeisterbüro oder ins Freie verlegen kann, sorgt für den bruchlosen Fluß der Handlung, in die Choreograph Dennis Callahan die zahlreichen Tanzszenen wie selbstverständlich und gar nicht künstlich hinein integriert, so dass man sich tatsächlich im Dorfleben wähnt.

Dramaturgisch ungemein geschickt hat Buchautor Michael Kunze die Figur der alten Gina eingesetzt: Maya Hakvoort, einst Wiens schöne „Elisabeth“, hat sich uneitel in die alte Frau verwandelt, die die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg spielende Geschichte wie eine Rückblende erzählt und ihr damit den nostalgischen Charakter verleiht. Am Ende glaubt man der (übrigens vorzüglich singenden) alten Dame, dass sie einst die junge Liebhaberin der Geschichte war…

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Don Camillo – das war immer Fernandel. Also ist es in hohem Maße gewöhnungsbedürftig, einen jungen (und noch dazu feschen) Priester auf der Bühne zu sehen. Der muss sich schon anstrengen, um die Drolligkeit des „Pferdegesichts“ zu verdrängen und seinen Platz zu behaupten. Andreas Lichtenberger tut es intensiv, als guter Sprecher und Sänger, und man gewöhnt sich… wenn auch die Erwartungen nicht bis ins Letzte erfüllt werden.

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Entsprechend jünger und schmäler als der herrlich cholerische und rundliche  Gino Cervi ist auch Frank Winkels, und ob sich ein italienisches Dorf in den fünfziger Jahren von diesen beiden Leichtgewichten hätte „regieren“ und herumkommandieren lassen, möchte man bezweifeln, aber wir sind ja im Musical, und da reüssiert Winkels dann, wie sein Kollege, als Schmalspurversion der Kino-Originale (die ja wiederum nur die lebendig gewordenen Abbilder, Urbilder, Standbilder der Guareschi-Romane waren).

Die Geschichte hat im Grunde nur zwei Nebenhandlungen: Die mit dem „Nonno“, dem Uralt-Großvater, der scheinbar immer wieder stirbt und immer wieder aufersteht (Ernst Dieter Suttheimer), bedient die Primitivkomik-Schiene, wobei die kommunistische Lehrerin Laura, die der Nonno anflirtet, in Gestalt von Femke Soetenga fast die stärkste Persönlichkeit auf der Bühne ist. Das Liebespaar Jaqueline Reinhold und Kurosch Abbasi darf zwar streiten und Liebesduette singen, bleibt aber letztlich nett und blaß, ihre feindlichen Väter; Kapitalismus hier (Reinhard Brussmann), Kommunismus da (Thorsten Tinney), haben auch nicht so viel zu vermelden.

Aber der Kampf der Kirche gegen die „Roten“ (einst durchaus ein echtes Thema) soll ja hier keinerlei Schärfe haben (so wie auch Don Camillos Dialoge mit Gott nur halblustig sind). Das alles bietet einzig Kolorit für ein  harmloses Musical, das Tierfreunden immerhin die Befriedigung verschafft, dass keine echten  Viecherln, sondern von Menschen betätigte, schwanzwedelnde Ersatztiere auf die Bühne kommen…  

Keine Frage, man hat dem netten Abend jeden Schwung gegeben, den man nur erzeugen konnte – auch das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien unter der Leitung von Koen Schoots trägt dazu bei -, aber das Ganze ist und bleibt, wenn man es genau nimmt, so limonadig wie ein Kindergeburtstag. Aber warum sich nicht einmal einfach nur Süßigkeiten hineinstopfen? Und vom Thema her wird die Geschichte vermutlich größere Publikumsschichten anziehen als ein Schauspieler und Librettist namens Schikaneder –  dessen Namen die meisten nicht einmal kennen…

Renate Wagner

 

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