
Fotos: Rita Newman/TDJ / Sophie Menegaldo/TDJ
WIEN / Theater der Jugend im Renaissancetheater:
KÖNIG GILGAMESCH
DAS GRÖßTE ABENTEUER DER WELT
von Michael Schachermaier
Uraufführung
Premiere: 20.Februar 2026
Auch Könige müssen sterben
Wie bringt man ein Epos, das an die viertausend Jahre alt ist, auf die Bühne – zumal als deklariertes „Kinderstück“? Regisseur Michael Schachermaier hat als Autor vielfach seine glückliche Hand für Literaturbearbeitungen unter Beweis gestellt, und es gelingt ihm wieder, für etwas, das gewissermaßen historisches Wissen ist, größtmögliche Bühnenlebendigkeit herzustellen.
Denkt man an unsere schrumpfenden Schulpläne, werden Assyrer und Babylonier in der Geschichte, wird „Gilgamesch“ im Literaturunterricht vielleicht nicht mehr vorkommen. Was der Welt auf elf Tontafeln in Keilschrift hinterlassen wurde, ist dabei nicht nur ein bemerkenswertes historisches Zeugnis (in dem auch die biblische Sintflut vorkommt!), sondern eine klassische Geschichte von Erkenntnis und Läuterung – wie es moralische Erzählungen nun einmal in sich haben.
Gilgamesch, König von Uruk, zu zwei Dritteln Gott, zu einem Drittel Mensch (wie das gehen soll, weiß keiner – außer die damals noch lebendigen Götter), ist für sein Volk, das seine Riesenstadt Uruk ummauern muss, kein angenehmer Herrscher, der sich in seinen Allmachtsphantasien ergeht. In diesen frühen Welten (das macht ja auch die griechischen Geschichten so schön) greifen dann die Götter ein, um die Menschen zurecht zu stutzen. Gilgamesch erhält in dem schlichten, starken Enkidu (nachdem sich herausstellt, dass sie einander nicht besiegen können) einen wahren Freund (später würde man Blutsbruder sagen). Aber beim gemeinsamen Kampf mit dem Drachen lassen die Götter Enkidu sterben, und Gilgamesch, der ihn im Totenreich vergeblich sucht, akzeptiert, dass auch er, der König, sterben wird. Und dass er, wenn er in Erinnerung bleiben will, das besser nicht als Tyrann, sondern als guter König sein möchte…

Schachermaier hat sich für seine Dramatisierung eine brillante Rahmenhandlung ausgedacht. Es gab ihn wirklich, jenen George Smith, den britischen Assyrologen, der im Keller des Britischen Museums die Tontafeln mit dem Gilgamesch-Epos entdeckte und als Erster übersetzte. So kann Jonas Graber das Geschehen logisch kommentieren, aber auch leidenschaftlich miterleben, schließlich spielt sich auf der Bühne ab, was er aus den Tontafeln heraus liest… Als drolliger Hausmeister, der den „Spinner“ da unten arbeiten lässt, setzt Frank Engelhardt immer wieder komische Akzente, die in dem Stück reichlich vorkommen, ohne dass Schachermaier den ernsthaften Faden der Geschichte verliert. Nur die Läuterung am Ende geht ein bißchen schnell vor sich, aber man muss ja Kinder im Publikum nicht überlasten, die merken schon, wenn alles gut wird.

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Ganz vorzüglich die beiden jungen Männer, Mino Dreier als Gilgamesch, der seinen Hochmut nach und nach verliert. Und Enrico Riethmüller als die naive gute Seele Endiku, beide hoch bewegliche „Kraftlackl“, die sich eine brillante Kampf- und Raufszene liefern (Bewegungscoaching Martin Woldan).
.Alle Darsteller außer Gilgamesch und Smith übernehmen viele Rollen, Sascia Ronzoni fällt besonders als starke junge Priesterin auf, Uwe Achilles als die Mutter von Gilgamesch, Stefan Rosenthal und Laura Dittmann ergänzen, nicht zuletzt als „letzte“ und „erste“ Menschen, denn sie durften auf der Arche überleben und nach der Sintflut wieder die Menschheit erneuern…
In einem praktischen (und, siehe Drache, auch bemerkenswert einfallsreichen) Bühnenbild (Friedrich Eggert) spielt die Musik eine große Rolle, sie ist antik-pastos oder von hoher Dramatik (Stephanie Hacker), das hat manchmal Musical-Charakter. Und das jugendliche Publikum (der etwas mehr als eineinhalbstündige Abend ist auch schon für die Volksschüler gedacht) jubelte regelrecht vor Begeisterung.
Renate Wagner

