WIEN / Theater der Jugend im Renaissancetheater:
ER IST WIEDER DA
Nach dem Roman von Timur Vermes
in einer Bühnenfassung von Thomas Birkmeir
Premiere: 11. April 2026

Fotos Andrea Klem/ T DJ
Verführung ist die wahre Gewalt
Deutschland heute und Adolf Hitler – das bleibt eine zwiespältige Beziehung. Auf der einen Seite Abscheu und Scham für das Geschehene, wofür man diesen Mann als verbrecherische Galionsfigur verantwortlich macht, andererseits ein heimliches Prickeln rund um ein unleugbares Faszinosum. Es bleibt eine Tatsache, dass ein „Spiegel“ oder eine andere Zeitschrift ihre Auflage spürbar erhöhen, wenn sie Hitler auf das Titelbild setzen. Obwohl seine Geschichte in Hekatomben von Büchern und Artikeln längst auserzählt ist. Und doch…
Darum konnte auch ein Roman wie „Er ist wieder da“ des Journalisten Timur Vermes zuerst zwischen Buchdeckeln, dann auch auf der Filmleinwand ein derartiger Millionenerfolg werden. Denn er stellte die keinesfalls unberechtigte Frage, was wäre wenn… wenn Hitler plötzlich als er selbst wieder da wäre. Man könnte ihn nur für einen Comedian halten, der eine Rolle spielt. Aber wie würden Menschen auf seine realen Aussagen von einst reagieren?
Das Buch ist mittlerweile vierzehn, der Film elf Jahre alt, aber dass das Thema keinesfalls an Brisanz verloren hat, beweist die Aufführung des Theaters der Jugend im Renaissancetheater. Thomas Birkmeir hat als Bearbeiter die Zeit übersprungen und ist absolut im Heute von 2026 gelandet, mit jenen Floskeln und Argumenten, die wir derzeit in der Politik täglich hören. Aber es geht darum, dass Hitler wieder da wäre… und was nun?
Geht natürlich nicht, aber Literatur, Film und Theater dürfen bekanntlich alles, also auch die Realität außer Kraft setzen. Der Autor Timur Vermes meinte den echten Hitler bis in die Fingerspitzen und keinen Betrüger, sondern den Mann, der – wir müssen es nicht verstehen – die Jahrzehnte seit seinem Selbstmord (an den er sich nicht erinnert) irgendwo war und plötzlich wieder in Berlin erwacht, wo er im Zeitungskiosk keinen „Völkischen Beobachter“ findet, und wo die Reichskanzlei ist, kann ihm auch keiner sagen…
Vermes / Birkmeir gestehen dem „echten“ Hitler die Intelligenz zu, sich in der neuen Welt zu orientieren und trotzdem er selbst zu bleiben. Wenn er sich nur als „Hitler“ fürs Fernsehen in Kabarett-Shows verkaufen kann, tut er es eben. Und spricht, zum entsetzten Entzücken aller (wie echt er doch ist!), seine alten Texte. Und könnte gerade heute, wo die zwanziger Jahre noch schlimmer sind als die zwanziger Jahre im vorigen Jahrhundert, sogar Anhänger finden…
Das ist der wahre Balanceakt des Stücks: Dass man diesem Hitler zuhört und sich immer wieder dabei ertappt, dass er mit diesem oder jenem recht haben könnte. Einem Hitler, der die Realität von einst (den Holocaust) mit kühlen Überlegungen erklärt. Einem Hitler, den das Stück am Ende nicht triumphieren, aber auch nicht untergehen lässt. Sondern als Drohung – noch liegt er, nach einem Überfall durch Rechtsradikale (!), die ihn für einen Juden hielten, im Krankenbett. Aber was, wenn er wieder aufsteht?

Thomas Birkmeir macht nicht eine Sekunde lang den Fehler, diesen Hitler nicht ernst zu nehmen und ihn als Witzfigur auszustellen. Viel mehr gesteht er ihm fast einen Hauch verführerischer Überzeugungskraft zu. Nur so kann man verstehen, was einst geschehen ist – und auf dem Schultern von Stefano Bernardin ruht dieser Hitler optimal, der als Ich-Erzähler seines eigenen Schicksals mit einer Monsteraufgabe bedacht ist. Er und der Regisseur haben ganz genau auf Hitlers Diktion gehört, überzeichnen sie aber nie, machen sie nicht lächerlich, der Klang wirkt vollkommen charakteristisch. Und auch die „bescheidene“ Attitüde, die der „Führer“ nach außen hin pflegte, sorgt dafür, dass man kein Monster vor sich hat, vor dem man sich mit Abscheu abwenden würde. Sondern einen Mann, dem man mit Interesse zusieht und zuhört. Wie heißt es doch in Lessings „Emilia Galotti“? „Verführung ist die wahre Gewalt.“
Dafür lässt Birkmeir rund um „Hitler“ einen wahren Medien-Veitstanz aufführen, der uns gar nicht so fremd vorkommt, sieht man in die heutige Medienlandschaft der Manipulation, des Trickens, der Hörigkeit von Clicks, Likes und Werbeeinnahmen. Wenn Hubsi Kramar seine Hitler-Satiren letztendlich nicht auf kleinem Feuer gekocht, sondern ausgereizt hätte, könnte man sich den Medienwirbel (samt hoch gestochener Leitartikel-„Interpretationen“, „Experten“-Meinungen, Diskussionsrunden) mühelos vorstellen…
Birkmeier hat nur drei Damen und drei Herren, die er mit den zahlreichen Rollen des Stücks betraut und durch das geschickte Bühnenbild von Sam Madwar schickt, der Hitler auch in die Welt heutiger Videobilder-Flut versetzt. Da ist Simone Kabst u.a. eine berechnende Fernsehchefin, Victoria Hauer u.a. eine Hitler-Sekretärin, die sein Nie-aus-der-Rolle-Fallen mit „Method Acting“ erklärt (so wie De Niro und Pacino!), Barbara Spitz die kritische Stimme der Vernunft. Und Martin Bermoser, Clemens Matzka und Thomas Höfner wandeln verschiedene Stadien männlicher Hysterie ab.
Es folgt noch eine Premiere, dann ist die Ära Thomas Birkmeir am Theater der Jugend in Wien, das er 2002/2003 übernommen hat, nach einer Marathon-Direktionszeit verlassen(immerhin vier Jahre mehr als Föttinger an der Josefstadt, und der ist schon ein Langzeit-Direktor). Sein Spielplan war gut für das Haus und die Schauspieler und ebenso gut für das jugendliche Publikum vieler Altersstufen, das er intellektuell auch immer heraus gefordert hat. Als Bearbeiter war er (fast) immer stilsicher und erfolgreich. Als Regisseur ein Mann mit sicherer Hand für ein Theater (fast) ohne Faxen. Er wird fehlen. Zum Abschluß hinterlässt er Wien den interessantesten Theaterabend, den die Stadt derzeit zu bieten hat.
Renate Wagner

